Endgegner*in: Drehtüren in der Bib

Endgegner*in: Drehtüren in der Bib

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, gibt dir die wacklige Internetverbindung oder die Drehtür in der Bib vielleicht noch den Rest – in unserer neuen Reihe schreiben wir über die Endgegner*innen des Unialltags, also Dinge, die Studis an den Rand der Verzweiflung bringen.

Oft genug bin ich auf sie hereingefallen. Sie machen dir vor, dass sie dich durchlassen. Sie tun so, als würden sie dir zu Diensten sein. Sie locken dich in ihr Inneres. Du setzt erst den linken und dann den rechten Fuß hinein. Sie schließen hinter dir langsam und unbemerkt die Möglichkeit, umzukehren. Plötzlich steckst du fest. Du weißt nicht, woran es liegt: Bist du zu dicht an die Drehtür herangetreten? Steckt ein Teil deiner Jacke irgendwo fest? Du ärgerst dich über deine Tollpatschigkeit.

Du traust dich nicht, dich umzuschauen. Hoffentlich guckt keiner. Dein Blick bleibt auf den durchsichtigen Drehtüren kleben. Niemand soll dir die Angst davor anmerken, an Drehtüren zu scheitern. Niemand soll sehen, dass du hilflos in einem Glaskasten steckst und hoffst, dass die Türen sich weiterdrehen. Bitte. Wann drehen sie sich weiter? Du stößt – hoffentlich ganz lässig – die Tür an. Nichts dreht sich. Nichts bewegt sich, schon gar nicht du. Dein Gesicht ist hellrot, wie dir die Spiegelung im Glas bestätigt. Unter deiner Winterjacke ist dein Hoodie mindestens feucht – dein unfreiwilliges Geständnis, den Kampf gegen Glas, Metall und Kunststoff verloren zu haben. Wieso das simple Konzept einer Tür zu einem Hexenwerk verunstaltet wurde, fragst du dich, als die ungesunde Menge an Kaffee kickt, die du heute konsumiert hast. Deine Hände zittern.

Wie ein Gecko im Terrarium drückst du deine schweißigen Hände jetzt an die Glasscheiben. Wie in einem verdammten Schaufenster schauen dich bestimmt alle an. Sie ALLE. Sie ALLE sind wahrscheinlich froh, dass heute nicht sie, sondern du in die Falle der Drehtüren getappt bist – das weißt du, weil du oft genug genau das gedacht hast. Verdammt. Du schiebst die garstige Tür jetzt an. Willensstark. Langsam, sehr langsam bewegt sich das Ding. Fünf Minuten später bist du raus aus dem Glaskasten. Nur die feuchten Handabdrücke an der Tür erinnern an deinen Schweißausbruch.

Den Bums lässt du dir nie wieder gefallen, denkst du noch vor dem Schlafengehen. Am nächsten Tag – Schaufenster all over again. Ab jetzt nimmst du die elektrische Tür. Nächstes Mal aber wirklich.

Fünf Jahre vergehen. Dein erstes Semester liegt lange hinter dir. Du stehst kurz davor, deinen Masterabschluss zu absolvieren. Dein letzter Streifzug durch die Marburger Bibliothek. Du gibst die U-Card an der Rezeption ab und bekommst dein Pfand von 5 Euro wieder. Ein Gefühl der Erleichterung im Bauch gemischt mit sehr viel Zukunftsangst. Du drehst dich um und siehst zwei Typen in einer der Drehtüren stecken. Der Boden der Bib ist immer noch rot und die Drehtüren gläsern. Immerhin sind sie zu zweit, geteiltes Leid und so, denkst du. Ganz lässig – dieses Mal wirklich – drückst du den Knopf der elektrischen Tür und gehst die letzten Schritte aus der Bib. Erst den linken Fuß und dann den rechten. Nie wieder Gecko an der Glastür.

(Lektoriert von nir, jok und hab.)

studiert in Marburg Literaturvermittlung in den Medien und führt eine ungesunde Beziehung zur Marburger Universitätsbibliothek.

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