Ein Herz für Erstis

Ein Herz für Erstis


Daniel ist Ersti und irgendwie sind die Leute nicht nett zu ihm. Warum das so ist und was er dagegen tun will? Das erzählt er dir hier. 

Als Ersti hat man es nicht leicht. Jeder Studierende war einmal Ersti und musste dieses Prädikat als tonnenschweres Joch ein Semester lang mit sich rumschleppen. Das einzig Positive, das ich dem Begriff „Ersti“ deshalb abgewinnen könnte, wäre, dass man ihn nicht gendern kann (Erst*innen, WTF?). Die Ablehnung, die mir als Ersti seitens der „richtigen“ Studierendenschaft entgegenschlägt, ist unglaublich. Das jähe Ende eines derbe heißen Partyflirts: „Ach, du bist Ersti? Ja du hier… ich muss dann mal. Ich hab noch Wurst im Auto!“ Ende der Unterhaltung. Die Mutter meiner Kinder wird, nun ja, nie die Mutter meiner Kinder werden. Und das nur, weil sie mich als Ersti getroffen hat. „Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens kennen gelernt“, werde ich ihr später einmal sagen können

Vom Glumanda zum Glurak

Doch jetzt muss ich mich mit den Gegebenheiten arrangieren. Wie mache ich das? Eben bin ich noch Schüler gewesen und jetzt soll ich Student sein? Das ist als würde ich mich vom Glumanda zum Glurak entwickeln. Die Pokémon-Kenner unter euch werden schnell bemerken: „Der cheatet doch! Der Boy muss erstmal Glutexo werden!“. Vermutlich entspricht diese Pokémon-Entwicklungsstufe dem Erstisein. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Zu Schulzeiten ist die Drehzahlanzeige meines „Swaggometers“ in den roten Bereich geschossen, wenn ich mal eine Stunde geschwänzt habe*. Sich die eine oder andere Vorlesung zu schenken gehört unter Studierenden zum guten Ton. Damit beeindrucke ich niemanden. Hausaufgaben nicht machen? LOL, in meinem Studiengang gibt es nicht einmal Hausaufgaben. Auch das Rauchen ist nichts mehr nur für City-Roller-fahrende Outlaws. So so, du rauchst also… na und?

“Was ich gleich mache? Erst mal mit ein paar Kommis in der Bib chillen.”

Ich habe einen Plan. Mit diesem Plan werde ich in kürzester Zeit in der homogenen Masse an Studierenden untergehen. Noch versuchen sie mich als Ersti-Fremdkörper abzustoßen. Doch bald werde ich einer von ihnen sein. Ihr Habitus und Kleidungsstil wird meine Camouflage. Der studentische Jargon meine neue Sprache. „Was ich gleich mache? Erstmal mit ein paar Kommis in der Bib chillen.“ – „Und dann?“ – „Prosemi in der Philfuck. Kein Bock.“ Ich schwinge mich auf mein Fixie-Bike und versuche mit meinen Aladin Pants nicht hängen zu bleiben. Fair Trade hat schließlich seinen Preis. „Und wusstest du eigentlich, dass Auto fahren voll schlecht für die Umwelt ist?“ Ich werde öfter mal im Trauma abhängen und mich einem politisch linken Kollektiv anschließen. Irgendwas Soziales werde ich noch machen. Mit Burschis und politisch anders Gesinnten werde ich nicht reden. Zu groß die Gefahr, dass sie doch einmal Recht haben könnten und mein Weltbild in Gefahr bringen. Toleranz? Ja bitte, aber nur in Maßen. Im Sommer wird man mich Hacky-Sack-spielend an der Lahn finden. Direkt neben der Slackline. Ob ich das überhaupt kann? Zweitrangig. Ist voll mein Ding und ich kann so echt gut zu mir finden. Vegan bin ich ja auch schon seit drei Wochen.

Irgendwie ein bisschen süß

Wenn ich meine Verwandlung zum Studenten vollzogen habe wird alles an mir Überlegenheit und heitere Hippness ausstrahlen. Ich werde als Vollblutstudent Erstis treffen. Vielleicht helfe ich ihnen dann auch endlich cool zu werden. Vielleicht werde ich sie aber auch einfach nur auslachen. Für ihre Unwissenheit. Dafür, dass sie noch nicht im zehnten Semester Sozialwissenschaften studieren. Dafür, dass sie genauso sind wie ich damals gewesen bin: unwissend, hoffnungslos überfordert und irgendwie ein bisschen süß.

*Nein, Frau Schmidt! In rhythmischer Sportgymnastik war ich wirklich immer voll krank. Ich hab das hier nur so geschrieben, um cool zu wirken.

EIN HERZ FÜR ZAHLEN Daniel ist einer von knapp 6000 Erstsemestern im Wintersemester 2014/2015. Damit stieg die Gesamtzahl aller Studierenden auf etwa 265000. Quelle: Oberhessische Presse

FOTO: Butte Digital Image Project at Montana Memory Project, CC-Lizenz.

Ressortleitung Kultur. Studiert Sozialwissenschaften. Liebt Musik und Popkultur.

2 Gedanken zu “Ein Herz für Erstis

  1. Das mit dem Fixie-Bike und der Aladin-Hose hat was von einem Fitti-Song, haha. Das klischeehafte Verhalten und Aussehen von den Studenten, die mehr oder weniger in Richtung Öko gehen, hast du in deinem Wannabe-Vice-Artikel gut beschrieben, allerdings hast du den klassischen Dutt und die „armselige“, unbegründete Neigung zu Buddhismus und Hinduismus vergessen. Die Pokémon-Metapher war mir persönlich jetzt einer zu viel und bitte versuch nicht wirklich, dich dieser Masse anzupassen. Ich hoffe doch sehr, dass dieser Teil des Artikels pure Ironie war und dass du kein so großes Trend-Opfer bist, das jetzt wirklich versucht, mit dem „Hipster-Strom“ mitzuschwimmen und vegan zu leben. Mit Leuten, die eher wert legen „hip“ auf andere zu wirken, anstatt mit echtem ungekünstelten Charakter zu überzeugen, spielen wir in der Regel eher nicht so gerne Hacky-Sack..
    Bleib so wie du bist, beste Grüße

  2. Ein Artikel, der Geschmacksache ist..
    Normalerweise bin ich ja Fan von euren flippigen Artikeln, aber ob ich die Message von diesem Werk verstanden habe, bezweifle ich..
    Natürlich ist es schwer, sich als Erstsemestler durch zuschlagen, aber ausheulen kann man sich ja auch bei Mutti und wenn schon im Internet, dann bitte nicht mit solch einer Schreibweise, die aus übertriebener Jugendsprache mit Begriffen wie „Swaggometer“ (Seriously?) und Möchtegern-intellektuellen-Begriffen wie „Habitus“, „Camouflage“ und „studentische Jargon“ besteht. Ist ja schön, wenn du dich eloquent ausdrücken kannst, aber dann zieh das auch bitte bis zum bitteren Ende durch und versuch das nicht, mit dieser „hippen“ Sprache aufzulockern – was nicht passt, das passt nicht.
    Meiner Meinung nach, denkst du zu sehr darüber nach, wie du beim Schreiben wirkst und versuchst etwas zu sein, dass du einfach nicht bist. Natürlichkeit ist immer noch das beste Mittel und klappt auch, ohne langweilig zu wirken.
    – keep it simple, bro

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