Sneak Review #79 – Before I Fall

Sneak Review #79 – Before I Fall

Vorhang auf für “Before I Fall” von Ry Russo-Young. Laut IMDb handelt es sich um ein Mistery-Drama. Das kann man wohl so stehen lassen, auch wenn die ersten Anzeichen stark in Richtung Teenie-Trash-Horror-Streifen deuteten. Ein Film in seiner eigenen Schleife, aus welcher die Protagonistin versucht auszubrechen. Unser Autor wäre auch gerne aus dem Kino ausgebrochen.

Der große Saal für die deutsche Fassung der Sneak ist randvoll. Eigentlich eine gute Voraussetzung für den Abend. Als die Produktionsfirmen „Open Road“ und „Awesomeness“ eingeblendet werden, keimt allerdings direkt ein Gefühl der Skepsis auf.

Der Film läuft an und zeigt eine Szenerie, welche aufgrund des Landschaftsbilds und den ungesättigten Farben direkt an Twilight erinnert. Die Skepsis verwandelt sich in Panik. Plötzlich fällt auf, dass die Tonspur des Films stark verzerrt klingt, als hätte jemand am Auto-Tune-Regler herumgespielt. Der Film wird angehalten und ich bekomme Zeit zum Durchatmen. Der Moderator der Sneak betritt die Bühne und versucht auch nach dem zweiten missglückten Versuch mit der Tonspur die Situation durch Fragerunden zu überbrücken. Kurz nachdem die ersten verärgerten Gäste den Saal verlassen, um ihre 4,20€ zurückzufordern, geht es zu einem weiteren Anlauf, der endlich gelingt. Ich habe das Gefühl, dass sich „Awesomeness“ mittlerweile auf meine Netzhaut eingebrannt hat.

Doch keine Twilight-Fortsetzung

Während die vier Protagonistinnen zu Alternative-Musik im „Young Wild & Free“-Stil, beispielsweise auf Autodächern sitzend und tiefgründig in die Ferne schauend, ihre Präsenz markieren, wird klar, dass es sich nicht um einen weiteren Twilight Film handelt. Aufatmen. Wobei – ist das zwingend eine gute Nachricht? Die Handlung findet in einer Art kanadischer Beverly Hills statt. Pompöse Villen in einer leicht bewaldeten Hügellandschaft. In einem dieser prunkvollen Behausungen wohnt auch das wichtigste Mädchen der Gruppe – Samantha „Sam(y)“ Kingston – gespielt von Zoey Deutch. Sofern „Why Him?“ oder „Dirty Grandpa“ nicht zum Repertoir der cineastischen Kenntnisse gehören, ist die 22-jährige kein bekanntes Gesicht.

Die Geschichte startet mit dem Morgen des „Cupid-Day“, welcher wohl mit dem Valentinstag gleichzusetzen ist. Samys Tagesablauf wird vom Aufstehen und dem abfälligen Verhalten gegenüber ihrer Familie, über den Tag in ihrer Highschool bis hin zur Party beim unbeliebten Looser der Schule, Kent McFuller (Logan Miller), der aber glücklicherweise ´ne fette Party in seiner noch fetteren Hütte schmeißt, dargestellt. Zu Hause findet sie ihre liebevolle, kleine Schwester einfach nur nervig, in der Schule bekommt sie haufenweise Rosen überreicht (Rosen verhalten sich proportional zum Coolheitsquotient) und der nerdige Gastgeber der Party steht anscheinend auf Samantha, welche allerdings mit dem heißesten Kerl der Schule liiert ist. Wichtig in diesem Kessel pubertärer Spielfiguren ist auch die diffamierte Außenseiterin „Juliet“ (Elena Kampouris), welche von der Gruppe unablässig gemobbt wird.

Die Mädelsclique stellt sich als stark überzeichnete, oberflächliche „Girly-Group“ heraus – jeder Charakter irgendwie individuell und doch hat das selbstbewusste Kollektiv nur ein Ziel: Samy muss am Cupid-Day ihre Jungfräulichkeit an ihren Casanova aka Rob verlieren. Das Ganze wirkt auf unbequeme Weise stereotypisch für einen handlungsarmen Trashmovie. Als die Gang mit dem Auto auf dem Rückweg von der Party ist, scheint sich das Genre zu einem Teenie-Horrorfilm entwickelt zu haben. Hat der folgende Autounfall bei nebliger Nacht vielleicht etwas mit dem Zwischenfall auf der Party zu tun? Als Lindsay (Halston Sage), die Gruppenvorsitzende, eine Demütigung der spontan hereinspazierenden Juliet anzettelt und diese sich im Zuge dessen das Leben nimmt?

Die Schleife der positiven Auswirkungen

Tatsächlich kommt es hier zu einer angenehmen Wende im Film. Sam wacht in ihrem Bett auf und findet sich an dem Ausgangszeitpunkt – der Morgen des Cupid-Day – zurückversetzt. Anfangs verdutzt, stellt sie nach einigen Wiederholungen dieses Prozederes fest, dass sie in einer Schleife feststeckt. Sie ist dazu verdammt, ein und denselben Tag immer wieder zu durchleben. Da sie aber als Einzige die Erinnerungen an den letzten Loop behält, bekommt sie die Chance, den gleichen Tag konsequent umzugestalten. Im Zuge zunehmender depressiver Verstimmung durchlebt Samantha die Metamorphose zum altruistischen Gutmenschen und beweist sich als Retterin der Unterdrückten, zu welchen unter anderem auch ihre kleine Schwester gehört. Gleichzeitig rückt Juliets Selbstmord in den Vordergrund und wird so Punkt 1 auf Samys ‚Ich-ändere-mein-bisheriges-Miststück-Verhalten-Agenda‘.

Was bleibt am Schluss? Ein vorhersehbares Ende, ein Teeniestreifen, welcher in profaner Stumpfheit richtige von falschen Normen und Werten unterscheiden will und der halbherzige Versuch, sich der Thematik des Suizids von Jugendlichen anzunehmen (und das zu Zeiten von „13 Reasons Why“). Ein Haufen abgedroschener, pathetischer Floskeln zum Ende hin runden das Ganze ab und machen die Enttäuschung komplett. Die Krone wird dem Ganzen durch eine weitere Unfassbarkeit aufgesetzt: „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“. Was im ersten Moment als ein wahlloses Zitat im Abspann identifiziert wird, stellt sich im Nachhinein als offizieller Titel für die deutschen Kinos heraus. Viel Spaß beim Anschlagen an die Kinotafeln.

FOTO: IMDb

Zufriedener Student der Sprache und Kommunikation. Lebt für elektronische Musik, Filme mit Tiefgang und gutes Essen.