100-mal Frausein in Marburg

100-mal Frausein in Marburg

Anna Scheidemann (46) vor ihrem Lieblingsporträt der Ausstellung in der Universitätsbibliothek am 31. Mai 2022 (Foto Leonie T.)

Der viereckige Raum in der Universitätsbibliothek schien leer, aber an den Wänden hingen 32 Porträts von Frauen, die in Marburg wohnen. Blicke, Frisuren, Outfits, Hautfarben, Augenfarben, Kamerawinkel – all das variierte. Aufgereiht hingen die Fotografien über die gesamte Wandfläche verteilt. Auf einem Bild starrt die porträtierte Frau ruhig in die Kamera. Tattoos in Form einer Schlange und einem Mandala schimmern grünlich auf ihrer blassen Haut. Sie trägt ein schulterfreies Top und hat einen silbernen Nasenpiercing. Anna Scheidemann (46), die Fotografin, erzählt, dass dies ihr liebstes Porträt in ihrer Ausstellung sei, es würde für sie die Diversität und Stärke Marburger Frauen widerspiegeln.

„Ich drücke mich auch ein Stück weit durch die Portraits meiner Gesprächspartnerinnen aus“

Im April 2022 stellte sie 100 Porträts im Erwin-Piscator-Haus aus, in der Universitätsbibliothek waren weniger Fotografien vorhanden, weil ihr weniger Platz zur Verfügung stand. Aktuell erweitert die Fotografin das Projekt, indem sie Großmütter, Mütter und Töchter fotografiert – weitere Ausstellungen zum Thema Frausein sollen folgen. Erfahrungen, Lebensphasen, Krisen, Eigenschaften von in Marburg lebenden Frauen sollen die Ausstellungen unter dem Titel Frausein anschaulich machen, so die 46-Jährige. Es werden Porträts angefertigt und Interviews geführt, die einen umfassenden Eindruck über die Frauen darbieten sollen. Scheidemann stellt den Frauen dafür Fragen zu ihrem Frausein, zu ihren Körpern, zum Altern, zu sexistischen Anfeindungen und fotografiert die Fotomodelle, während sie über ihre Antworten nachdenken. Das sei ihr Versuch, gedankliche Prozesse als Momentaufnahmen einzufangen. Außerdem baut sie während der Interviews eine persönliche Verbindung zu den Frauen auf: „Ich drücke mich auch ein Stück weit durch die Portrait meiner Gesprächspartnerinnen aus“, führt Anna aus.

Die Idee für dieses Projekt ist Scheidemann gekommen, nachdem sie vor acht Jahren aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert ist. Als sie dabei war sich in Deutschland einzuleben, stellte sie fest, dass sie sich als Frau in Deutschland wesentlich freier ausleben konnte und hinterfragte ihr Sein als Frau. Im Unterschied zu Kiew sei es für Frauen in Marburg selbstverständlicher, sich selbstbewusst als individuelle Frauenpersönlichkeiten zu behaupten, so Scheidemann. Das liege vor allem an gesellschaftlichen Zwängen, die in östlichen Rollenbildern stark verankert seien, erläutert die 46-Jährige.

100 Fotomodelle und darunter Sari als Non-Binary Person

Die Biomedizin-Studentin Sari Hussein (Aphrodite) ist eines der Fotomodels von Scheidemann. Sie vergleicht die Freiheit der Frauen in Marburg mit der in Israel und teilt Scheidemanns Auffassung dabei. Die Palästinenserin aus Israel könne sich in Marburg als Non-Binary Person viel angstfreier zeigen. Trotzdem sind sich beide einig, dass Frauen in Marburg sexistische Erfahrungen erleben und diese unbedingt Teil der Ausstellung Frausein in Marburg sein müssen. Auch sei das Bühnenlicht dieser Ausstellungen auf alle möglichen Hautfarben und Nationalitäten gefallen. „Die Ausstellung wurde sehr divers gestaltet“, beschreibt Sari. Anna erklärt, dass verschiedene Frauen, die in Marburg wohnen, hier porträtiert und interviewt werden konnten. 100 haben es bis jetzt in ihre ausgestellte Auswahl geschafft und es sollen weitere folgen.

Kritik am Fokus auf Frauen

Kritik erhielt Scheidemann aufgrund der Benennung der Kategorie Frau, welche die Ausstellung thematisch umrahmt. „Ich wurde gefragt, warum es nicht Menschsein in Marburg heißen kann“, so die Künstlerin. Die Kritik verstehe sie nicht, denn die Ausstellung hätte ein klares Ziel: Individuelle Erfahrungen von Frauen, Strukturen und Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Die Gemeinsamkeiten habe es eher weniger gegeben. Mit der Zeit habe Anna realisiert, dass jede Frau ihr Frausein für sich ganz individuell auszuleben und zu erleben scheint.

Auch Sari Hussein argumentiert gegen die Kritik an der Ausstellung. Es sei wichtig, Erfahrungen, vor allem sexistische, von Frauen in Marburg aufzuzeigen. Die Kategorisierung sei legitim und außerdem offen gehalten für all jene, die sich mit Frausein identifizieren. „Anna hat sehr schnell verstanden, dass ich mich nicht nur mit einem Geschlecht identifiziere und das für ihre künstlerischen Zwecke ausgenutzt, was richtig ist“, die Message könne nur klar ankommen, so Hussein, denn indem Anna Hussein in die Ausstellung integriert, würde sie zeigen, dass auch Trans- und Non- Binary-Personen unter die Kategorie Frau fallen können.

Im Raum der Universitätsbibliothek hängt ein Bild von Hussein, auf dem sie ein rotes Kleid trägt, den Rücken zum Fotographen gewandt hat und einen Spiegel vor ihr Gesicht hält. Ihr Auge ist in dem Spiegel zu sehen. „Die Leute sehen mich hier durch meine Augen mithilfe der Reflektion meines Blickes im Spiegel“, Hussein ist der Überzeugung, dass die Besuchenden beim Betrachten dieses Portraits zum Nachdenken angeregt werden.

Links Sari Hussein (Aphrodite, 26) ausgestellt am 31. Mai 2022 in der Universitätsbibliothek (Foto Leonie T.)

Die Interviews mit den Fotomodellen samt den dazugehörigen Porträts wurden innerhalb eines Magazins gesammelt, das gehört ebenfalls zum Langzeitprojekt Frausein und wird demnächst kostenlos erhältlich sein.

Link zum Instagram Account von Anna Scheidemann: https://www.instagram.com/anna.scheidemann/

99er-Jahrgang und studiert in Marburg.

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