Ersti sein in Corona-Zeiten

Ersti sein in Corona-Zeiten

Online-Seminare, nur noch zuhause sitzen, keine Leute mehr treffen. Die Corona-Pandemie hat auch den Uni-Alltag von uns allen sehr verändert. Bei vielen ist der Nebenjob weggefallen, die meisten vermissen die sozialen Kontakte, schließlich ist online einfach nicht das gleiche wie Präsenz. Wie geht es aber denen, die in der neuen Stadt meistens noch niemanden kennen und auch mit dem Uni-System häufig noch nicht gut vertraut sind? Wir haben vier Erstis aus Marburg gefragt, wie sie ihren Studienstart erlebt haben.

Sorgen haben viele Menschen vor ihrem Studienbeginn, in Zeiten von Distanzlehre haben sich diese noch einmal verstärkt. Die Angst davor, keine sozialen Kontakte knüpfen zu können, ist sehr groß. Auch die Befürchtung, dass der Studienstart und die Studienorganisation schwierig wird, wurde durch Corona noch intensiver. Lukas* Sorge, dass ihm die Online-Veranstaltungen keinen Spaß machen würden, können die meisten von uns wohl nachvollziehen.

Viele Pläne, die vor der Pandemie gemacht worden waren, kamen letzten Sommer dann nicht mehr in Frage. Lukas ist 25 Jahre alt, nach seinem Bachelor-Abschluss wollte er sich eigentlich einen Job suchen. Weil der Arbeitsmarkt aber im Moment schlecht aussieht und er nicht arbeitslos sein wollte, entschied er sich doch dazu, einen Master zu machen, obwohl er darauf eigentlich keine Lust hatte. Auch die Studienortswahl hing für ihn mit Corona zusammen: “Dank Corona ist es ja egal, ob man in einer größeren Stadt mit besserem Angebot zum Feiern oder studiengangsrelevanten Nebenjobs wohnt, da die Clubs ja eh alle zu haben und es kaum noch Jobs gibt,” sagt Lukas.

Mariam findet es schade, dass Praktika wenn überhaupt nur digital stattfinden. “Wir können z.B. die Arbeitsatmosphäre nicht persönlich sehen und fühlen. Also für mich ist es kein richtiges Praktikum, wenn ich nicht persönlich zu meinem Praktikumsplatz gehen kann,” sagt sie.

Trotz Distanzlehre wollten alle unsere Interviewpartner:innen nach Marburg ziehen. Hannah und Lea* hatten bei der Wohnungssuche keine Probleme, Lukas und Mariam hatten hingegen große Schwierigkeiten dabei. Mariam hat keine Wohnung in Marburg gefunden, deshalb wohnt sie nun bei Verwandten in Siegen. “Es dauert 1,5 Stunden von Siegen nach Marburg mit dem Zug. Aber da jetzt sowieso alles online ist, spielt es keine Rolle, ob man in Marburg ist oder nicht,” erzählt sie.

In diesem Jahr liefen natürlich auch OE-Wochen sehr anders, die Erfahrungen unserer Interviewpartner:innen waren gemischt. Lukas erzählt, seine OE-Woche sei recht kurz und nur online gewesen. Auch bei Lea waren die Veranstaltungen nur digital, etwa eine Informationsveranstaltung und eine virtuelle Kneipentour. Zwar habe sich die Fachschaft Mühe gegeben, schade sei es aber dennoch gewesen, dass alles online war: “Dadurch ist das Soziale fast komplett weggefallen.” Mariam hat ihre Orientierungswoche gut gefallen. Sie habe viel über ihren Studiengang und die Module erfahren, sowie die Fachschaften und Professor:innen kennengelernt, erzählt sie. Auch das Erasmus-Programm sei vorgestellt worden, was für sie von großer Bedeutung ist. Zusätzlich zu Online-Veranstaltungen wie Stundenplanbasteln und einer Einführungsvorlesung fand bei Hannah auch ein ‘Präsenz’-Event statt: “Wir hatten ein QR-Code-Adventure, wo wir verschiedene Orte in Marburg besuchen mussten und diese fotografieren sollten und unsere eigene persönliche und kreative Note in das Foto einbringen sollten. Wir haben dann selbstständig kleine Gruppen von 5 bis 10 Leuten gebildet und das zusammen gemacht, das hat Spaß gemacht und man hat einige nette Leute kennengelernt.” 

Neue Leute kennenzulernen, Freundschaften aufzubauen: all das ist schwieriger, wenn alle nur zuhause vor ihrem Laptop sitzen. So erzählt etwa Mariam, normalerweise habe sie wenig Probleme, sich mit Menschen anzufreunden. “Aber dieses Mal war es doch schwer, weil die OE online war und alle ihre Kameras und Ton aus hatten. Manchmal war die Verbindung schlecht und es war schwer zu verstehen, was die anderen sagen.” Trotzdem habe sie ein paar Freund:innen in Marburg finden können. Auch Lukas berichtet von Problemen, Kontakte zu knüpfen. Nur mit ein paar Kommiliton:innen habe er sich ein oder zweimal getroffen, “allgemein fühle ich mich tatsächlich recht einsam in Marburg,” sagt er. Auch Lea empfand die OE nicht als hilfreich, um neue Leute kennenzulernen. Anders sieht das bei Hannah aus, sie hat in ihrer Einführungswoche nette Menschen getroffen, doch aufgrund des Lockdowns pünktlich zum Vorlesungsbeginn wurden die privaten Treffen eingeschränkt. Dadurch verliefen die ersten Kontakte wieder im Sande.

So individuell die Erfahrungen sein mögen, bei den meisten Erstis hat die Pandemie jetzt schon Spuren hinsichtlich der Studienorganisation und dem Studienstart hinterlassen. Das Studi-Leben wurde wie in vielen anderen Bereichen vollstens zurückgefahren, welches man nicht nur an der ausgestorbenen Oberstadt und den fehlenden Präsenz-Veranstaltungen der Uni sehen kann. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich in den nächsten Monaten die Lage wieder verbessert und auch den neuen Student:innen der Uni Marburg ein Studi-Leben, wie es für uns höhere Semester selbstverständlich war, ermöglicht werden kann, um der Einsamkeit wieder etwas entgegenzuwirken. 

* Name von der Redaktion geändert.

FOTO: Pixabay

+ posts

studiert Linguistik und Politikwissenschaft und ist regelmäßig wieder über ihren Kaffeekonsum erstaunt.

+ posts
+ posts
+ posts

studiert Politikwissenschaften, würde gerne mal Helge Schneider interviewen und steht auf Hip Hop, Memes und Western.

+ posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*