Zwischen Kürbissen und verstörten Tieren – Hannahs erstes Mal Minecraft

Zwischen Kürbissen und verstörten Tieren  – Hannahs erstes Mal Minecraft

Screenshots: Minecraft

23 Jahre ist unsere Redakteurin Hannah durch das Leben gegangen, ohne mehr über Minecraft zu wissen, als dass es existiert. Jetzt konnte auch sie nicht mehr entkommen. Max, der ihr das Spiel vorgestellt und schon viele Stunden mit diesem verbracht hat, versetzt sich in ihre Position und erzählt aus Hannahs Sicht von den ersten Eindrücken.

Ich habe meinen Bruder und die Coronapandemie überlebt, ohne groß in Kontakt mit Videospielen (außer Sims 3 und Skyrim) zu kommen. So war ich überfordert als mein Freund meinte: „Ich will dir Minecraft zeigen.“ Wir haben nun schon viele Stunden in unsere kleine Welt gesteckt und ich bin immer noch genauso überfordert wie am ersten Tag. Was ihr vorher über mich wissen müsst, ist nicht viel: Ich mag Kürbisse (sehr) und wenn ich Tiere sehe, bin ich es von Sims gewohnt, mit ihnen interagieren und sie streicheln zu können.

Wie ein Sandkasten

Aber was ist Minecraft? Es ist ein Spiel, in dem man in eine vom Computer generierte Welt geworfen wird. Diese Welt besteht aus Würfeln. Es gibt Wiesen, Wälder, Wüsten, Ozeane… Im Grunde alles, was die Erde auch zu bieten hat. Dabei wird man zu wenig gezwungen. Man muss essen, um nicht zu verhungern und nachts schlafen, um nicht von bösen Monstern angegriffen zu werden. Davon abgesehen ist Minecraft wie ein leeres Papier für Autor*innen, wie eine weiße Leinwand für Künstler*innen. Es ist ein riesiger Sandkasten, der nur darauf wartet, dass man Burgen baut.

Auf einer Landzunge erblickt mein Charakter das Licht der virtuellen Welt, begleitet von … wiehernden Pferden? Ich will sie streicheln, denke ich. Der Schimmel blinkt rot auf, gibt einen Schmerzensschrei von sich und rennt weg. Ich habe ihn versehentlich geschlagen. In Sims kann man Tiere streicheln. Zusammen mit dem Pferd musste ich lernen, dass dem hier nicht so ist. Na super, wir werden wohl keine Freunde mehr. Verstört nehme ich die Hände von der Tastatur. Eine kurze Lehrstunde wird eingelegt und ich erfahre, dass man jeden Block in diesem Spiel abbauen kann und zwar, in dem man auf die linke Maustaste klickt und so den Block schlägt. Dabei helfen Spitzhacke, Axt und Schaufel, um Stein, Holz und Erde abzubauen. (Bis heute nutze ich noch die falschen Werkzeuge, aber pssst, lasst das keine Minecraft-Veteran*innen hören.)

Da ich die vorwurfsvollen Blicke der Pferde nicht mehr aushalte, gehe ich in den naheliegenden Fichtenwald, in welchem ich ein Dorf finde … mit Dorfbewohnern. Ich möchte mit ihnen reden. Sie blinken rot auf. Ich bin traurig. Sie sind wütend. Mit ihnen kann man aber zumindest handeln. Natürlich hat es der Kapitalismus auch hierhin geschafft. Das war nicht meine letzte Interaktion mit ihnen, aber fürs Erste ziehe ich – halt! Mein Freund sagt, ich soll die Kisten leerräumen und einem Kind sein Bett klauen. In dem es gerade liegt!? In diesem Moment bereue ich es, kein Strafgesetzbuch zur Hand zu haben.

Virtuelles Handtuch

In der Nähe des Dorfes ist ein Strand. „Hier werde ich leben“, erkläre ich stolz, platziere Werkbank und Kiste, quasi als virtuelles Handtuch. Der Strand wird kurz erkundet. Auch hier werde ich belohnt, denn ein Schildkrötenpaar sonnt sich nicht weit von meinem ‚Handtuch‘. Ich will sie streicheln. Sie leuchten rot auf. Ich bin traurig. Eine weitere Lehrstunde: Die meisten Tiere kann man nur fortpflanzen und nicht streicheln. In der Hoffnung, sie vergessen meinen Ausrutscher, kehre ich zurück zur Kiste. Meine Axt wird gezogen und Bäume gefällt.

