„The Sound of the Border“ – KFZ-Ausstellung zu Gewalt an bosnisch-kroatischer Grenze

„The Sound of the Border“ – KFZ-Ausstellung zu Gewalt an bosnisch-kroatischer Grenze

Bild: Martha Schoop

Ein paar Schuhe, dutzende Handys, halbleere Medikamentenpackungen. Die verkohlten Gegenstände liegen ausgebreitet auf einem Tisch in der Raummitte. Im Hintergrund hört man lautes Windrauschen, das Geräusch von Schritten auf Kies, gelegentliche Gesprächsfetzen. Die Ausstellung „PUSHBACK – Entrechtung. Gewalt. Zurückweisung.“ im KFZ Marburg erzeugt eine bedrückende Stimmung, und versucht so, die Erfahrung von Migrant*innen an der bosnisch-kroatischen Grenze erfahrbar zu machen.

Ein gemeinschaftliches Projekt

Zur Eröffnungsfeier der Ausstellung „PUSHBACK“ am Mittwochabend haben sich zahlreiche Menschen vor dem KFZ Marburg versammelt. Untermalt von einer Theatervorführung der DIDF-Jugend sowie der IJV Marburg, stellen die Kooperationspartner des Events, das Bündnis Seebrücke, sich vor und betonen die Relevanz der Ausstellungsthematik in der aktuellen politischen Situation. Gegründet als eine zivilgesellschaftliche Organisation, die sich für mehr Solidarität in der Migrationspolitik einsetzt, hatte Seebrücke bei der Umsetzung des Projektes mitgewirkt. Die EU sei in Migrationspolitik nicht nur der „großzügige Akteur“, so die Vertreterinnen, sondern trage auch selbst zu einer prekären Lage für Flüchtende bei.

Auf eben jene prekäre Lage solle die Ausstellung aufmerksam machen, erzählt Juli aus dem Kollektiv „Sachsen muss aufnehmen“, die gemeinsam mit einer Freundin, Masa, die Idee für die Ausstellung „PUSHBACK“hatte. Während eines längeren Aufenthalts in der bosnisch-kroatischen Grenzregion habe Masa in einer Tonspur die Erfahrungen und Erlebnisse von Personen festgehalten, die über Bosnien in die EU zu flüchten versuchten. Das habe sie beide dazu inspiriert, weitere Eindrücke aus dem bosnisch-kroatischen Grenzgebiet zu sammeln, und die dortige Stimmung in der Form einer Ausstellung aufzuarbeiten.

Die Stimmen der Betroffenen

Seit ihrer Eröffnung in Dresden 2024 war „PUSHBACK“ bereits in mehreren Ländern und deutschen Städten zu besichtigen. Jetzt ist sie auch in Marburg zu sehen. „Die Ausstellung soll Platz bieten für die Geschichten und Stimmen der Betroffenen“, erzählt Juli. Durch ein audiovisuelles Erlebnis sollen mehr Menschen erreicht und der Alltag von flüchtenden Menschen an den EU-Grenzen erfahrbar gemacht werden.

Bei einem Besuch der Ausstellung ist diese Erfahrbarkeit spürbar. Der Raum ist dunkel, nur von einigen Lichtquellen erhellt, die Fotografien, Kunstwerke und Erfahrungsberichte der Betroffenen beleuchten. An der Kopfseite des Raumes werden Filmaufnahmen aus der Grenzregion gezeigt: weite, verlassene Landstriche. Hinter allem schwebt die von Masa erzeugte Geräuschkulisse. Wind, Regen, ein penetrantes Rauschen, das beinahe bedrückend wirkt. Darübergelegt ihre eigene Nacherzählung, und die Stimmen von Migrant*innen, die persönlich ihre Geschichten teilen: „The Sound of the Border“ – Die Geräusche der Grenze.

Die Gegenstände, welche in der Mitte des Tisches beleuchtet werden, formen ein ernüchterndes Bild. Privatgegenstände der Flüchtenden, ob Handys, Kleidung oder Medikamente, welche ihnen von kroatischen Grenzpolizist*innen entrissen und anschließend verbrannt wurden. Persönliche Erfahrungsberichte erzählen von körperlicher Gewalt und Übergriffen durch Grenzpolizist*innen an jenen, die beim Grenzübergang gefasst werden. Auch das sei Ziel der Ausstellung, so Juli: die bittere Realität der sogenannten „Pushbacks“ darzustellen. Wenn manche Eindrücke auch schockierend wirken mögen, so seien sie für Flüchtende doch ein alltägliches Erlebnis.

Realität der „Pushbacks“

„Pushback“: zum Unwort des Jahres 2021 gewählt. Ein Begriff für die Zurückdrängung von Migrant*innen an europäischen Außengrenzen, welche die gewaltsame Realität solcher Praktiken beschönige und die Mitschuldigkeit der zuständigen Behörden verberge. Die bosnisch-kroatische Grenze ist eine der häufigsten Einreiserouten für Asylsuchende in der EU. Jährlich versuchen zehntausende Migrant*innen über die sogenannte Balkanroute in die EU zu gelangen und werden dabei in illegalen und gewaltsamen Konfrontationen an Grenzübertritten gehindert, so zum Beispiel auch bei der Überquerung des Mittelmeers zwischen der Türkei und Griechenland. An der bosnisch-kroatischen Grenze werden Asylsuchende vor allem durch die kroatische Grenzpolizei zurückgedrängt. „Die Brutalität davon sollte schon rüberkommen“, erzählt Juli im Gespräch.

Hoffnung trotz Rückschlägen

Doch die Geräusche der Grenzregion seien eben nicht nur Gewalt und Hoffnungslosigkeit, sondern auch Widerstand und Zusammenhalt. „Wir, als Freiwillige sind nicht die wahren Aktivist*innen,“ so Masa in ihrer Audiospur. Das seien die Menschen, die Tag für Tag versuchten, die Grenzen zu überqueren, trotz jeglicher Rückschläge. Juli ergänzt, auf Nachfrage, ob sie noch etwas hinzufügen möchte, lediglich: „Mir bleibt nur zu hoffen, dass es allen Menschen gut geht, die ihre Erfahrungen in dieser Ausstellung geteilt haben. Von einigen habe ich schon lange nichts mehr gehört.“

(Lektoriert von fdh und mas.)

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