Auf der Suche nach der Corona-Life-Balance

Auf der Suche nach der Corona-Life-Balance
Wie das Corona-Virus das Bild der Marburger „Oberstadt“ verändert hat: Ein Cafébesuch.

Große, dunkelgraue Wolken hängen schwer über dem Himmel. Die Luft ist kalt. Trotz der düsteren Wolken, der kühlen Luft und einer weltweiten Pandemie sind vereinzelnd ein paar Menschen in der Fußgängerzone inmitten der historischen Altstadt unterwegs. Die Altstadt – von den Marburger:innen wegen ihrer erhöhten Lage „Oberstadt“ genannt, – ist das Herz der Studentenstadt. Die schmalen, verwinkelten Gassen aus Kopfsteinpflaster sind besonders in den Sommermonaten stark besucht. Auch im Winter sitzen die Menschen mit einem Tee oder Kaffee draußen unter den Heizstrahlern, wenn die Restaurants mal wieder zu voll sind. Hier in den kleinen Gassen reiht sich ein Restaurant nach dem anderen. Doch momentan sieht das Bild der „Oberstadt“ anders aus. Die bunten Fachwerkhäuser beherbergen sonst eine rege Gastronomie- und Kneipenkultur, wie sie typisch für eine Studentenstadt ist. 

Heute, fast ein Jahr nach dem Corona-Ausbruch in Deutschland, wirken die Häuser eher grau und trist. Besonders verändert hat sich das Bild des Marktplatzes, – das Zentrum der „Oberstadt“. Wo sich sonst im Winter viele Menschen an den Glühwein- und Bratwurstständen tummeln, findet man heute nur noch einen leer gefegten Platz mit zwei verbarrikadierten Holzbuden.

Hier befindet sich auch das „Café am Markt“. Peter Heinzmann, einer der zwei Inhaber des Cafés, findet, dass sich die Oberstadt verändert hat: „Für mich persönlich steht die Oberstadt für Leben. Dieses bunte und manchmal auch laute Treiben gehört halt dazu. Ich finde es hier am schönsten, wenn jeder Stuhl bei jedem, nicht nur bei uns, belegt ist und die Gassen voll sind“, erzählt Peter, während er durch das Fenster auf den grauen Marktplatz schaut. Für den bärtigen Mittdreißiger ist die Situation als selbstständiger Gastronom mehr als belastend. „Während des ersten Lockdowns hatte ich zwei Wochen richtige Angst. Also wirklich Existenzängste und dachte, dass uns jetzt alles um die Ohren fliegt und wir wirklich alles verkaufen müssen“. Peter und Felix gehört nicht nur das Café am Markt, sondern auch das „Salädchen“ und das „Emils Wirtshaus“ in Stümpelstal. Es geht hier also um viel.

Der Himmel verdunkelt sich immer mehr. Die ersten Tropfen fallen auf das Kopfsteinpflaster. Der Ärger über den „Light-Lockdown“, welcher im November letzten Jahres kam, ist groß bei Peter: „Unserer Meinung nach wurde dort ein falscher Fokus gesetzt und eine Branche rausgesucht, die eigentlich keinen großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hatte, wie die Statistiken ja aktuell auch zeigen. Natürlich verstehen wir den Kontext, dass eben möglichst viele Versammlungsmöglichkeiten vermieden werden müssen und die Gastronomie dazu verleitet rauszugehen. Aber wenn man schaut, wie unsere Branche aktuell behandelt wird, ist das echt ein Unding. Die Zusicherung von Hilfen hat uns natürlich Hoffnung gegeben, den zweiten Lockdown zu überstehen. Es ist natürlich nicht selbstverständlich, überhaupt Hilfe vom Staat zu bekommen, aber jetzt ist es Ende Januar und wir haben nur einen Bruchteil des Geldes erhalten.“ Die Gastronomen aus der Oberstadt, welche eigentlich vom Tourismus und der Lage im Mittelpunkt der Stadt profitieren, stehen ohne Zukunftsaussichten da: „Man fragt sich halt immer, wie lange geht das noch? Diese Ungewissheit ist ein riesengroßer Faktor für uns, unsere Mitarbeiter:innen, eigentlich für alle“, so Peter.

Natürlich hat sich nicht nur hier im „Café am Markt“ der Arbeitsalltag drastisch verändert. Das gesamte Bild der Stadt und der Region hat sich gewandelt. Das „Marburger Lebensgefühl“ zwischen Fachwerkromantik, familiären Kleinstadtflair und studentischer Kneipenkultur ist es, was diese Stadt auszeichnet. „Von der Architektur angefangen bis hin zur Ästhetik. Man kann sich hier hinsetzten mit einem Kaffee und Leute beobachten, mal ganz ohne Netflix und Co. Das ist einfach Marburg. Diese Veränderung ist natürlich schon sehr stark sichtbar in solchen Zeiten“, sagt Peter.

Das gesamte öffentliche Leben auf den Straßen hat sich verändert. „Ich persönlich vermisse ein bisschen die Idee, wie man mit dem Virus lebt. Ich sehe es nicht so, dass sich das Virus ausradieren lässt. Auf der anderen Seite will ich auch nicht an der Stelle der Regierung sitzen und Entscheidungen treffen müssen. Es ist halt sehr schwierig“, erzählt Peter. Es ist ein zerbrechliches Gleichgewicht zwischen Normalität und Veränderung: zwischen Angst vor der Pandemie und dem Drang nach gesellschaftlichen Beisammensein. Es gilt sie zu finden: Die Corona-Life-Balance.

„Ich freue mich auf den Tag, wo es hier in der Oberstadt wieder richtig abgeht. Das ist es, wofür die Oberstadt steht und das wird auch irgendwann wieder kommen“, sagt Peter, während er aus dem Fenster hinausschaut. Der Regen lässt nach. Die Wolkendecke klart auf. Ein Lichtblick? 

Wollt ihr die Gastronomie in der Marburger Oberstadt unterstützen? Hier habt ihr hier die Möglichkeit, einen kleinen Beitrag zu spenden.

FOTO: Lisa Bernhardt

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