Zehn Minuten später steht mein Strandhaus. Es ist nur ein kleiner Holzkasten, aber er hält mich die Nacht lang sicher und ich habe sogar ein Fenster mit Strandblick. Mit einem Schild wird es noch: „Schildkrötenbeobachtungsstation“ gekauft. Im Nachhinein war das keine gute Idee, aber ihr werdet sehen. In der Nacht erfahre ich, dass ich nur eine Schere benötige, um im Meer die Ressourcen fürs Fortpflanzen der Schildkröten besorgen zu können. In dem Spiel haben Tiere kein Geschlecht und man kann zweien derselben Art ein bestimmtes Essen geben (zum Beispiel Weizen bei Schafen), um sie Kinder zeugen zu lassen. 

Ich habe genug, die Fauna hat genug

Eisenerz wird abgebaut, im Ofen geschmolzen und zu einer Schere verarbeitet. Auch wenn es im Nachhinein komisch erscheint, aus 2 Kubikmetern Erz nur eine Schere zu machen, in dem Moment hatte ich andere Prioritäten: Babyschildkröten! Einen Tauchgang später habe ich alles und renne zu meinen Schildkröten. Dieses Mal drücke ich die richtige Taste und füttere beide mit Seetang. Sie robben aufeinander zu, Herzen fliegen und vier Eier wurden gelegt. Ich schwanke zwischen der moralischen Frage, ob es einvernehmlich war, und der Freude über die Schildkröteneier. Aber sie können ja nicht einfach hier draußen liegen bleiben, also will ich sie abbauen und in mein Strandhaus bringen. So baue ich voller Enthusiasmus vor den Augen der Eltern ihre gerade gelegten Eier ab und  zerstöre sie so. Natürlich sind sie zerbrechlich. Jeder andere Block, den ich bisher abbaute ist als „Item“ auf den Boden gefallen. So konnte ich ihn an einem anderen Ort wieder aufbauen. Die Eier waren einfach kaputt. Ich habe genug, die Fauna hat genug von mir. Ich schließe das Spiel.

Eine Woche später haben wir einen Server (anders als zuvor, wo ich alleine spielte) und spielen jetzt zu zweit in derselben Welt. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit, damit ich das Spiel nochmal anfasse. Aber gut, was kann schon noch passieren? Ich finde mich also erstmal wieder mit der Steuerung und der Welt zurecht, da hat mein Freund schon ein Geschenk für mich. Er hat Kürbisse gefunden. Man kann sie anbauen und ein Feld mit ihnen bebauen. Sie sind Pflanzen. Ich kann kann ihnen nicht weh tun. Also bin ich im siebten Himmel. Man kann sie sogar als Helm tragen. Mein Feld wächst. Dann kommt mir eine Idee: Ich könnte aus Kürbissen einen großen Kürbis bauen. Hätte auch nicht gedacht, dass ich das mal tun würde, aber hier sind wir nun.

Das alles nur für Kürbiskuchen …

Als der große Kürbis steht, schaue ich, was mein Freund in der Zwischenzeit gemacht hat: Er hat eine Armee von Hühnern gezüchtet, um ihnen industriell die Eier abzunehmen, baut automatisiert Kürbisse und Zuckerrohr ab und sammelt mit einem komplizierten Loren-System alles in einer Kiste und das alles nur, um mir Kürbiskuchen zu backen. Süß.

Das waren unsere ersten Stunden. Seitdem habe ich gelernt, dass in Videospielen die Genfer Konventionen nicht gelten und dass Axolotl nicht die freundlichen Tierchen sind, die sie zu sein scheinen. Auch habe ich versucht, meine Beziehungen zu den Dorfbewohnern wieder zu verbessern und mich den Schildkröten zu stellen. Aber das und vieles mehr in einem potentiellen zweiten Teil.

Kann ich euch Minecraft empfehlen? Ja, definitiv. Es passiert durchgehend nichts und so viel und man will immer Neues entdecken. Vor allem, weil ich erst an der Oberfläche gekratzt habe, ist jede Stunde wie ein Besuch im Spielzeugladen als Kind. Dabei ist „an der Oberfläche gekratzt“ kein Gleichnis, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kaum die namensgebenden Faktoren betrachtet: Die unterirdischen Minen (Höhlen) und das Craften (Herstellen).

Minecraft regt meine Kreativität auf eine Art an, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können. Man lernt dabei, spielerisch an größere Projekte mit einem Plan heran zu gehen (man will ein Haus nicht abreißen müssen, wenn es einmal steht) und trainiert räumliches Denken sowie den eigenen Orientierungssinn. Wenn man mal nichts bauen will, erkundet man die abwechslungsreiche Welt, jagt dabei erst in einer Taiga Füchsen hinterher und kann 10 Minuten später in einem Dschungel Papageien als Haustiere adoptieren. Minecraft hat mein Leben nicht eingenommen, versteht mich da nicht falsch. Aber einmal pro Woche, einmal alle zwei Wochen ist es eine erfrischende Abwechslung, auf die ich mich freue. 

(Lektoriert von hab und let.)

ist irgendwie in PHILIPP hinein gefallen und jetzt hier. Hi!

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