Was darf Humor? Die Kay Ray Show am 25. März 2022

Was darf Humor? Die Kay Ray Show am 25. März 2022

TW: Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit

Humor ist Geschmackssache. Das ist erstmal nichts Neues. Und das ist erstmal gut so. Marburg steht als eher kleinere Stadt häufig nicht auf dem Tourplan der Lachkünstler*innen, doch am 25.März 2022 bot sich uns in der Waggonhalle in Marburg mit dem Künstler Kay Ray die einmalige Gelegenheit, Humor und Satire von einer neuen Seite zu beobachten. PHILIPP hat sich der Sache angenommen und war vor Ort, um für euch herauszufinden, wie der „göttliche Gaukler“, als der er sich bezeichnet, einzuordnen ist. Er gilt als einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der laut Internetrezensionen (Werra-Rundschau, Naturtheater Grötzingen) immer wieder „unter die Gürtellinie“ schlägt und bei dem die Gags im Akkordtakt kommen, immer wieder untermalt von Gesangseinlagen und Tiktok-Videos.

Die Entertainment-Boje

Ein eher älteres Publikum erwartet mich am Samstag, als ich an der Waggonhalle ankam. Insgesamt zähle ich vier Leute, die als unter 30 durchgehen könnten.

Hinter der Bühne ist eine Leinwand aufgebaut, auf der Merchandise angepriesen wird. Dann gehen die Lichter aus und die Leinwand zeigt dasselbe Bild wie das seiner Webseite: im Hintergrund ein sinkendes Schiff und im Vordergrund eine Boje, auf der Entertainment steht. Die Entertainment-Boje, welche die absaufende Comedy-Titanic retten wird, in Form von Kay Ray, der nun auf die Bühne springt und direkt zu einer Gesangseinlage anstimmt.

Das Publikum jubelt und klatscht. Ein Zustand, der sich durch den Abend zieht und nur einmal überschattet wird von dem Verlassen der Veranstaltung einer Zuschauerin. Kay Ray nutzt gerne den Anlass um seine erste Publikumsinteraktion vorzunehmen, indem er die Begleiterin der Besucherin durch wiederholtes Nachfragen, warum ihre Freundin die Show verlassen hat, in Bedrängnis bringt. Die Frau verlässt kurz darauf ebenfalls die Veranstaltung. Wütende Zuschauer*innen, Bühnenverbote – Situationen, die für ihn keine Seltenheit mehr sind, sondern eher die Regel, wie er dem Publikum offenbart und die Städte und Locations aufzählt, in denen er nicht mehr auftreten darf.

Harte Schale, weicher Kern

Trotzdem verletzen und ärgern ihn solche Ereignisse, da das Kunst sei und die Menschen dann nicht verstehen würden, was er vermitteln wolle. Spaß könne in alle Richtungen gehen, erklärt er später im Interview. Mehr wolle er auch gar nicht, denn Comedy und Aktivismus passe nicht zusammen, spiele sich auf unterschiedlichen Ebenen ab. Dass es jetzt zum Beispiel einen schwulen pfälzischen Wein geben würde, verteufele er gar nicht, da das für viele bestimmt wichtig sei, aber es müsse dennoch das Recht bestehen, sich darüber lustig machen zu dürfen, ansonsten würden wir irgendwann in einem humorlosen, kalten Land enden. Die Antwort auf die Frage, ob humorlos gleich kalt wäre, ist eine emotionale. Er erzählt vom totalitären Vater, wie er bereits mit zwölf Jahren durch öffentliche Toiletten gestreift ist, um andere Männer kennenzulernen oder im Wohnzimmer der Mitschüler*innen von den Eltern als Schwuchtel beleidigt wurde. Nur dank Humor habe er sich da durchhangeln können, ein Mittel, das die Schwulenszene seit jeher benutzt habe. Und da liege der Unterschied zur Schwarzenbewegung, die habe es nämlich nicht geschafft, „sich mit Humor über diese Dinge hinwegzusetzen“, meint er. Gerade die Frage, was Rassismus ist, ist eine heikle. Kay Ray hat da eine liberale Sichtweise, wie er später erklärt. Nichtweiße Menschen zu fragen, woher sie kommen, sei kein Rassismus, schließlich müssten ältere Menschen auch dumme Fragen über sich ergehen lassen, weil sie alt sind, oder Katzenliebhaber, warum sie Katzen mögen. Diesen Zustand müssten die Leute ertragen, das sei eben die Welt. Sein Programm bediene seiner Meinung nach einen Geschmack, der in der Comedybranche bisher zu wenig vertreten sei. Nur ein Anzeichen von vielen, warum Deutschland nicht bunt und vielfältig wäre, auch wenn das immer so dargestellt werde. Ich gebe ihm Recht, dass sich in der Comedy-Szene viele Künstler*innen programmatisch und methodisch ähneln.

