Endgegner*in: Sonntage in der Bib

Endgegner*in: Sonntage in der Bib

Bild: L. Theiding & H. Benner

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, gibt dir die wacklige Internetverbindung oder die Drehtür in der Bib vielleicht noch den Rest – in dieser Reihe schreiben wir über die Endgegner*innen des Unialltags, also Dinge, die Studis an den Rand der Verzweiflung bringen.

Sonntage in der Bib sind die widerspruchsreichsten Tage im Jahr. Leider gibt es davon viele. Ich liebe Sonntage in der Bib. Auf der einen Seite. Die fehlenden Tippgeräusche vor oder hinter mir, die wenigen lauten Menschen im Atrium, die freie Platzauswahl und ein alter Botanischer Garten, in dem ich nur Vogelgezwitscher höre. Nur wenige knutschende Pärchen, nur wenige grölende Erstis. Viele Studis katern heute im Bett. Wahrscheinlich in Jogger. Während ich meine Bachelorarbeit schreibe, genieße ich sehr, dass sie sonntags katern. 

Sonntage in der Bibliothek bedeuten, und das ist die andere Seite, puren Stress für Leute wie mich, die Wert auf regelmäßige Mahlzeiten legen. Ich liebe Essen mehr als ich Sonntage in der Bib liebe. Die logische Konsequenz daraus, dass das Colibri sonntags immer geschlossen hat, ist also, dass ich Sonntage in der Bib auch ein bisschen hassen muss. Kein Brötchen in der Pause, kein Milchkaffe mit Zigarette, keine Zusammenkunft des gemeinschaftlichen Prokrastinierens. 

Sonntage in der Bib bieten mir zwei Möglichkeiten: In der Mittagspause überteuerte Bagels im Café Wertvoll essen oder Erwachsenwerden, also vorausschauend meine Einkäufe vorzubereiten – nichts davon ist eine Option für mich. Spätestens Samstagabend einkaufen und spätestens Sonntagmorgen Brote schmieren oder Nudelgerichte vom Vorabend auslauffest verpacken, bedeutet für mich mehr Stress. 

Ich liebe die Bib und nur deswegen ist es mir ein Anliegen, dass sie ihr größtmögliches Potenzial erreicht. Die Frage zum Start des Jahres 2024 ist also, warum das Colibri sonntags nicht aufhaben kann. Während ich versuche, mir diese Frage zu beantworten, fällt mein Blick wieder auf meine Bachelorarbeit. Mein Handy vibriert. „Wann machst du Pause?“, übermittelt mir WhatsApp. „Lust auf einen überteuerten Bagel?“, antworte ich meiner Kommilitonin. Sonntage in der Bib sind voller Widersprüche, Sonntage in der Bib zerreißen mich innerlich.

(Lektoriert von hab und nir.)

studiert in Marburg Literaturvermittlung in den Medien und führt eine ungesunde Beziehung zur Marburger Universitätsbibliothek.

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