Sneak Review #203: Eingeschlossene Gesellschaft

Sneak Review #203: Eingeschlossene Gesellschaft

Hello, na, habt ihr uns schon vermisst? Genauso wie ihr auch den Anblick eures Hasslehrers, den Duft von schwitzigen Teeniekörpern oder das Geräusch der Stille vermisst, wenn damals wieder mal keiner so wirklich wusste, wie man jetzt eigentlich Sinus ausrechnet? So ein Déjà-vu durften alle Sneakbesucher*innen am 05.April 2022 erleben, als es darum ging, zwar nicht die Schulbank, dafür aber die Kinositze zu drücken. Unter der Regie von Sönke Wortmann machen wir in der Komödie „Eingeschlossene Gesellschaft“ eine Zeitreise in den Verbotenen Wald der Schule: Das Lehrerzimmer. Welche moralischen Abgründe sich hier auftun und wie gut das umgesetzt wurde, erfahrt ihr nur zum Teil hier, ein bisschen was müsst ihr schon auch selber tun.

Stress vorm Feierabend

Freitagnachmittag, in jedem deutschen Lehrerzimmer: Sechs (angehende) Lehrer*innen, die einen kurz vor‘m Feierabend, die anderen kurz vor dreißig unkorrigierten Klassenarbeiten. Keiner hat mehr Bock, alle wollen nachhause. Dann klopft es an der Türe. Vermutlich ein*e Schüler*in. Horrorszenario für jede Lehrkraft. Kurze Diskussion, ob man sich dem stellen soll, was da vor der Tür wartet oder nicht. Dann die Überraschung: Es ist Manfred Prohaska (Thorsten Merten), der Vater von Fabian (Nick Julius Schuck), dem zur Abiturzulassung nur ein Punkt fehlt, den ihm sein Lehrer Klaus Engelhardt (Justus von Dohnányí) aber verwehrt hat. Der Vater versucht es zunächst mit Bitten, als er jedoch merkt, dass er nicht ernstgenommen und nur abgewiegelt wird, greift er zu drastischen Mitteln und zieht eine Pistole aus der Jacke. Seine Forderung: Die anwesende Lehrerschaft soll über den Fall Fabian diskutieren und neu bewerten, ob er den fehlenden Punkt wirklich nicht verdient hat. Er schließt die Türe zur Außenwelt ab und verschanzt sich im anliegenden Zimmer des Direktors, um dem Ergebnis der Debatte auszuharren. Doch die dreht sich nur zu einem kleinen Teil um den Jungen. In der nächsten Stunde kommen sämtliche kleinere und größere Verfehlungen der Lehrenden Engelhardt, Peter Mertens (Florian David Fitz), Heidi Lohmann (Anke Engelke), Holger Arndt (Thomas Loibl), Bernd Vogel (Torben Kessler) und Sara Schuster (Nilam Farooq) auf den Tisch. Die Lage spitzt sich immer weiter zu, nicht nur wegen des explosionsgefährdeten Chemieexperiments von Lehrer Vogel. Zum Glück findet sich noch rechtzeitig das konfiszierte Handy des Schülers Benjamin (Carl Phillip Benzschawel). Rettung naht! Oder?

