Das widersprüchliche Leben eines Dichters: Kersten Knipp liest aus „Die Zwei Leben des Arthur Rimbaud”

Das widersprüchliche Leben eines Dichters: Kersten Knipp liest aus „Die Zwei Leben des Arthur Rimbaud”

Bild: Martha Schoop

Ein jugendliches Genie, das zu einem der einflussreichsten Dichter Frankreichs wurde und später als Kolonial- und Waffenhändler in Jemen und Äthiopien lebte. Dieses widersprüchliche Leben des französischen Lyrikers Arthur Rimbaud stellte der Journalist und Autor Kersten Knipp in einer Lesung im TZZ vor. Auf Einladung des Marburger Literaturforums sprach er über sein Buch Die zwei Leben des Arthur Rimbaud und zeichnete die Biografie des in Deutschland kaum bekannten Dichters nach.

Das erste Leben von Rimbaud als junger Dichter

Trotz großer Hitze finden sich interessierte Besucher*innen zur Lesung ein, bei der Kersten Knipp zunächst von der Entstehung seines Buches erzählt. Der Anstoß für seine intensive Beschäftigung mit Arthur Rimbaud kam durch eine Anfrage der Zeitschrift Zenith, einen Artikel über den relativ unbekannten zweiten Lebensabschnitt Rimbauds zu schreiben. Er beschreibt die Auseinandersetzung mit dem Autor als eine „Symbiose aus meinem Interesse am Nahen Osten und der Romanistik”. Besonders interessiert habe ihn die Frage, wie ein so genialer und junger Dichter dazu gekommen sei, nur noch durch die Welt zu reisen und partout nicht mehr schreiben zu wollen. Daran anschließend hebt Knipp noch einmal die Bedeutung Rimbauds hervor. Dieser gehört bis heute zum Kanon der französischen Literatur und zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des Landes.

Die Begeisterung für Rimbauds Werk und dessen besondere Art des dichterischen Ausdrucks ist Knipp deutlich anzumerken. Er beschreibt den Dichter als ungeheuer expressiv im geschriebenen Wort und hebt hervor, wie bewusst er mit dem damals üblichen Schreibstil brach. Durch diese radikale Abkehr von den literarischen Konventionen lässt sich Rimbaud für Knipp als eine Art Punk der Literatur beschreiben. Seine Literatur sei als Gegenentwurf zur damaligen Gesellschaft zu verstehen. Auch Rimbauds Lebensumstände und seinen Weg zum Schreiben schildert Knipp ausführlich. Mit einer strengen und religiösen Mutter sowie dem Aufwachsen in einem relativ entlegenen Ort habe es für Rimbaud viele Gründe gegeben, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen. Weil er aufgrund dieser Herkunft jedoch die bürgerlichen Umgangsformen nicht verinnerlicht habe, sei er unter den Pariser Großstadtdichtern aufgefallen.

Lyrik durch Überwältigung mit Worten

Daran anschließend gibt Knipp zunächst einen Einblick in das dichterische Schaffen Rimbauds. Er habe keine kontrollierte und lediglich auf schöne Worte bedachte Literatur verfassen, sondern sich radikal allen Gedanken und Eindrücken öffnen wollen. Dieser beinahe surrealistische Ansatz ziele darauf ab, dass der Dichter sich von den Worten überwältigen lasse. Auch deshalb seien in Rimbauds Gedichten Formulierungen mit falscher Grammatik zu finden, mit denen er sich von den üblichen sprachlichen Regeln freimachte.

Knipp erläutert diese Gedanken daraufhin am Gedicht Das trunkene Boot. Darin greift Rimbaud Bilder der europäischen Seefahrt und des Warenhandels auf, während Meer und Boot zugleich als Sinnbild absoluter Freiheit erscheinen. Auch hier zeige sich sein dichterischer Ansatz in der Schilderung der bewussten Hingabe an alle Elemente der Natur. Das Gedicht endet damit, dass sich das lyrische Ich zwar nach dem Hafen zurücksehnt, diesen jedoch nach der Rückkehr zugleich als blassen und langweiligen Ort ansieht. Anhand des Gedichtes Adieu erläutert Knipp noch einmal, dass im französischen Original die Frische und Beiläufigkeit von Rimbauds Sprache besonders deutlich werde. Bei Übersetzungen gehe dies insbesondere durch die Übertragung der Reime teilweise verloren.

Der Weg zu Rimbauds zweiten Leben

Nach diesem ausführlichen Einschub zum frühen Leben und der Lyrik von Rimbaud wendet sich Knipp dem Ende der Schriftstellerkarriere des Dichters zu. Er beschreibt die Beziehung zu dessen engen Freund und Geliebten Paul Verlaine, die von Höhen und Tiefen geprägt war: Beim letzten Streit soll Verlaine betrunken auf Rimbaud geschossen haben. Rimbaud habe das Schreiben immer auch mit seinen persönlichen Problemen wie dem Scheitern der Beziehung verbunden. Gleichzeitig habe er auch große Probleme gehabt, Verleger zu finden und ausreichend Geld mit seiner Lyrik zu verdienen. Hinzu sei noch ein großes Alkoholproblem gekommen. Nach der Darstellung dieser zahlreichen Schwierigkeiten kommt Knipp schließlich auf das zweite Leben Rimbauds zu sprechen. Er schildert, wie der Dichter der Literatur für immer den Rücken kehrt und einen kompletten Neuanfang vollzieht.

