An Weihnachten nicht zur Familie

Mehmet und Trang sind in Deutschland aufgewachsen, aber nicht nur mit der deutschen Kultur. Was bedeutet ihnen Weihnachten?

Kinderchöre auf Youtube

Mehmet studiert Kultur- und Literaturwissenschaften und arbeitet bei der Lebenshilfe. Er ist 35 Jahre alt und kommt aus einer deutsch-türkischen Familie.

PHILIPP: Wenn du an Weihnachten denkst, was kommt dir dann in den Sinn?

Mehmet: Musik, Klänge, Farben, Gerüche. Mit Weihnachten verbinde ich Geborgenheit und Harmonie. Und ich denke an Filme aus meiner Kindheit, zum Beispiel „Kevin allein zu Haus“. In der Weihnachtszeit höre ich mir manchmal Kinderchöre auf Youtube an. Das weckt dann Erinnerungen an meine Kindheit.

Wie war die Weihnachtszeit für dich als Kind?

Die Weihnachtszeit war immer sehr präsent, vor allem im Kindergarten und in der Schule. Wir haben in der Familie zwar kein Weihnachten gefeiert und die eigene Kultur hatte Priorität, meine Eltern wollten uns Kindern aber trotzdem ein bisschen das Gefühl von Weihnachten vermitteln. Meine Schwester und ich waren neidisch auf die anderen Kinder, weil die zu Weihnachten alle Geschenke bekamen. Als Familie haben wir dann Silvester als Fest genommen und uns an diesem Tag alle gegenseitig beschenkt.

Hast du an den Weihnachtsmann geglaubt?

Ja. Als ich etwa fünf Jahre alt war, standen eines Abends zwei große Kartons für meine Schwester und mich im Treppenhaus. Ich weiß nicht genau, ob der Weihnachtsmann unsere alte Nachbarin oder mein Vater war. Die Weihnachtszeit war aber nicht immer einfach. Da war immer diese Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Kultur. Einerseits habe ich mich der deutschen Kultur zugehörig gefühlt, andererseits habe ich oft gespürt, aufgrund von bestimmten Bräuchen und Traditionen doch nicht ganz dazuzugehören. Weihnachten war ein Symbol für dieses Gefühl.

Wie war Weihnachten für dich als du ausgezogen bist?

Ich habe mir dann einen kleinen Weihnachtsbaum ins Zimmer gestellt. Vielleicht hatte ich irgendwie das Bedürfnis, etwas nachzuholen. Ich bin an Weihnachten auch einmal allein in die Kirche gegangen, einfach um die Atmosphäre mitzubekommen. An Heiligabend habe ich auch oft mit Freunden gekocht und gewichtelt. Später habe ich dieses Fest kritischer gesehen. Der Konsum wird ja schon sehr gefeiert in dieser Zeit. Eine gewisse Sympathie für Weihnachten ist aber geblieben. Ich nehme Weihnachten eher an als islamische Feiertage, weil ich die viel stärker mit Religion verbinde.

Welche Feiertage verbindest du mit Familie?

Als Kind haben wir immer Bayram, also das Ende des Ramadan und das Opferfest gefeiert. An Bayram haben wir uns immer schick gemacht und am Morgen waren alle schon ganz aufgeregt. Dann haben wir ältere Verwandte besucht und es gab Geschenke.

Was machst du dieses Jahr an Weihnachten?

An einem Tag arbeite ich. Ich arbeite in einer Wohngruppe. Vielleicht koche ich an einem anderen Tag mit Freunden, eventuell gehen wir sogar in eine Kneipe. Vielleicht schaue ich mir auch einfach allein einen Weihnachtsfilm aus meiner Kindheit an.

FOTO: Pixabay

Mehmets vollständiger Name ist der Redaktion bekannt.

Hier erzählt Trang über ihr schrecklichstes Geschenk und ihre Pläne für Weihnachten.

Kirsten Joehlinger