Sneak Review #211: Schmetterlinge im Ohr

Sneak Review #211: Schmetterlinge im Ohr

Zuhören – eine Fertigkeit, der nicht jede*r mächtig ist. Doch während bei den meisten eigentlich alle Voraussetzungen gegeben sind, sieht das bei Antoine (Pascal Elbé) anders aus. Bald stellt sich seine Ignoranz als Ergebnis seiner Schwerhörigkeit heraus. Schafft es Elbé – auch Regisseur und Drehbuchautor der Komödie „Schmetterlinge im Ohr“ – das vielversprechende Thema von Schwerhörigkeit im frühen Alter überzeugend darzustellen?

Verplant, Verpeilt, Hörgerät

Ein Lehrer, der seinen Schülern nicht zuhört, ein Geliebter, der die Beschwerden seiner Freundin ohne jegliche Regung zu überhören scheint und ein Bruder, der seine Schwester kategorisch missversteht – All das scheint Antoine zu Beginn des französischen Filmes Schmetterlinge im Ohr zu sein. Jeden Morgen lässt er seinen Wecker auch nach dem Aufwachen ungestört weiter klingeln. Das Klingeln ist so schrill, dass Claire (Sandrine Kiberlain) früh morgens an die Tür des Lehrers hämmert, um ihn dazu zu bewegen, seinen Wecker auszuschalten. Sie und ihre Tochter leben in der Wohnung unter Antoine. Er versteht ihre Reaktion nicht, fragt sie, ob der Wecker denn wirklich noch klingelt und beschreibt sie als irre. Claire denkt, Antoine provoziere sie absichtlich. Seine Kollegen im Lehrerzimmer, seine Nachbarn, Freunde und Familie – jeder in dem Leben Antoines wirft ihm vor, selten zuzuhören und immer abwesend zu sein. Trotz der ihm nicht verständlichen Anschuldigungen zieht er die Konsequenz daraus, seine Hörfähigkeit ärztlich überprüfen zu lassen: Antoine, Anfang Fünfzig, ist schwerhörig.

Lippenlesen, Gebärdensprache und ein Hörgerät sollen sein Leben erleichtern. Leichter macht das Hörgerät sein Leben anfangs jedoch nicht. Antoine hört Geräusche überdimensional laut, was ihn von seinen Gesprächspartnern ablenkt. Zwischendurch setzt sein Hörgerät sogar ganz aus. Er erscheint seinem Umfeld nun noch abwesender als zuvor. Da er nur sehr wenigen Menschen von seiner Schwerhörigkeit erzählt hat, reagiert sein Umfeld weiterhin mit Verständnislosigkeit auf Antoines angebliches Nicht-Zuhören. Antoine tritt vor einem Date mit Claire auf sein Hörgerät und muss es deswegen spontan ohne gute Begründung absagen. Eingeweiht in das Geheimnis der Schwerhörigkeit wird die Tochter von Claire, Violette (Manon Lemoine), die seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr spricht. Als Claire an einem Abend bekifft einschläft, findet Antoine seine Nachbarstochter im Flur und bereitet ihr daraufhin ein Abendessen zu. Durch die Verbindung ihrer Tochter zu Antoine, die sich daraufhin entwickelt, kommt Claire nicht drumherum, sich mit ihrem Nachbarn zu beschäftigen.

Augenrollen angesagt

Augenrollen und ein Kommentar über die Storyline, „Und er kommt später mit der Blonden zusammen, Happy End“, den eine Zuschauerin in Minute Fünf von sich gibt, beschreiben den ausschlaggebendsten Kritikpunkt an dieser Komödie sehr genau. Von Beginn an ahnt das Publikum, wie die Story verlaufen wird. Die frustrierte Nachbarin, die kurz zuvor ihren Mann verloren hat, kommt mit dem Typen zusammen, von dem sie anfangs genervt ist. Violette, die seit einem Jahr mit niemanden reden mag, freundet sich mit Antoine an und er ist Held der Geschichte, weil sie mithilfe von ihm wieder anfängt zu sprechen.

