Mensch, Monster oder beides?

Mensch, Monster oder beides?

Bild: Emma Osmanovic

Was wäre, wenn dir plötzlich eine Kralle aus dem Zeigefinger wüchse? Eine bizarre Frage, die sich wohl kaum jemand gestellt haben dürfte. In Martin Lechners Coming-of-Age-Roman Die Verwilderung passiert jedoch genau das der 17-jährigen Marlies.

Ein Klischee jagt das nächste

Eine Besonderheit des Romans wird bereits auf den ersten paar Seiten offenbar: Er spielt mit Rollenklischees. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin ist Marlies, eine zynische Teenagerin, die keine Lust auf ihre Familie hat. Das kann man ihr auch kaum verdenken, denn ihre Mutter ist mit der Erziehung überfordert und flüchtet sich stattdessen in die Nähe ihres Freundes Wolfram. Der wiederum erfüllt jedes böse Stiefvater-Klischee, das man sich ausdenken kann: raumeinnehmend, selbstüberschätzend und aufdringlich. Ein patriarchales Arschloch wie es – buchstäblich – im Buche steht. Dann wären da noch der „Bad Boy“aus der Schule, auf den natürlich alle Mädchen abfahren und die demente Großmutter, von MarliesGromi“ genannt,die in Marburg wohnt.

Als die Kralle Einzug in mein Leben hielt

Marlies wird von ihrer Mutter über die Ferien zur „Gromi“ nach Marburg geschickt. Der Auftrag: Einschleimen und sicherstellen, dass diese ihnen nach dem Tod das Haus vererbt. Denn der Gärtner steht ihr scheinbar etwas zu nahe und man kann ja nie wissen, was am Ende im Testament steht…

Doch nach einer skurrilen Begegnung mit einer Raubkatze beginnt in ihrem linken Zeigefinger plötzlich eine Verwandlung. Marlies schämt sich dafür jedoch und sucht die Verantwortung für das Geschehene bei sich. Aufgrund ihres Unwillens, einen Arzt zu konsultieren, schwillt dieser beständig an, bis schließlich eine Kralle aus ihm hervorbirst. Fortan begleitet man Marlies in ihrem verzweifelten Unterfangen, irgendwie mit der Kralle in ihrem Finger zurechtzukommen. Das gestaltet sich jedoch als schwierig, denn die Kralle entwickelt ein Eigenleben. Sie zieht sich nach Belieben in den Finger zurück oder schießt explosiv wieder hervor. Was nun? Verbergen, kontrollieren, abschneiden?! Und währenddessen geht das Leben natürlich weiter.

Mit ihrem Stiefvater und der Mutter im Nacken versucht sie, die Kralle zu verbergen, parallel das Erbe am Haus zu sichern und gleichzeitig noch so etwas wie ein Privatleben zu haben. Ganz schön stressiges Multitasking also.

Ein Marburg aus Burschis und Beton

Den ersten Auftritt im Buch hat das wunderschöne Marburg übrigens in Kombination mit dem Wort „bescheuert“. Nach dem obligatorischen Umstieg unserer Protagonistin in Kassel-Wilhelmshöhe kommt sie endlich am Hauptbahnhof an. Ihre Ersteindrücke? Eine Studentenverbindung, die sich am Bahnhof die Kante gibt und der charmante Blick auf den Betonklotz von einer Stadtautobahn, der sich beim Verlassen des Bahnhofsgebäudes längs durch das Blickfeld zieht. Für Marburger*innen ein bekannter Anblick. Dennoch nicht sonderlich repräsentativ.

Kleider einkaufen geht Marlies selbstverständlich auch nicht irgendwo, sondern im Ahrens und wenn sie eine Brücke oder Straße überquert, muss ihr Name natürlich ebenso genannt werden. Marburg-Cappel wird übrigens ausschließlich synonym zu der dortigen Psychiatrie verwendet, die eine wiederkehrende Rolle in Lechners Roman spielt.

Ob man das alles nun als charmantes Stück Authentizität oder leicht aufdringliches Marburg-labeling betrachten will, muss jeder für sich entscheiden. Zumindest vergisst man nicht den Hauptschauplatz des Romans.

Ist die Liebe die Lösung?

Die Handlung des Romans wird vor allem von Marlies’ blühender Phantasie vorangetrieben, die ihr dabei hilft, sich die schlimmsten Szenarien auszumalen, sollte die Klaue entdeckt werden. Verzweifelt wägt sie ihre Optionen ab: Tierarzt oder Teufelsaustreiberin? Wer soll ihr nur in dieser verzweifelten Situation helfen?

