Endgegner*in: Die Tische in der UB

Endgegner*in: Die Tische in der UB

Foto: Eloise Hannes

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, gibt dir die wacklige Internetverbindung oder die Drehtür in der Bib vielleicht noch den Rest – in unserer neuen Reihe schreiben wir über die Endgegner*innen des Unialltags, also Dinge, die Studis an den Rand der Verzweiflung bringen.

Als ich mich gestern nach dem Aufwachen das erste Mal hinstellte, schaffte ich es kaum, meinen Rücken aufzurichten. Es fühlte sich so an, als würden jeweils meine Schultern und mein Kopf durch ein Spanngummi miteinander verbunden seien. Eine Art Spanngummi, das ich sonst dafür benutze, um die Einkäufe auf meinem Fahrrad-Gepäckträger zu befestigen. So ein Spanngummi, das alles zusammendrückt, was es umschlingt. Dieses Gefühl im Rücken habe ich momentan täglich: Weil die Tische in der Universitätsbibliothek in Marburg so niedrig sind, hänge ich täglich mit gekrümmten Rücken über meinen Büchern.

Nachdem ich mir gestern Morgen einen Kaffee kochte und ein Marmeladenbrot aß, schleppte ich mich ins Wohnzimmer. In der Hausarbeiten-Phase liegt da durchgehend eine Sportmatte, auf der ich bei jeder Gelegenheit meinen Nacken, meine Schultern und meinen Rücken dehne.

Ich duschte zu lange, putzte meine Zähne, zog mich an und trottete danach durch die nebelige, schwüle Oberstadt zur Universitätsbibliothek. Gegen 8:30 Uhr nahm ich an den Tischen Platz, die mir das Lernen erschweren, die gefühlt niedriger sind als die, die meine Schule mir in der sechsten Klasse zur Verfügung stellte.

Bevor ich meinen Laptop aufklappte, bewunderte ich den Alten Botanischen Garten durch die riesige Glasfassade zu meiner Linken. Alles in der Bibliothek ist sehr neu, stellte ich wiederholt fest. Es gibt ja auch Gründe, warum ich hier lerne, dachte ich. Zuhause lenke ich mich ab mit Sport und Saugen, Wischen und Lesen, Serien und Filmen. Wie gerne wäre ich durch den Alten Botanischen Garten gejoggt oder im Aquamar gekrault – alles schien besser als diese Tische, obwohl sie so neu wie die Bibliothek selbst sind.

2018 wurde die Bibliothek offiziell eröffnet. „Waren die Tische besonders günstig, weil sie so niedrig sind? Sind es Tische für Kinder?“ – eigentlich hätte ich mich fragen sollen, was ich ins Fazit meiner Hausarbeit schreiben möchte. Wie es wohl dem Typen neben mir geht, der mit einer Körpergröße von sicherlich zwei Metern auf eben so einem winzigen Stuhl ausharren muss? Immerhin sehen die Stühle hochwertig aus. Natürlich gibt es auch die modernere Variante der Tische. Sie lassen sich so hochfahren, dass der Typ an ihnen stehen könnte. Nur sind diese – wenn es hochkommt: fünf – Exemplare der Bibliothek wahrscheinlich längst besetzt. Es ist schließlich Hausarbeiten- und Klausuren-Phase für alle 20.000 Marburger Studierenden. Die neuen, aber wenigen mobilen Tischerhöhungen scheinen ein weiterer Versuch der Bibliothek zu sein, den Studierenden eine Alternative zu der niedrigen Tischhöhe bieten. Doch sie eignen sich nur, wenn Studierende gänzlich im Stehen arbeiten wollen.

Hausarbeit Nummer Zwei von Drei lag vor mir auf dem Schreibtisch. Neben mir hatte eine Studentin ihren Oberkörper auf dem Tisch abgelegt und schien zu schlafen. Ich dehnte meinen Nacken und dachte: Seit fünf Wochen sitze ich Morgen für Morgen auf diesen Stühlen, beuge mich über meine Bücher und bereite mich innerlich auf weitere fünf Wochen vor, die ich noch durchstehen muss. Wenn ich an den Wochenenden mal an meinem eigenen Schreibtisch sitze oder mich sogar im Freien bewege, merke ich, wie die Nacken-, Rücken- und Schulterschmerzen nachlassen. Ich bin 24 Jahre alt.

Was die Marburger Studis sonst noch im Endgame verzweifeln lässt, lest ihr hier.

(Lektoriert von jok und lurs.)

studiert in Marburg Literaturvermittlung in den Medien und führt eine ungesunde Beziehung zur Marburger Universitätsbibliothek.

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