Traditionen überdenken – BESSER (spät) ALS NIE: Eine Lesung mit Stephan Thome

Traditionen überdenken – BESSER (spät) ALS NIE: Eine Lesung mit Stephan Thome

Foto: Cora Dockhorn, Layout: Nelli Lindner

Faktuales trifft Fiktionales

Alle sieben Jahre feiert Biedenkopf, eine Kleinstadt ganz in der Nähe von Marburg, ein traditionelles Volksfest mit dem Namen „Grenzgang”. Erinnert wird dabei an das Abgehen der Stadtgrenze im späten Mittelalter, um das Territorium der Stadt zu markieren.¹︎

Heutzutage ist für diese historische Tradition ein Festumzug zentral, an welchem unterschiedliche Repräsentant*innen teilnehmen. Führend ist dabei die Rolle des sogenannten „Mohren”, welche vor allem wegen des unzeitgemäßen Blackfacings durch einen weißen Darsteller in der Kritik steht. 

Dieses reale Fest wurde von dem Autoren Stephan Thome bereits in seinem Roman Grenzgang aus dem Jahr 2009 thematisiert und in den fiktiven Ort Bergenstadt verlegt. In seinem aktuellen Werk Besser als nie wird das Volksfest erneut aufgegriffen und durch die Perspektive von vorherigen Nebenfiguren beleuchtet.

Zwischen Tradition und Reflektion 

Am 8. September 2026 präsentiert Stephan Thome im Marburger Technologie-und Tagungszentrum (TTZ) drei Passagen aus seinem Roman. Den Fokus legt er bei seiner Textauswahl auf die Diskussion über die Rolle des „Mohren” im Festumzug. 

So sieht sich der Bürgermeister Bergenstadts, Jürgen Bamberger, in der ersten Textpassage mit kritischen Fragen in einem HR-Interview konfrontiert und bemüht sich, die Tradition zu rechtfertigen.

Eine andere Passage ermöglicht den Einblick in Bambergers Familiendynamik, da er erstmals gemeinsam mit Frau und Kindern am Abendtisch das ausgestrahlte Interview zu sehen bekommt. Im Gegensatz zum Vater positioniert sich seine Tochter bewusst gegen die Tradition des Volksfestes. 

Mittels einer anderen Passage zeigt Thome zudem eine konservative Gegenposition. Der Bürgermeister hätte die Tradition nicht vehement und stark genug verteidigt. 

Sein Auftreten wird von mehreren Seiten kritisiert und verurteilt. Der Roman präsentiert verschiedene Perspektiven auf das umstrittene Volksfest, das sowohl als rassistisch verurteilt als auch zu rechtfertigen versucht wird.

Was muss ein Roman leisten? 

„Romane sind nicht zum Rechthaben da, sondern zum Erkunden”, sagt Stephan Thome, als er sich zu der Rolle seines Romans in der aktuellen Debatte positioniert. Für ihn steht es nicht im Fokus, seine Meinung durch einen Buchdeckel hindurch in die Welt zu tragen und den Text als persönliches Sprachrohr zu benutzen. Stattdessen äußert er bewusst „Interesse am Erkunden des Ambivalenten und der inneren Grauzonen der Figuren”. Genau deswegen ist Jürgen Bamberger lediglich eine von mehreren zentralen Figuren in einem multiperspektivisch erzählten Roman. Thome reizt die „große Lücke der Wahrnehmungen“, ohne seine eigene Meinung zu teilen. Er nennt lediglich die „Problematisierung des Konfliktes” als Ziel seines Romanes. 

Immer wieder beschäftigt er sich mit der eigens formulierten Frage: „Kann man Haltung artikulieren, ohne eine bestimmte Position einzunehmen?”

Position beziehen außerhalb der Fiktion

Auch wenn Thomes eigene Position zu dem Blackfacing-Konflikt im Roman nicht erkennbar wird, äußert er sich doch bewusst in Interviews und verheimlicht seinen Standpunkt auch auf der Marburger Lesung keineswegs. 

In der Stadt Biedenkopf gibt es bereits Vorschläge zur Umbenennung des „Mohren” in einen Major und auch der Verzicht auf schwarze Farbe wird thematisiert. Thome selbst hat eine Petition unterschrieben, die sich für eine zeitgemäße Anpassung der Tradition einsetzt und den rassistischen Vorwürfen sensibel begegnet. 

Im offenen Nachgespräch teilt Thome seine Erfahrungen vom Biedenkopfer Grenzgang im Jahr 2019, bei welchem beispielsweise auf Bettlaken deutliche Kritik am Blackfacing durch die Bevölkerung geäußert wurde. 

Persönlich führte Thome ein Gespräch mit dem Biedenkopfer Bürgermeister und riet ihm, in diesem Zusammenhang selbst konkret Stellung zu dem Konflikt zu beziehen. Allerdings wurde ihm daraufhin vorgeworfen, dem Ruf der Stadt mit seinen Romanen zu schaden. Daraufhin drängt sich dem Autoren die Frage auf: „Schadet es nicht eher dem Ruf der Stadt, dieses Fest schweigend weiterzuführen, als in einem Roman darüber zu sprechen?”

Titel des Romans  

Am Ende des Abends stellt sich im Publikum die Frage nach der Wahl des Titels Besser als nie. Thome erwidert, dass er vorerst den Arbeitstitel Bleibt alles anders wählte. Diesen verwarf er allerdings nach seiner Realisation, dass dies ebenfalls der Titel eines Herbert Grönemeyer Albums sei. 

Der endgültige Titel solle lediglich Neugierde wecken und erinnere zugleich an das Sprichwort „Besser spät als nie”.

Für mich steht am Ende des Abends eindeutig fest: Besser spät als nie Konflikte beleuchten und Traditionen überdenken. 


¹︎ https://www.grenzgangsverein.de/geschichte (letzter Zugriff: 25.9.26).

(Lektoriert von sel und nag.)

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