Sneak Review #195: The Card Counter

Sneak Review #195: The Card Counter

Frei und doch gefangen ist Oscar Isaac in dem Film The Card Counter von Paul Schrader. Warum im Glücksspiel und dem Umgang mit Schuld Freiheit eine Perversion sein kann und was das ganze mit Guantanamo zu tun hat, konnten die Zuschauer*Innen der Sneak im Cineplex Marburg diese Woche sehen.

Fold oder Call ?

William Tell zählt Karten. Fünf bis sechs mal die Woche. Ob beim Poker oder beim Black Jack – er gewinnt. Es geht ihm jedoch nicht um das große Los oder den Kick. Er erspielt sich immer nur so viel Geld, dass er nicht von Casinos rausgeworfen wird. Außerdem zieht er nach einer gewissen Zeit zum nächsten Casino, um dort weiterzuspielen. Wo andere den großen Wurf sehen, sieht William mit Geduld und Konzentration seinen Lebensunterhalt. Gelernt hat er das Zählen im Militärgefängnis. Dort saß er mehrere Jahre und kam, wie er selber sagt, erstaunlich gut mit dem Freiheitsentzug klar. Als er eines Tages einen Tisch der World Series of Poker beobachtet, kommt er mit La Linda(Tiffany Haddish) ins Gespräch. Sie vermittelt zwischen Investoren und Spielern, um diese an großen Pokerrunden teilnehmen zu lassen. Das Risiko des Leihgeschäfts trägt natürlich der Spieler. Da William keinen Grund hat ein Risiko einzugehen, lehnt er ab.

Auf einer Sicherheitskonferenz nahe eines Casinos hält der ehemalige Militär-Offizier Gordo (Willem Dafoe) einen Vortrag halten. Der ist auch gleichzeitig Williams ehemaliger externer Verhörausbilder aus seiner Zeit beim Militär. Die Verhöre fanden im Ausland statt und konnten deswegen über die Grenzen der Legalität hinausgehen. Während William verurteilt wurde, kam Gordo davon. Als er gehen will, wird er von Cirk (Tye Sheridan) angesprochen. Sein Vater wurde auch von Gordo ausgebildet. William sieht in dem Jungen Potential. Das Potential, sein Leben doch noch versöhnlich und frei von Schuld zu leben. Doch Cirk ist neben Schwierigkeiten mit seiner Familie auch noch verschuldet. Das Potential ist William aber hoch genug, um die Risiken der Teilnahme bei der World Series in Kauf zu nehmen. Er nimmt Cirk mit und geht das Geschäft mit La Linda ein. Um mit seiner eigenen Vergangenheit besser umgehen zu können, möchte er Cirk helfen. Dabei entdeckt er auch den Menschen William neben seinen Schuldgefühlen wieder. Doch wie beim Poker bleibt bis Ende unklar, ob man die Mitspieler richtig lesen konnte.

Glücksspiel und Gefängnis lediglich als Metapher

Die Spannung folgt niemals den Chips auf den Pokertischen. Die wichtigen Einsätze werden im Hintergrund gemacht. Um mit dem unverzeihlichen Taten aus seiner Vergangenheit fertig zu werden, konzentriert sich William stoisch auf das Zählen und lenkt sich ab. Sein mentales Gefängnis aus Schuldgefühlen sperrt den Menschen in sich ein. Ersteres wird durch seine Albträume von der damaligen Zeit mit einem Weitwinkelobjektiv kreativ aufgezeigt. Außerdem offenbart sich die Abwesenheit des Menschen Williams abseits seines generell kühlem Verhaltens in den Szenen nach den Pokerrunden. Wenn La Linda und er sich näher kommen könnten, zupft er unruhig an der Serviette seines Drinks und geht früh. Da er sich selber nicht verzeihen kann, hofft er auf Erleichterung in der Vergebung durch Cirk: „The feeling of being forgiven by another and forgiving oneself are so much alike there is no point in trying to keep the distinct.“

„Kennst du den Begriff Tilt? Wie beim Flippern“. Im Glücksspiel beschreibt es Spieler, die aufgrund von Druck nicht mehr geduldig abwarten, sondern zu hohe Risiken eingehen. Wie William richtig sagt, kann jeder Mensch tilten. Denn wie zuvor geht die Metapher über den Pokertisch hinaus und betrifft eigentlich die Hauptfiguren und die USA. Mit dem Anstieg des Einsatzes, der Möglichkeiten und des Potentials steigt auch die Wahrscheinlichkeit und die Konsequenzen eines Tilts. Die Freiheit, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten verspricht, zeigt der Film anhand von Guantanamo als Perversion. Ein Tilt. Bei Spielern ist es der Druck von Schulden bei ihren Investoren. Bei William ist es der Druck der eigenen Schuldgefühle, der einen Tilt auslösen könnte. So wird ein sehr zynisches Gesellschaftsbild gezeichnet, das in Tagen von Beschleunigung und Schuldensystemen anhand einer Barszene verdeutlicht wird. In der Szene sitzen William und La Linda neben einer weinenden Kellnerin und irgnorieren diese, nachdem sie schnippisch auf die Frage reagiert, ob es ihr gut gehe.

Unterschwellige Spannung zum Zerreißen

Dass Freiheit keine Einbahnstraße ist und wie Schuld und Schulden dem Menschen eigene Gefängnisse aufzwingen können, zeigt der Film in beeindruckender Art und Weise. Oscar Isaacs kühle, distanzierte und ungezwungen angespannte Darstellung von William spiegelt das Innenleben der Hauptfigur hervorragend wieder. Das wird auch über die Darstellung der Umgebung durch matte graue Farben abseits des Casinos unterstrichen. Zudem begleitet der Soundtrack den Film mit sehr schwerer und hallender Musik anhand von repetitiven Synthesizern und Störgeräuschen. In einer hoffnungsvolleren Szene, kann sie aber ebenso verträumt mitschwingen. Insgesamt ist der Film etwas Anderes als der charmante und stylische Trailer. Ähnlich wie bei Denis Villeneuves Sicario liegt die Spannung im Aushalten der Situation. Action ist, wenn vorhanden, zweitrangig. Der Film vereint diese unterschwellige Spannung audiovisuell eindrucksvoll und ist am besten, wenn er unangenehm ist. So drückt ein Thriller die Zuschauer*Innen richtig in den Kinositz.

„The Card Counter“ erscheint am 3. März 2022 in den deutschen Kinos.

Foto: Paul Schrader/Focus Features

studiert Politikwissenschaften, verbringt zu viel Zeit um sich über die BILD aufzuregen und isst süßes und salziges Popcorn gemischt.

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