Sneak-Review #92 – Detroit

Sneak-Review #92 – Detroit

Dieser Film hat es in sich: Kathryn Bigelows „Detroit“  ist albtraumhaft, brutal und emotional. Eine cineastische und journalistische Meisterleistung über eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1967, es ist Sommer in Detroit. In der größten Stadt des Bundesstaates Michigan ist ein Wandel zu spüren- die ersten Schritte für die Gleichstellung von Afroamerikanern ist getan, die Rassentrennung in Bussen und Restaurants ist seit einiger Zeit verboten. Doch die Realität sieht anders aus: Ein schwarzes Mädchen lugt vorsichtig aus ihrer Gardine hervor, und schaut auf den Panzer, der die Straße vor ihrem Haus überquert. Schuss. Der Soldat zieht den Abzug. Scharfschützen lauern derzeit nämlich überall… Armut, Ausgrenzung und leere, politische Versprechungen bringen die Stadt zum Brodeln.  Ohnmächtig und frustriert randaliert die schwarze Bevölkerung auf ihren eigenen Straßen.

Die Handlung verdichtet sich im Algiers Motel. Streifenpolizist Philip Krauss (Will Poulter) und seine Kollegen stürmen das Haus, was hauptsächlich von Schwarzen bewohnt wird, weil sie dort einen Scharfschützen vermuten. Es beginnt eine Horrornacht. Fieberhaft, fast schon besessen von der Idee, eine Waffe zu finden, terrorisieren die Polizisten die zehn Motelgäste. Der afroamerikanische Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) kann nur zugucken, wie die Cops mit brutalsten Mitteln und voll angestautem Hass die Gäste drangsalieren. Als wäre die psychische und körperliche Qual nicht genug, kommt es zu Toten und die Situation eskaliert vollkommen… Wird dieser brutale Vorfall aufgerollt oder totgeschwiegen?

Schmerzhafte Perversion in Echtzeit

Mit einer unvergleichlichen Kameraführung im Handkamera-Look gelingt es Kathryn Bigelow eine Szenerie zu schaffen, die furchteinflössender und brutaler nicht sein könnte. Das Genre des Films entwickelt sich im Laufe der Handlung eindrucksvoll von einem rein dokumentarischen Historienfilm hin zu einem Drama. Der Höhepunkt des Films, die Motel-Episode, erinnert schon fast an einen Home-Invasion-Thriller: Man ist gefangen in einem Setting und die Szene zieht sich angst einflößend in die Länge. Doch an keiner Stelle wird es vorhersehbar oder gar eintönig. Die Motelszene hat etwas so Auswegloses und Verzweifeltes, dass es scheint, als wäre man selbst Wachmann Dismukes, der ohnmächtig im Flur stehen und die Grausamkeiten mit ansehen muss. Die Spannung und der Schmerz sind so groß, dass es fast wehtut.

Der Filmanfang hingegen ist geprägt von wirren und zufällig erscheinenden Szenen der Straßen von Detroit, die dem Zuschauer ein umfassendes Bild über den Ausnahmezustand geben. Lange Zeit sind keine Protagonisten zu erfassen, was ein wenig verwirrt. Dafür lässt sich die Eskalation der Aufstände verfolgen. Das dokumentarische Material, das teilweise eingespielt wird, verankert die Filmhandlung in der Realität und hinterlässt, gekoppelt mit der Kameraführung, großen Eindruck.

Ein wenig zu viel Schwarz-Weiß-Malerei

Herausragend stellt Will Poulter seinen kompromisslosen Charakter des Polizisten Krauss dar. In jeder kleinsten Gesichtsregung spiegelt sich seine pure Verachtung wieder. In der verzweifelten Situation des Cops kommt plakativ zum Vorschein, was er über die Zeit angestaut hat. Doch seine Figur ist vielleicht eines der wenigen Mankos des Films. Er wirkt neben den vielen ambivalenten und tiefen Charakteren wie ein konstruierter Antagonist, der all das Böse verkörpern soll. Nichtsdestotrotz hat er eine tragende Rolle im Film und spielt sie nicht zu bestreiten beachtlich gut.

Sozialkritisch und erschreckend aktuell

Obwohl die Detroit Riots, die als eine der größten Bürgeraufstände in die Geschichte Amerikas eingingen, schon 50 Jahre zurückliegen, behandelt der Film ein so brisantes wie traurigerweise aktuelles Thema: Rassenhass. Denken wir allein an Charlottesville, wo vor wenigen Monaten bei der Kundgebung von Anhängern des Ku-Klux-Klans und anderer Rechtsextremisten, Gegendemonstranten getötet wurden. Oder aber an Opfer rassistischer Polizeigewalt wie Michael Brown, der hinrichtungsartig getötet wurde. Doch so wütend und bedrückt der Film einen auch macht, er zeigt auch eines: Menschlichkeit siegt.

„Detroit“ startet am 23.11.2017 in den deutschen Kinos.

Foto: Concorde Filmverleih

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hat Sprache und Kommunikation studiert und kann jetzt sprechen und kommunizieren.