Sneak-Review #164: Anna

Sneak-Review #164: Anna

Es ist Dienstag und die Sneak läuft – es ist Donnerstag und die Review erscheint. Diesmal erstrahlte auf der Leinwand Luc Bessons „Anna“, der neue Thriller vom Mann hinter „Leon – der Profi“.

Anna (Sasha Luss) wird vom KGB in der Hochzeit des Kalten Krieges durch Olga (Helen Mirren) angeworben und als Doppelagentin ausgebildet. Sie kommt als Schläfer-Attentäterin nach Paris, wo sie sich als Model ausgibt. Doch schnell ist ihr das FBI, personifiziert durch Agent Miller (Cillian Murphy, bekannt aus „Dunkirk“ und „Inception“), auf den Fersen und es entsteht ein verschachtelter Thriller im Kampf um Informationen durch Paris und Moskau.

Der Film folgt keinem chronologischem Ablauf, macht immer wieder Zeitsprünge und erzählt so die Geschichte seiner Hauptfigur und wie sie sich behaupten muss zwischen FBI, KGB und ihrem eigenen Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Der Teufel trägt Prada – bloß mit Helen Mirren statt Meryl Streep. Und Schusswaffen…

Charaktere und Handlung reihen sich mühelos in Luc Bessons Kanon ein. Die Einzelkämpferin, die sich als Model tarnt, wobei die Darstellerin dies beruflich ist, erzeugt ein spannendes Umfeld und innovative Kulissen. Die Handlung ist packend, der Film hat keine Längen und überrascht immer wieder durch die Erzählstruktur. Diese ist aber auch von Nöten, da der eigentliche Plot nicht an andere Doppelagenten-Thriller herankommt. „Anna“ kommt ungewohnt gewalttätig und gleichermaßen komisch daher – eine Mischung, die dem Film Teile seiner Glaubwürdigkeit abringt und dem Stil schadet, aber in der aktuellen Kinolandschaft häufiger auftritt (z. B. bei „John Wick“).

Es lässt sich nicht beschönigen: „Anna“ ist einfaches Unterhaltungskino. Aber das reicht und funktioniert soweit auch. Die Modewelt-Einblicke sind eine gute Abwechslung mit den Ostblock-Verfolgungsjagden, die Schauspierler:innen machen alle einen guten Job, auch wenn viele neu in der Branche sind. Das Casting ist sehr gekonnt, so unterstützen die russischen Wurzeln von Sasha Luss, Helen Mirren und Alexander Petrov die Inszenierung des Films.

Aufwendige Produktion, aber braucht es einen weiteren Agenten-Film?

Das Setting, so schön gestaltet es auch ist, wirkt aber nicht komplett durchdacht. Schnell verliert der:die Rezipient:in den Überblick, in welcher Zeit sie sich befinden. Es entsteht kein 80er/90er-Flair, welcher einfach durch den Mode-Bezug des Films hätte entstehen können. Auch war die gezeigte Technik der Geheimdienste meistens eher verwirrend in Bezug auf Mobiltelefone, Tonbandgeräte und Laptops. Der Streifen hätte eben so gut zur heutigen Zeit spielen können, wenn der Grundkonflikt Kalter Krieg überarbeitet werden würde. So hätten sich Filmfehler, wie eine Schlüsselszene an einem russischen Geldautomat, die aber erst zehn Jahre später nach Russland kamen, vermeiden lassen. Dies alles lässt sich aber schnell durch die vielen Action-Szenen und attraktiven Protagonist:innen vergessen und schaden der seichten Unterhaltung nicht.

Gerade in Bezug auf die Vorwürfe gegen Besson 2018 im Rahmen der #metoo-Debatte ist es schwierig, die Prämisse der einsamen, über-sexualisierten Kämpferin nicht kritisch zu sehen. Der Charakter der Anna funktioniert nur im Rahmen ihrer eigenen Geschichte, weist aber wenig Tiefe auf. Die Metapher des Films die Protagonistin mit einer Matrjoschka zu vergleichen, ist nicht nur einfallslos, sondern geht schlicht weg einfach nicht auf. Ihr fehlen die unterschiedlichen Ebenen, die der Film auf sie projiziert – dem Charakter mangelt es Tiefe und Entwicklung.

Insofern ist „Anna“ kein Geheimtipp und man wird weiterhin bei Besson eher an „Das fünfte Element“ oder „Leon – der Profi“ denken, jedoch reicht es für einen gemütlichen Filmabend oder eben die Sneak-Preview.

„Anna“ erscheint am 18. Juli in den deutschen Kinos.i

FOTO: Shanna Besson

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