„Während einer Nachtschicht muss ich 56 Menschen mit Behinderung betreuen“

„Während einer Nachtschicht muss ich 56 Menschen mit Behinderung betreuen“

Jeder zweite Student arbeitet neben seinem Studium in einem Nebenjob. In unserer neuen Reihe „Das anonyme Nebenjobprotokoll“ erzählen uns Studierende von ihrer Arbeit.

Name: Anonym
Alter: 22
Position: Aushilfe in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen
Verdient: 11 – 13 Euro pro Stunde

Halb neun Uhr abends. Ich trete meine Nachtschicht an. In den nächsten zehneinhalb Stunden werde ich, mit einem anderen Fachangestellten, für 56 behinderte Menschen zuständig sein. Damit fühle ich mich teilweise immer noch überfordert. Ich arbeite in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung – und das ohne richtige Ausbildung.

Den Nebenjob habe ich mir damals ausgesucht, weil ich einen Ausgleich zu meinem Jura – Studium gebraucht habe. Ich lerne sehr viel, sitze stundenlang in der Bibliothek und habe dabei immer dieselben Menschen um mich herum. Der Job in der Einrichtung ist einfach mal etwas anderes und ich habe das Gefühl etwas Gutes zu tun.

Mein Arbeitsalltag sieht immer gleich aus: Tagsüber begleite ich zwölf Patienten in ihrem Alltag. Ich wecke sie, helfe ihnen sich zu waschen, frühstücke mit ihnen, beschäftige sie über den Nachmittag oder begleite sie zu Arztbesuchen. Am meisten mag ich es, wenn ich etwas mit ihnen erarbeite und das Schreiben oder Lesen  üben kann. Dabei kann man nämlich Fortschritte sehen.

Trotzdem sind mir die Nachtschichten am liebsten. Es ist ruhiger, nicht so hektisch und man hat viel mehr Zeit für die einzelnen Patienten. Obwohl ich nicht alle 56 Patienten, die ich betreuen auch bettfertig machen muss, bin ich dann aber den Rest der Nacht für sie verantwortlich. Dann sind nur noch die ausgebildete Pflegekraft und ich als Aushilfe da.

Manchmal fühle ich mich wie ins kalte Wasser geworfen. Da ich davor schon einmal in einer Pflegeeinrichtung gearbeitet habe, wurde ich direkt auf die Station mit den Problemfällen verfrachtet. In meiner Einarbeitungswoche hatte ich aber nicht wirklich das Gefühl genug betreut zu werden und danach auch nicht ausreichend ausgebildet dafür zu sein. Teilweise erledige ich dieselben Aufgaben wie das Fachpersonal.

Ich bin überfordert, wenn ich alleine mit Menschen bin, die jederzeit Anfälle bekommen können. Das Pflegepersonal hatte mir dazu nur erklärt: „wenn was passiert einfach das Medikament geben oder den Arzt rufen“. Aber wie genau ich das Medikament geben muss, dass konnten sie mir auch nicht verraten. Bei zu vielen Nachfragen wurden sie sehr schnell sauer und unfreundlich.

Prinzipiell würde ich das Arbeitsklima im Team als sehr schwierig beschreiben. Die meisten sind schroff zu einem und es gibt immer wieder Streit untereinander. Ich glaube das ist auch ein Grund warum viele studentische Aushilfen, trotz einem relativ hohen Lohn von elf bis dreizehn Euro, schon gegangen sind. Deswegen würde ich den Job nicht unbedingt an jeden weiterempfehlen. Meiner Meinung nach braucht man dafür ein „dickes Fell“. Trotzdem bereue ich meine Entscheidung bis heute nicht, denn zu sehen wie glücklich und dankbar die Menschen über meine Hilfe sind – das macht alles andere wieder wett.

Foto: CC Andreas Kollmorgen, unverändert

+ posts