Es wird nicht klar, warum ausgerechnet Antoine Violettes Vertrauen gewinnt. Sie ist stumm und ihr Vater ist gestorben. An einer Stelle macht Antoine den Witz, dass stumm und schwerhörig gut zusammen passen – das ist also die Story? Kurz danach fängt Violette an, erstmals wieder zu sprechen. Es wirkt so, als würde Violette lediglich die Funktion übernehmen, Antoine und Claire zusammen zu bringen. Warum vertraut das junge Mädchen einem fremden Mann auf Anhieb? Wieso fängt sie durch ihn wieder an zu sprechen? Ähnelt Antoine dem Vater von Violette? Ist es, weil er ein Mann ist und sie ihren Vater vermisst? Warum kann ihr Onkel diese Rolle dann nicht übernehmen – der wohnt schließlich bei ihnen? Selbst wenn eine oder mehrere dieser Vermutungen zutreffen würden, erscheint es merkwürdig, dass das Mädchen aus diesen Gründen wieder anfängt zu sprechen, obwohl sie es ein Jahr lang nicht getan hat und nicht mal mit ihrer Mutter redet.

Sound an

Dennoch bekommt das Publikum ein paar informative Einblicke in die potenziellen alltägliche Hürden von Menschen mit Hörgerät: sich die Erkrankung im frühen Alter einzugestehen, im Wartezimmer des Arztes mit Leuten zu sitzen, die 20 Jahre älter sind als Antoine und sich dann an ein Hörgerät zu gewöhnen, es im Alltag ohne Probleme einsetzen zu können, scheint Übung und Geduld zu benötigen. Antoine entdeckt nach und nach mithilfe des Hörgeräts die leisen Geräusche des Lebens wieder für sich: Regengeplätscher, entferntes Stimmengewirr oder Schritte auf dem Gang.

Wenn er jedoch in einen Apfel beißt, wird auch dieses Knacken und Kauen überdimensional dargestellt, weil Antoine es als störend laut empfindet. Mit verschieden Soundeinstellungen wird versucht, dem Publikum zu demonstrieren, was es bedeuten kann, schwerhörig zu sein und welchen Unterschied in der Wahrnehmung das Hörgerät bewirken kann. Wenn Antoine und Claire sich zum Essen im Restaurant treffen und sein Hörgerät unerwartet aussetzt, kriegt er zwar mit, dass Claire etwas erzählt, kann jedoch den Inhalt ihrer Aussagen nicht ausmachen, alle Geräusche um ihn herum erscheinen ohne Hörgerät dumpf. Er versucht zu erahnen, welche Antwort am besten passen würde. Aus Scham über seine Schwerhörigkeit will er ihr nicht von seinem akuten Problem berichten. Stattdessen sagt er sowas wie „Ist doch gut“, nachdem sie erzählt, dass ihr Mann vor einem Jahr verstorben sei.

Keine Schmetterlinge im Kopf

Das Augenrollen der Kinobesucherin hatte also seine Berechtigung, denn die Umsetzung von Schwerhörigkeit im jüngeren Alter ist – bis auf die eindrücklichen Soundeinstellungen – nicht gelungen. Schmetterlinge im Ohr ist eine Komödie, die einige Lacher abwirft, aber wenig Inhalt bietet und viele Fragen offen lässt. Wer den französischen Humor und leichte Unterhaltung zu schätzen weiß, wird Schmetterlinge im Ohr mögen. Wenn jedoch eine inhaltlich reichhaltige Story, eine intensive Kinoerfahrung gewünscht ist, dann wird sich hier gelangweilt.

„Schmetterlinge im Ohr“ läuft am 16.06 in den deutschen Kinos an.

Foto: Pascal Elbé/France 3 Cinéma

ist 1999 in Hamburg geboren. In Marburg studiert sie Soziologie. Mit Lesen, Hockey, Schwimmen und Joggen gestaltet sie ihre Freizeit.

Wordpress Social Share Plugin powered by Ultimatelysocial
Facebook
Instagram
Twitter