Von Philipp zu Patrick: Was ich von den Ir*innen gelernt habe 

Von Philipp zu Patrick: Was ich von den Ir*innen gelernt habe 

Fotos: Hendrik Floter; Collage: Elija Ash Pauksch

Im September 2023 ist Hendrik mit seiner Freundin für den Master von Marburg nach Dublin gezogen. Er studiert dort Journalismus. Von Pub-Abenden über stressige Uni-Abgaben bis zu Ausflügen an die raue Küste im Westen der Insel erlebt er viel – und berichtet für PHILIPP davon in seiner Kolumne Von Philipp zu Patrick.

Nach einigen Monaten in Irland haben sich viele meiner Erwartungen bestätigt. Ich bin nicht in eine mir völlig fremde Kultur eingetaucht, Irland und Deutschland sind sich in vielen Dingen ähnlich. Was ich von den Ir*innen gelernt habe und warum ich manches davon auch zwiespältig sehe, erzähle ich euch heute. 

Red Velvet Cake und ich

Mit Ir*innen kommt man viel schneller in Kontakt. Das Kennenlernen meiner Kommiliton*innen war im Vergleich zu meinen bisherigen O-Wochen angenehm unverkrampft. Bereits am ersten Tag wurden viele Small-Talk-Floskeln über den Haufen geworfen und wir diskutierten über Fußball und vieles mehr. Auch, da die Ir*innen einen sofort ansprechen und integrieren, ist es sehr leicht ‚der Neue‘ zu sein. Wenn meine irischen Freund*innen nach einem Treffen noch mit ihren Freund*innen unterwegs sind, wird man meistens einfach mitgenommen. Iren haben keine Angst davor, unterschiedliche Freundeskreise zu mischen. So landete ich einmal bei der Geburtstagsparty der Freundin eines Freundes in einer hippen Bar die eher wie ein Kunst-Atelier aussah, die eigentlichen Gäste hatten sich schick gemacht, ein riesiger „Red Velvet Cake“ und Geschenke wurden mitgebracht – und ich passte trotzdem rein, fühlte mich überhaupt nicht fehl am Platz. 

Ich möchte diese Eigenschaft zukünftig erlernen: Mehr mit Menschen reden, „Mitgebrachte“ bei Partys ansprechen und integrieren. Ich habe davon so viel profitiert in diesem Jahr und mich bei vielen Gelegenheiten willkommen gefühlt. Ob es die genannte Geburtstagsfeier war oder der erste Tag des ersten Semesters: Ich kam in einer Pause gerade wieder in den Klassenraum, auf dem Weg zurück zu meinem Platz stoppte mich Shane und sagte „Hey, wir kennen uns noch nicht, wie heißt du?“ Ich fühlte mich in diesem Moment sehr wahrgenommen. Diese Interaktionen haben mir auch viel Selbstbewusstsein gegeben. 

Irische Kontaktaufnahme

Ich übe bereits die irische Kontaktaufnahme, so nenne ich es mal. Neulich war ich in Deutschland am Flughafen und kam in der Schlange vor dem Sicherheitscheck mit einem Paar ins Gespräch. Mehr als zehn Schalter waren offen, aber wie das so oft ist, liefen die wartenden Fluggäste nicht bis ganz nach hinten durch. Der Mann sprach mich an, ob er vorbeikönnte und statt einfach nur knapp zu antworten, sagte ich „Klar, Sie haben Recht, ich komme mal mit Ihnen mit.“ Was folgte war ein kurzer Small-Talk über Flughäfen und Schlangen im Allgemeinen. Nach dem Gespräch strahlten mich beide an. Das gab mir das Gefühl, dass auch sie diese kurze Interaktion geschätzt haben. 

Ir*innen reden viel und gerne, stellen Fragen, interessieren sich für mein Leben in Deutschland und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die es gibt. Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass viele Beziehungen hier sehr lange eher oberflächlich und unverbindlich bleiben. Es hat bis Februar dieses Jahres, also fast die Hälfte meiner Zeit hier, gedauert, bis ich sicher sagen konnte, dass ich mit einigen Ir*innen befreundet war. Erst dann hatte sich eine Gruppe aus unserer Klasse herauskristallisiert, die regelmäßig auch außerhalb der Uni miteinander Zeit verbrachte.

Spontan und locker

So schön die irische Lockerheit ist, sie schlägt also ab und zu in Unverbindlichkeit um. Treffen werden selten mit Vorlauf geplant. Sehr oft kommen Leute spontan oder spontan nicht und eine Stunde vor dem Treffen wissen wir noch nicht, wo wir hingehen. Das finde ich nicht immer leicht, was auch an meiner ganz persönlichen Vorliebe für Planungssicherheit liegen könnte. 

Viele Freund*innen haben mir vor diesem Auslandsjahr gesagt, dass man erwachsener und voll von Selbstbewusstsein zurückkehrt, egal in welches Land es einen verschlagen hat. Die irische Offenheit hat diesen Effekt auf mich und ich freue mich darauf, diese Eigenschaft zu übernehmen, wer weiß, vielleicht werde ich auch in Zukunft noch ein paar Menschen am Flughafen glücklich machen. 

(Lektoriert von let und hab.)

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