Sneak Review #78 – Berlin Syndrome

Sneak Review #78 – Berlin Syndrome

Mit „Berlin Syndrome“ lief diese Woche ein Psychothriller, der zum Selberdenken zwingt. Wer keine Lust hat mitzudenken wird nämlich schon vor Ende des zweistündigen Films im samtigen Weich des Kinosessels eingeschlafen sein. 

Der Vorspann des Films läuft an. „Film Victoria“ und „Screen Australia“ sind unter den Produktionsfirmen zu sehen. Ein australischer Film also. Vielleicht irgendetwas mit Surfen und Strand. Oder ein Schatz im Outback? Der Titel des Films, „Berlin Syndrome“, stellt dann den tatsächlichen Spielort des Films klar: Berlin. Immerhin, es geht um eine australische Backpackerin in Berlin. Mit so viel Klischee muss sich der:die Zuschauer:in dann aber auch bei „Berlin Syndrome“ begnügen. Das Berlin Syndrome, an dem die Hauptprotagonistin Clare (Teresa Palmer) erkranken soll, ist auch kein Berlin-Typisches. Weder ist sie vom vielen Projekte-Pitchen überlastet noch reiste sie nach Berlin, um wilde Partynächte à la Victoria zu erleben. Hätte sie doch besser einmal! Denn der Titel ist eine Anspielung auf das Stockholm Syndrom. Damit kann man sich den Plot dann auch schon fast denken.

Eingesperrt in einer adretten Zweizimmerwohnung

Clare, die als Fotografin in Brisbane gearbeitet hat, backpackt in Berlin, um life experience zu sammeln. So erzählt sie es zumindest Andi (Max Riemelt). Als sie gerade dabei ist, Kreuzberg zu erkunden, lässt Andi nicht unabsichtlich einen Stapel Bücher neben ihr herunterfallen. Sie möchte ihm beim Aufheben helfen und kommt mit ihm ins Gespräch. Er ist Englischlehrer an einem Sportgymnasium. Mitte dreißig, sympathisch und gutaussehend. Einer, dessen schockierendstes Attribut auf den ersten Blick die Tatsache seines Singledaseins ist. Sie bändeln an und kommen sich später noch in Max‘ Wohnung näher. Als Andi am Folgetag zur Arbeit fährt, ist Clare eingesperrt in der Wohnung. Anfangs denkt sie noch, dass es sich um ein Versehen gehandelt haben muss, verschlägt sich die Zeit bis zu seiner Heimkehr in der adrett eingerichteten Zweizimmerwohnung. Als er sie aber auch dann nicht aus der Wohnung lässt, dämmert ihr, dass sie von Andi festgehalten wird.

Wahnsinn und Alltag

 „Was passiert, wenn man sich kennenlernt?“, fragt Clare Andi. „Man sieht die ganze Hässlichkeit“, antwortet er. Diese Hässlichkeit wird aber kaum in ihrer Tiefe erklärt. Wohl aber gezeigt. Der Film bietet eine Illustration dessen, was man sich ohnehin unter einer solchen Situation vorstellen kann. Und das in mehr als zwei Stunden Spielzeit. Clare verzweifelt anfangs, sträubt sich mit Haut und Haaren, versucht zu entkommen. Einmal gelingt es ihr fast. Mit der Zeit entwickelt sie ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Entführer, zeigt ihm Zuneigung. Ihre Fluchtversuche werden immer zaghafter. Andi führt seinen Alltag weiter, unterrichtet, besucht seinen Vater. Er bringt Clare Geschenke und misshandelt sie. Das Banale und Alltägliche steht direkt neben dem Verbrechen.

Keine leichte Unterhaltung

Der Film bleibt auf der Ebene des Dokumentarischen. Wahrscheinlich ist der:die Zuschauer:in angehalten, sich das Psychogramm der Hauptprotagonist:innen selbst aus kleinen Details zusammenzustellen. Weshalb ist Clare in der Szene der gemeinsamen Weihnachtsfeier angezogen als sei sie Andis Mutter? Was macht die Faszination für die Bilder Gustav Klimts, die Andi und Clare teilen, aus? Weshalb ist Andis Kollegin Jana (Elmira Bahrami) so verunsichert von seiner Präsenz? Warum nimmt Clare immer weniger Möglichkeiten zur Flucht wahr? Mit diesen Fragen im Hinterkopf könnte sich der Kinobesuch vielleicht spannend gestalten. Wer einfache Unterhaltung sucht, wird sich langweilen. Auch wenn es am Schluss doch nochmal spannend wird. „Wie läuft das zwischen uns? Von Eins bis Zehn?“, bittet Andi Clare ihre Beziehung zu werten. Als hätte er deren Zweisamkeit nicht gewaltsam forciert. Zwischen mir und dem Film lief es eher so lala. 5 von 10.

 


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Ressortleitung Kultur. Studiert Sozialwissenschaften. Liebt Musik und Popkultur.