Gleichzeitig flüchtet sie sich aber auch in die Liebe. Merten, der Nachbarsjunge ihrer Oma in Marburg, zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Vielleicht ist er ja der Richtige, um sich ihm zu öffnen und die Mutation zu offenbaren? Oder drängt sie lediglich die Verzweiflung zu ihm?

Große Worte und großes Potenzial

Die sprachliche Gestaltung des Romans ist sehr elegant, das ist eine der großen Stärken Lechners. In dieser Hinsicht hat das Buch eine Menge zu bieten. Doch ausgerechnet deshalb fehlt es Marlies, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, manchmal ein bisschen an Authentizität. Sie drückt sich selbst angesichts ihrer prekären Lage stellenweise zu gewählt aus, um noch wirklich glaubhaft wirken zu können.

Die Unterteilung des Romans in sieben Akte ist inhaltlich zwar überwiegend bedeutungslos, hilft aber beim Überblick angesichts der äußerst kurzen und daher zahlreichen Kapitel. Zur Mitte hin wird der Roman ein wenig träge und nimmt erst im letzten Drittel wieder an Fahrt auf. Und als man glaubt, es könnte nun endlich eine wirklich spannende und nervenaufreibende Situation entstehen, ist die Geschichte plötzlich zu Ende.

Mit der Klaue setzt sich die Geschichte auf zwei Ebenen, einer metaphorischen und einer realen, weltlichen, auseinander. Dieses Spiel auf zwei Deutungsebenen geht fast den gesamten Roman lang gut, nur damit am Ende diese zusätzliche Ebene plötzlich über Bord geworfen  und der völlig falsche Schluss gezogen wird. Das ist besonders unbefriedigend, weil großes Potenzial in den letzten Kapiteln steckt. Hier wurde eine Chance vertan, denn es gäbe gewiss unzählige Möglichkeiten, der Geschichte eine neue Dimension und einen befriedigenden Ausgang zu verleihen.

Was soll es bedeuten?

Obwohl der Titel des Romans klar an Die Verwandlung erinnert, hat er im Grunde wenig Kafkaeskes an sich. Er zeigt stattdessen deutlich, dass man unter der Prämisse einer plötzlichen und unerklärlichen Verwandlung (respektive Verwilderung) einer Figur auch ein Werk erschaffen kann, das zugänglicher ist als Kafkas. Ein Werk, das den Fokus eher auf die weltlichen Dinge und Beziehungen legt, statt tief in die Psyche des Protagonisten einzutauchen. Das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche des Romans. Denn so entsteht zwar eine beredete Erzählung voller Komik, die durchweg unterhält und auch in der Lage ist, Spannung aufzubauen, am Ende aber bedauerlicherweise die Botschaft aus den Augen verliert.

(Lektoriert von sel und mas.)

kommt aus Bielefeld, studiert Politikwissenschaft, Soziologie sowie neuere deutschsprachige Literatur und ist seit 2025 bei PHILIPP. Mag Füller, Veggie-Döner und alte Filmklassiker.

2 Kommentare zu „Mensch, Monster oder beides?

  1. Vielleicht hätte ich noch lobend hervorheben sollen, dass Lechners Roman auch deutlich weniger inzestuös ist als „Die Verwandlung“. Auf derart schmutzige Ideen wie dort muss man ja erst mal kommen. Dieser Herr Kafka sollte sich schämen!

  2. Ich finde es vorzüglich, dass dem Verschollenen, dem Ende dieses Romans, in dieser Rezension der Process gemacht wird. Vielleicht wäre die Verwandlung des Romans in etwas besseres aber dann doch gut gewesen, um das Urteil Vor dem Gericht besser ausfallen zu lassen. Dass es im Buch keinen Schlag ans Hoftor des Schlosses gegeben hat, finde ich allerdings unergründlich. Als hätte man beim Bau der chinesischen Mauer vergessen, den Unterstaatsanwalt zu informieren. Dem Autor, welcher sicher ein ehrgeiziger Student seines Faches ist und schon dein ein oder anderen Einführungsvortrag über Jargon gehört haben muss, sollte man aber trotzdem sagen: Gibs Auf!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wordpress Social Share Plugin powered by Ultimatelysocial
Instagram