Auch mich spricht er mehrmals an, ob ich beim Notizenmachen gut mitkomme und dass ich nur Positives berichten solle. Kein Wunder, denn die Beziehung zur Presse ist keine einfach, wie im Internet nachzulesen ist (tz.de, Hamburger Morgenpost). Auch die Frage ist durchaus berechtigt, denn zwischen zwei Witzen liegen bei Kay Ray allerhöchstens 15 Sekunden. Und das bei einer Programmdauer von über drei Stunden. Ausdauer kann man ihm also auf jeden Fall bescheinigen, mir leider nicht. Spätestens zur Pause raucht mein Kopf. Anscheinend bin ich die einzige, der es so geht. Die Zuschauer*innen brüllen vor Lachen. Einer Frau ist es so unangenehm, dass sie sich immer wieder wegdrehen muss. Man könnte sagen, seine Witze wären einfach mörderisch gut („Das Denkorgan ist auch nicht bei jedem ein Gehirn“, als es um die Aussage Tessa Ganserers geht, der Penis sei nicht per se ein männliches Geschlecht) denn die Dame sieht schon gefährlich rot aus. Als er zum Einstieg jedoch das früher geläufige und mittlerweile zu Recht als rassistisch eingestufte Wort für „Paprikasauce ungarischer Art“ mehrmals wiederholt, direkt hintereinander und das Publikum wie ein kleines Mädchen verschämt kichert, frage ich mich genervt, ob das wirklich sein muss. Beleidigungen jeglicher Art sind keine Form der Diversität, auch wenn er es unter dem Deckmantel der Vielfältigkeit verkauft. Laut Kay Ray erfolgt Ausgrenzung auch nicht von außen, sondern „Ausgegrenzt fühlst du dich nur, wenn du dich selber ausgrenzt.“

Die Diversitätsdebatte

Vielfältig hingegen, das muss man ihm lassen, sind die Richtungen, in die er austeilt. Von KZs über Ricarda Lang und Tessa Ganserer bis hin zu BiPoc und Rollstuhlfahrer*innen schaffen es sehr viele Themen in sein Programm, um die andere Comedians einen großen Bogen machen. Auch wenn ich ihm in den meisten seiner Ansichten widersprechen würde, frage ich mich schon auch, inwieweit er Recht hat. Darf man sich wirklich über ALLES lustig machen? Oder gibt es Grenzen? Rein juristisch gesehen gibt es eine Grenze: Laut Grundgesetz Artikel 5 zur Meinungsfreiheit steht in Absatz 2 unter anderem, dass das Recht der persönlichen Ehre gewahrt werden muss. Und Ehre ist oft Auslegungssache. Es gibt Menschen, die das offensichtlich sehr witzig finden, wenn Kay Ray auf der Bühne immer wieder das Wort „Fotze“ als Synonym für die weibliche Intimzone in den Mund nimmt und es gibt welche, die sich dann in ihrer Ehre verletzt fühlen. Über diese Aspekte wird in der Öffentlichkeit heftig debattiert und Social Media befeuert das Ganze nur noch weiter. Schwierig, sich in der Debatte zu orientieren. Ich fühle mich zwar nicht verletzt, bin aber generell kein Fan der harten Ausdrucksweise, die für Kay Ray aber normal scheint („Wenn du Vater werden willst, musst du ’ne Frau ficken.“). Kommt aber gut an, niemand scheint sich an diesem Umgangston zu stören.

Fazit

Nach dreieinhalb Stunden Programm und einer halben Stunde Interview begebe ich mich auf den Heimweg und lasse das Erlebte Revue passieren. Es war auf jeden Fall eine interessante und auch herausfordernde Erfahrung und obwohl ich wirklich sehr müde bin, ob seines teilweise unorganisierten und unkonzentrierten Auftretens, der Programmlänge, der eng getakteten Gags und des dezent zu lauten Tons, kann ich doch etwas mitnehmen aus dem Abend. Vor allem die Frage, was bunter und vielfältiger Humor ist und was er darf, gibt das Programm von Kay Ray eine neue Perspektive in der Satire Diskussion. Ich würde jedoch nicht wieder hingehen. Zu viele grenzüberschreitende Witze, über die ich nicht lachen konnte, zu viel „Fotze“ und „ficken“. Und gerade das absichtliche Aussprechen von Wörtern, von denen man weiß, dass sie andere Menschen als sehr verletzend empfinden, finde ich respektlos und unnötig. Und vor allem bei Diskriminierung die Verantwortung auf die Betroffenen abzuschieben, finde ich schwierig, da nicht jede*r immer alles witzig findet, nicht jede*r kann verletzende Äußerungen und Handlungen gleich gut wegstecken. Ich kann die Frage, was Satire darf und was nicht, nicht abschließend beantworten und vielleicht (sehr wahrscheinlich) gibt es auch keine eindeutige Lösung für dieses Problem.

FOTO: Copyright Andreas Elsner

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