Sneak-Review #43: Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück

Sneak-Review #43: Captain Fantastic –  Einmal Wildnis und zurück

Und auch diese Woche fragen wir wieder: Haben sich die vier Euro Eintritt gelohnt oder gab es nur eine zähe Gute-Nacht- Geschichte? Diesen Dienstag in der Sneak: Das Filmdrama “Captain Fantastic –Einmal Wildnis und zurück“ von Matt Ross.

Wie an fast jedem Dienstagabend mache ich mich mit gespanntem Gefühl auf den Weg ins Kino. Während der ersten Trailer herrscht noch reges Treiben im Saal, Vermutungen zum kommenden Film werden angestellt, Popcorn- und Süßigkeitentüten werden geöffnet, mit lautem Knistern an den Nachbarn weitergereicht und schnell noch letzte Gespräche geführt. Dann setzt, mit den auch für die regelmäßigen Sneakgänger:innen nach manchen noch unbekannten Trailern, langsam eine gespannte Ruhe ein.

Nach dem Mentos-Werbespot, bei dem hinter mir andächtig der Text mitgesprochen wird, öffnet sich der Vorhang und der Film beginnt mit stillen, ruhigen Aufnahmen eines Waldes. Ein nervöses Murmeln erfüllt den Saal, zu sehr erinnern die Aufnahmen an den Trailer des Horrorfilms »The Woods«. »Wie sollte ich so einen Film bloß durchhalten?« frage auch ich mich im Stillen. Dann jedoch flüstert mein Nebensitzer begeistert »Der Film ist toll! Da geht es um Aussteiger«. So beginnt Matt Ross‘ tragikomisches Filmdrama über eine Aussteigerfamilie, die – zurück in der Gesellschaft – beginnt, die Richtigkeit ihre Lebensweise zu hinterfragen.

Aussteigerromantik versus Realität

Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs Kindern in der Abgeschiedenheit der Wälder im Nordwesten Amerikas. Seine Frau befindet sich seit einigen Monaten in einer psychologischen Klinik. Das Leben der Familie wird vom gemeinsamen, sehr harten körperlichen Training und einer sehr umfassenden Erziehung der Kinder bestimmt. Die Familie funktioniert und harmoniert perfekt und jedes Familienmitglied wird gleichwertig behandelt. Gezwungen durch den Selbstmord der manisch- depressiven Mutter und den Wunsch, ihrer Beerdigung beizuwohnen, muss die Familie in die Zivilisation zurückkehren. In einem ausgebauten Bus begeben sie sich auf einen idyllisch scheinenden Roadtrip. Je weiter sie jedoch in die Zivilisation kommen, desto mehr Reibungspunkte tauchen zwischen dem Vater und seinen Kindern, die erstmals mit der unbekannten Welt in der Gesellschaft in Berührung kommen, auf. Besonders der Sohn Rellian (Nicholas Hamilton) rebelliert gegen das vom Vater gewählte Leben, da er diesem die Schuld am Tod der Mutter gibt. Die Konflikte verschärfen sich, als die Aussteiger mit der Familie der Mutter zusammentreffen und gipfeln als sich Rellian sich gegen das vom Vater gewählte Leben wendet und zu den Großeltern mütterlicherseits flieht. Erschüttert durch diese Ereignisse stellt Ben sein Weltbild und seine Entscheidungen grundlegend in Frage.

Der starke Zusammenhalt der Familie und ihr unausgesprochenes Verständnis untereinander werden durch die ruhigen, stillen Bilder und die kargen Dialoge eindrücklich vermittelt. Teilweise wird der:die Zuschauer:in schockiert, durch die Trockenheit und Härte des Umgangs in der Familie. Szenen, die die harte Realität des Lebens in der Wildnis zeigen oder wenn Ben den Selbstmord der Mutter trocken mit den Worten »she finally did i«“ kommentiert, gehen nahe.

Dadurch transportiert der Film die Zuschauer:innen in einen ernsten und sehr emotionalen Zwiespalt, zwischen dem glücklich wirkenden Leben der Familie in der Wildnis und der Kritik, die von der Familie der Mutter ausgeübt wird. Man schwankt ständig zwischen der Entscheidung, was richtig oder falsch für die Familie wäre. Immer wieder lockern die lustigen Momente innerhalb der Familie jedoch diesen Ernst. Speziell im Zusammentreffen mit der Familie der Mutter und anderen Personen in der Stadt kommt es auch zu herzhaft komischen Missverständnissen und Situationen, bedingt durch das teilweise sehr ungewöhnlich Verhalten der Aussteiger:innen.

Richtig oder Falsch

Matt Ross‘ Familiendrama, das im Januar dieses Jahres beim Sundance Film Festivals Premiere feierte, zeigt intensiv den Konflikt zwischen Richtig und Falsch, zwischen verschiedenen Lebensweisen und ebenso stark die Kraft des Zusammenhaltes dieser Familie. Er wird damit zu einem mitreißenden Film, der zum Nachdenken und Mitfühlen reizt, ohne dass er dem Zuschauer die Entscheidung über Richtig oder Falsch abnimmt. Einzig das Ende fällt für meinen Geschmack zu verklärt und perfekt aus.

»Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück« kommt am 18. August 2016 in die deutschen Kinos.

FOTO: Universum/24 Bilder

studiert Medienwissenschaft. Mag Listen, Smoothies und ist ein Serienjunkie.