Anhand eines Fotos, das erst 2008 von Antiquitätenhändlern zufällig auf einem Flohmarkt entdeckt wurde, leitet Knipp zur Lebensphase als Kolonial- und Waffenhändler über. Das Foto zeigt Rimbaud in Aden im heutigen Jemen, das damals ein wichtiger Umschlagplatz für koloniale Waren war. In den folgenden Jahren seines Lebens lebte er sowohl in Aden als auch in Harar in Äthiopien, das zu dieser Zeit ein bedeutender Kaffeeproduzent war.

Knipp führt seine Ausführungen mit einer persönlichen Einschätzung fort und beschreibt die Briefe Rimbauds an seine Mutter als das Traurigste überhaupt. Der Dichter falle darin in den Jargon seiner Provinz zurück, während von seiner beeindruckenden Dichtersprache nichts mehr übrig bleibe. Gleichzeitig werde in den Briefen deutlich, dass Rimbaud auch während seiner Zeit als Händler nicht glücklich geworden sei. Immer wieder habe er seiner Mutter geschrieben, dass ihm sein Leben überhaupt nicht gefalle. Auch nachdem Rimbaud einen Kaffeehandel in Harar übernommen hat, zieht sich laut Knipp eine Konstante durch sein Leben: Er habe sich nie vollständig mit einem Ort oder einer Gegenwart identifizieren können.

Kritischer Blick auf seine Zeit in Jemen und Äthiopien

Knipp geht im weiteren Verlauf der Lesung auf einen heute kontrovers diskutierten Aspekt des Lebens von Rimbaud ein. Er sei vor Jahren beschuldigt worden, als Sklavenhändler tätig gewesen zu sein. Inzwischen gelte dieser Vorwurf jedoch als widerlegt. Knipp betont jedoch, dass Rimbauds Rolle dennoch keineswegs unkritisch zu bewerten sei. So habe er die französische Regierung davor gewarnt, den Sklavenhandel zu verbieten, da sie sich dadurch die wirtschaftliche Elite der Region zum Feind machen würde. Auch seine Tätigkeit als Waffenhändler, die er mit einer Lizenz der französischen Regierung in Äthiopien ausübte, betrachtet Knipp kritisch. Rimbaud selbst habe darauf stets einen rein pragmatischen Blick gehabt.

Zum Abschluss der Lesung beschreibt Knipp das Ende von Rimbauds Leben. Nach einer schweren Beinverletzung litt der Dichter unter starken Schmerzen und konnte sich schließlich nicht mehr selbstständig bewegen. Er musste daraufhin durch die Wüste getragen und nach Frankreich zurückgebracht werden. Nach der Amputation seines Beins in Marseille sah er seine Familie und insbesondere seine Mutter wieder. Knipp hebt hervor, dass Rimbaud auch zu diesem Zeitpunkt noch zurückkehren wollte, weil er dort auch durchaus enge Verbindungen zu Europäern und Afrikanern aufgebaut habe. Bevor er jedoch zurückreisen konnte, starb er infolge seiner Verletzung noch in Frankreich.

Ein Dichter voller Widersprüche

In der abschließenden Diskussion wird deutlich, dass der Widerspruch zwischen Rimbauds herausragender Dichtertätigkeit und seinem späteren Leben als Kolonial- und Waffenhändler auch das Publikum beschäftigt. Knipp und die Zuschauer*innen sind sich dabei einig, dass Rimbaud trotz seiner literarischen Bedeutung nicht unkritisch idealisiert werden sollte. Auf Nachfrage erklärt Knipp außerdem, dass Rimbaud zu seiner aktiven Zeit als Dichter nur in der Pariser Literaturszene bekannt war. Seine öffentliche Berühmtheit habe sich erst später entwickelt. Er sei jedoch bereits während seiner Zeit in Aden und Harar bekannter geworden. Zu diesem Zeitpunkt seien auch schon einzelne Zeitungsartikel über ihn erschienen, von denen Rimbaud einige erhalten habe. Es sei bekannt, dass er diese Artikel zumindest aufbewahrt habe.

Während der Lesung gelingt es Kersten Knipp, seine Begeisterung für Rimbauds Lyrik und seine Faszination für das widersprüchliche Leben des Dichters an das Publikum weiterzugeben. Er zeigt Bilder von seinem Besuch in Rimbauds Heimatort Charleville und berichtet, dort eine große Anzahl der zahlreichen Bücher über Rimbaud gekauft zu haben. Dieses spürbare Interesse an seinem Thema nimmt man Knipp leicht ab, wodurch auch Besucher*innen ohne vorherige Kenntnisse über Rimbaud leicht einen Zugang zu dessen Lebensgeschichte finden. Auch Knipps durchdachte Auseinandersetzung mit Rimbauds Persönlichkeit und seine kritische Beleuchtung der Zeit als Kolonial- und Waffenhändler bereichert die Lesung und ermöglicht einen differenzierten Blick auf den Dichter. Lediglich eine längere Verlesung einer Passage aus dem Buch hätte die Veranstaltung noch stärker bereichern können. Dennoch gelingt Knipp ein überzeugender Einstieg in das Leben eines in Deutschland relativ wenig bekannten Autors, dessen spannende und widersprüchliche Lebensgeschichte er faszinierend darstellt.

(Lektoriert von sel und nag.)

studiert im Master Internationale Strafjustiz und ist seit dem Wintersemester 2024 bei Philipp. Interessiert sich journalistisch besonders für politische und kulturelle Themen.

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