Wo ist euer Protest? Wo ist eure Solidarität?

Wo ist euer Protest? Wo ist eure Solidarität?

In einer Zeit der Terroranschläge gewinnen die Sozialen Netzwerke für die Kommunikation während der Attentate an Bedeutung. Beispielsweise gibt es bei Facebook seit etwa drei Jahren den „Safety Check“, mit dem man sich selbst oder andere während Katastrophen als „In Sicherheit“ markieren kann. Auch beim Protest gegen Terror spielt Social Media eine essentielle Rolle. Zumindest, wenn sich diese Anschläge in Europa oder Amerika, also in der westlichen Welt ereignen. Der Terror in anderen Teilen der Welt scheint uns jedoch vollkommen kalt zu lassen.

Vor etwas mehr als 2 Jahren, am 13.11.2015, fanden in Paris an fünf verschiedenen Orten Anschläge statt, bei denen insgesamt 130 Personen getötet wurden. Der darauf folgende Aufschrei war immens, tagelang waren die sozialen Netzwerke gefüllt mit Solidaritätsbekundungen. „Je suis Paris“ wurde zum Leitspruch der Proteste gegen den Terror. Man konnte sein Profilbild auf Facebook mit den Farben der Tricolore überziehen, Monumente wurden in blau-weiß-rot angestrahlt.

Einen Tag zuvor fand in Beirut ebenfalls ein Terroranschlag statt, für den der IS die Verantwortung übernahm  und bei dem 44 Menschen getötet wurden. Auch wenn die Zahl der zu beklagenden Opfer „nur“ ca. ein Drittel der in Paris Verstorbenen betrug, wären auch hier entsprechende Mitgefühlserklärungen angebracht gewesen. Doch das Internet blieb stumm. Auch in den Berichten der Medien wurde dieses Attentat nur kurz – wenn überhaupt – erwähnt.

Die Wichtigkeit der Anschläge ist wohl geographisch bedingt.

Ein ähnliches Bild bot sich zur Zeit des Angriffs auf das französische Satireblatt „Charlie Hebdo“. Am selben Tag wurde ein Anschlag auf die Stadt Baga in Nigeria verübt, der zu deren fast vollständigen Zerstörung führte. Die wenigsten haben überhaupt davon gehört; einer der wenigen Artikel (damals zu finden auf heute.de, heute leider nicht mehr verfügbar) zu diesem Thema war betitelt mit „Alle sind „Charlie“ – niemand ist Baga“. Dachten wir nicht von uns, wir wären vielleicht nicht komplett vorurteilsfrei, aber so gut wie? Und waren wir nicht überzeugt, wir wären uns der Gleichwertigkeit aller Menschen bewusst? Wo war dann unser Aufschrei, als wir vor einigen Wochen vom Anschlag in Ägypten hörten? Ich kann nicht für euch reden, aber bei mir war er nicht existent. Ich habe die Eilnachricht bekommen, „Ach du Scheiße“ gedacht, zur Seite gewischt und habe mich fünf Minuten mit dem Thema auseinander gesetzt. Dann habe ich mit meinem Tag weiter gemacht. Ein Aufschrei, Wut, Empörung, Schock, echtes Mitleid und Betroffenheit sieht anders aus.

Es ist in Ordnung.

Es ist in Ordnung, dass uns Ereignisse, die in unserer Nähe passieren, näher gehen als solche, die weit weg sind. Es ist eigentlich sogar ganz natürlich, schließlich ist eine Bedrohung in unserer Nähe auch für uns eine potentielle Bedrohung. Ein Mord in unserer Straße ist für uns sehr viel realer als ein Mord in Frankfurt oder Berlin. Erweitert man dieses Gedankenkonstrukt, so gelangt man zu folgendem Resultat: ein Anschlag in Europa ist für uns sehr viel realer als ein Anschlag in Afrika. Es ist also verständlich und auch in Ordnung, dass uns ersteres mehr Angst macht, da ein Anschlag in Europa von uns als eine größere Bedrohung wahrgenommen wird.

Es ist nicht in Ordnung.

Nicht in Ordnung ist, dass wir verlernt haben zu unterscheiden, was für uns wichtig ist und was generell wichtig ist. Frank Schätzing schreibt dazu in seinem Buch „Lautlos“, dass wir es zulassen, dass die Medien dies für uns entscheiden. Wir setzen die Länge des Berichts in der Tagesschau mit der Wichtigkeit des Ereignisses gleich. Je länger der Bericht, desto wichtiger das Thema. Allerdings wählen die Medien nach dem Schema für uns wichtig aus. Das dürfte jenen bewusst sein, die sich schon einmal über folgenden Satz gewundert haben: „Bei dem Attentat kamen auch zwei Deutsche ums Leben.“ Impliziert das nicht, dass der Tod zweier Deutscher schlimmer ist als der Tod von Menschen anderer Nationalität?

Die Beeinflussung durch die „Social-Media-Blase“ und „Agenda-Setting“

Den meisten ist wahrscheinlich der Begriff „Social-Media-Blase“ geläufig. Er beschreibt das Phänomen, dass uns in den sozialen Netzwerken nur noch Artikel angezeigt werden, die in unser politisches Weltbild passen und die wir folglich potentiell anklicken. Daraus resultiert, dass wir ein verschobenes, nicht adäquates Bild der Realität entwickeln. Sich nur über die sozialen Netzwerke auf dem Stand der Dinge zu halten, ist dementsprechend fatal. Doch auch die restlichen Medien, öffentlich-rechtliche ebenso wie private, manipulieren unser Denken. Nicht durch das Senden falscher Nachrichten, sondern durch die Auswahl der Nachrichten. Durch die Entscheidung, welche Nachrichten beispielsweise in den Tagesthemen oder in den anderen großen Nachrichtensendungen gezeigt werden, wird bestimmt, über was bei den Zuschauern nachgedacht und diskutiert wird. Dieses Phänomen nennt man Agenda-Setting. Es ist insofern unvermeidlich, als dass es nicht möglich ist, in 15-30 Minuten alle Ereignisse der ganzen Welt wiederzugeben. Wer allerdings bereit ist, etwas mehr Zeit zu investieren, um ein umfassenderes Bild der aktuellen Situation auf der Welt zu erhalten, kann sich an den BBC World News versuchen.

Und die Moral von der Geschicht’…

Man muss auch nicht jeden Tag über jedes Ereignis umfassend informiert sein, allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch andere wichtige Ereignisse gibt, über die die Medien hierzulande nicht ausführlich berichten, weil sie uns eben nicht direkt betreffen. Uns muss bewusst sein, dass ein kurzer Bericht nicht zwangsläufig heißt, dass das Ereignis an sich unwichtig ist. Wir sollten folglich versuchen, die Entscheidung zwischen wichtig für uns und wichtig generell wieder bewusst und vor allem selbst treffen.

Foto: Pixabay

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studiert Linguistik und Politikwissenschaft und ist regelmäßig wieder über ihren Kaffeekonsum erstaunt.