Klischeehaft, klischeehafter, deutscher Film

Ich muss zugeben, dass ich nicht besonders viel erwartet habe, als ich den Namen der deutschen Filmförderungsanstalt im Vorspann gelesen habe. Die Ausgänge solcher Filme ähneln sich meist frappierend. Doch nicht nur das Ende ist vorhersehbar, sondern auch die Charaktere. Im Grunde könnte der Film auch „6 Arten von Lehrer*innen, die jede*r kennt“ heißen, eine langgezogene Version einschlägig bekannter Youtube-Videos. Hier meine Zusammenfassung (kein Spoiler, keine Sorge): Zwar kein Lehrer aber trotzdem einen deutschen Stereotyp stellt Thorsten Mertens in seiner Vaterrolle dar, aus der man ganz bestimmt auch wieder ein inhaltsloses deutsches Familiendrama basteln kann, das dann zur Primetime im Fernsehen kommt, Anke Engelke spielt die kinderhassende Klischee-Schreckschraube, die dank Perücke, Brille und Kostüm aussieht wie ein Lampenschirm aus den 60ern. Ihre Leidenschaften sind Sonette und Beethoven, was ja alles andere als verwerflich ist, in dieser Kombination aber einfach nur abgedroschen klingt. Justus von Dohnányí ist der unnachgiebige und hartherzige Lehrer, der bereits kleinste Verfehlungen mit größter Strenge bestraft. Bei ihm zählt einzig und allein das Leistungsprinzip. Torben Kessler stellt den Außenseiter des Kollegiums dar, der für das schulweite Handyverbot verantwortlich ist, nachdem eine neugierige Chemieklasse seine Pornosammlung auf dem Laptop entdeckt (deshalb sensible Daten immer auf einer externen Festplatte speichern!) und abgefilmt hat. Thomas Loibl, ein zuerst sympathisch erscheinender Lehrer entpuppt sich als Opportunist, der die Gelegenheit sehr gerne ergreift, wenn es darum geht, die nächste Sprosse der Karriereleiter zu nehmen. Florian David Fitz ist als schülerschleimender Sportlehrer zu sehen, dem es besonders die Schülerinnen angetan haben, aber auch die junge Referendarin, gespielt von Nilam Farooq, die wiederum, außer ihrer Vorliebe für verheiratete Männer, wirklich keinen Dreck am Stecken zu haben scheint. Keine*r der Schauspieler*innen ist unbekannt, alle sind immer und immer wieder in deutschen Filmen zu sehen und vielleicht liegt da auch die Krux. Es würde dem deutschen Film wirklich mal ganz gut tun, neue Gesichter auf die Leinwand, frischen Wind hinter die Kameras und in die Produktion zu bringen. Solange aber an den richtigen Hebeln immer noch dieselben Leute sitzen wie vor fünf, zehn oder zwanzig Jahren, ist das unwahrscheinlich.

Wirklich so schlimm?

Okay gut, aber Klischees können ja auch ganz unterhaltsam sein, kann man jetzt dagegenhalten. Und das waren sie hier teilweise auch. Es wäre auf jeden Fall gelogen zu sagen, dass ich nicht gelacht habe. Nur leider überwiegen in meiner Erinnerung die unauthentischen Szenen und Dialoge, wie zum Beispiel, dass der Vater einfach ins Lehrerzimmer, das Heiligtum jeder Schule, eintreten darf und dass keine*r der Lehrer*innen ernsthaft versucht, den Raum zu verlassen. Sogar als der verzweifelte Vater die Waffe hervorholt, gibt es keine Fluchtreaktionen oder Panikattacken, alle bleiben sitzen oder heben allenfalls die Hände. Auch dass fünf von sechs in der heutigen Zeit lebenden Menschen nicht wissen, dass man auf einem Handy den Notruf auch ohne Entsperren des Codes betätigen kann, scheint unrealistisch. Was uns zur Polizei führt, die, nachdem sie dann endlich mal in die Gänge kommt, direkt das SEK auspackt. Aber nicht, um die Schule zu stürmen, sondern um den handylosen Jugendlichen zu suchen. Nicht dass der Film besondere Ausdauer verlangt hätte, aber diese Szenen haben ihn unnötig in die Länge gezogen.

Vergeudetes Potenzial

Was hätte man aus dem Thema rausholen können, wie interessant hätte diese zweite Ebene sein können, wären die Dialoge spannender und vor allem inhaltsvoller und nicht einfach nur ein verbales Abschießen von bissigen Pfeilen gewesen? Dieser Film wäre die Chance gewesen, unserem derzeitigen Bildungssystem gnadenlos den Spiegel vorzuhalten und es anklagend zu fragen, ob das eigentlich wirklich noch zeitgemäß ist, junge Menschen ungeachtet ihrer individuellen Fähigkeiten, ihrer Reife und Interessen quer durch die Masse nach demselben Maßstab zu bewerten und dadurch Einfluss zu nehmen auf ihr Selbstwertgefühl. Aber nicht nur Kritik hätte hier ihren Platz finden können, sondern auch konstruktive Lösungsvorschläge. Gerade die progressive Rolle der Sara Schuster, bei der man durchaus Veränderungswünsche bemerkt, hätte an dieser Stelle überzeugen können, einen Aufbruch oder zumindest mal ein Gedankenexperiment zu wagen. Wer deutsche Filme und Schauspieler*innen wie Anke Engelke und Justus von Dohnányí bisher gut und lustig fand, wird sich auf jeden Fall amüsieren. Blendet man manche unauthetischen Dialoge und Szenen aus, kann der Film gut unterhalten, man darf allerdings keine zweite Ebene suchen, denn die wird hier schmerzlich vermisst. Und das ist ja auch okay so, nicht jeder Film muss immer tiefgründig sein. Aber es wäre tatsächlich einfach eine sehr gute Möglichkeit gewesen, Kritik an einem der wichtigsten und fragilsten Systeme unserer Gesellschaft zu üben.

Foto: Sönke Wortmann/ Deutsche Columbia TriStar Filmproduktion

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