Endgegner*in: Der überfüllte Bauch des Colibris

Endgegner*in: Der überfüllte Bauch des Colibris

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, gibt dir die wacklige Internetverbindung oder die Drehtür in der Bib vielleicht noch den Rest – in dieser Reihe schreiben wir über die Endgegner*innen des Unialltags, also Dinge, die Studis an den Rand der Verzweiflung bringen.

Da stehe ich und esse das, was ich mir im Colibri gekauft habe, und finde keinen Platz, an dem ich es essen kann. Entscheiden kann ich mich nun zwischen der letzten steinernen Bank im Atrium und dem Boden. Ich setze mich auf den Boden. Die steinerne Bank droht mir mit einer Blasenentzündung. Es ist November, ein x-beliebiger Wochentag im November. Vielleicht ein Mittwoch. Das Colibri ist zu klein für die Massen an neuen und älteren Studierenden und die Blätter im Alten Botanischen Garten leuchten orange. Meine Freund*innen sitzen zuhause und schauen Gilmore Girls. Es regnet. Die Hausarbeit, die ein Überbleibsel aus dem letzten Semester ist, verschafft mir Bauchschmerzen – nicht nur, weil ich die Einzige aus meinem Semester bin, die aktuell so viel in der Bibliothek auf dem Boden sitzen muss, nicht nur, weil ich auf dem Boden sitze, sondern auch, weil mir noch 15 von 15 Seiten fehlen.

Am liebsten würde ich beim Essen arbeiten. Es ist ja eh niemand da, die oder der mich gerade von meiner Hausarbeit ablenken oder einen Schnack beim Essen ermöglichen könnte. Hätte ich doch nur einen Tisch! Auf dem Boden zu sitzen: okay, auf dem Boden zu essen: wenn’s sein muss, aber auf dem Boden zu arbeiten: eher nicht.

Im Sommer würden die vier Tische, welche die Universität großzügigerweise draußen vor der Bib angebracht hat, immerhin eine Alternative zum überfüllten Colibri und dem eiskalten Atrium darstellen – auch wenn diese eigentlich immer besetzt und nicht selten mit Zigarettenasche und Kippen vollgeschmiert sind. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle auch der Kletterpark, den die Bib statt mehr Stühlen und Tischen im Außenbereich erbaut hat. Diesen Kletterpark – oder ist es ein Fitness-Parcours? Oder ein Spielplatz für Erwachsene? – benutzt zwar niemand, weil die meisten Studierenden in der Bib sind, um an einem Tisch mit Stühlen zu lernen, zu arbeiten, zu lesen, zu schreiben und eben auch Pausen zu machen, aber die Außenanlage der Universitätsbibliothek erscheint dadurch immerhin hip, frisiert und gesund.

(Lektoriert von jok, nir und hab.)

studiert in Marburg Literaturvermittlung in den Medien und führt eine ungesunde Beziehung zur Marburger Universitätsbibliothek.

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