Sneak-Review #219: The Woman King

Sneak-Review #219: The Woman King

Die Agoji marschieren in die Mauern des Palastes ein. Vorne weg schreitet Nanisca (Viola Davis), links von ihr ist Izogie (Lashana Lynch) zu sehen.

Die Frauen des Königs Ghezo (John Boyega) in The Woman King (Regie: Gina Prince-Bythewood), der das afrikanischen Königreich Dahomey in den 1830er-Jahren im Film regiert, sitzen nur teilweise in seinen Schlafgemächern. Viele von ihnen stehen als muskulöse Kämpferinnen auf dem Schlachtfeld und bilden die vom Volk verehrte Armee der Agoji. Bis Ende des 19. Jahrhunderts verteidigten sie nicht nur im Film, sondern in Wirklichkeit das Volk Dahomeys, heute Benin, das seinen Reichtum auf dem Verkauf der Gefangenen an europäische Kaufleute aufbaute – auf Sklaverei. Das auf der Leinwand inszenierte Drama beruht auf historischen Begebenheiten, wie den Zuschauenden zu Anfang des Filmes versichert wird, wurde jedoch fiktional modifiziert.

Lieber im Krieg sterben als in einer gewalttätigen Ehe überleben

The Woman King beginnt mit Nawi (Thuso Mbedu), deren Geschichte den Film umrahmt. Früh wird gezeigt, wie sie sich mit Worten und Schlägen gegen einen viel älteren und reichen Mann wehrt, an den ihr Vater sie verkaufen, verheiraten will. Er ist einer von vielen ‚Verehrern‘, den Nawi mit ihrer wenig ‚damenhaften‘ Art verschreckt. Ihr Vater setzt sie als Bestrafung vor den Toren des Palastes Dahomeys aus, stellt dem König somit seine Tochter als potenzielle Agoji zur Verfügung. Krieg sei schlimmer als die Zwangsheirat, schimpft ihr Vater, Nawi würde schon sehen, welche Konsequenzen ihr Verhalten habe. Für seine Tochter geht ein Lebenswunsch in Erfüllung, als sie von den Agoji aufgenommen wird. Ihre Unabhängigkeit wiegt schwerer als jeder potenzielle Tod durch die Gegner des Königreichs. Die Anführerin der Agoji, Nanisca (Viola Davis), und ihre Mitstreiterin Izogie (Lashana Lynch), werden zu Mentorinnen für die unerfahrene Kriegerin und führen sie durch ein hartes Trainingsprogramm. Durch Nawis Entwicklungsweg hin zu einer voll ausgebildeten Agoji werden den Zuschauenden Missstände, Kämpfe und Emanzipation dieser Frauen aufgezeigt.

Links Nanisca (Viola Davis), rechts Nawi (Thuso Mbedu)

Die Regisseurin Prince-Bythewood offenbart in einem Interview mit CBS Mornings, dass dieser Film darstellen soll, was sie als schwarzes Mädchen gebraucht hat: ein verändertes Narrativ schwarzer Frauen und neue Vorbilder. Der Film zeigt, wie afrikanische Frauen im 19. Jahrhundert auch ausgesehen haben, wie Frauen heute aussehen könnten. Durch den fiktionalen Charakter Nanisca wird eine Frau geschaffen, die körperlich sowie mental ihren männlichen Rivalen ebenbürtig ist. Sie steht solidarisch für ihre Kameradinnen ein, die sich durch eine ähnliche Standhaftigkeit auszeichnen, und Kämpfe bestreiten, wie sie selten mit so vielen Frauen gesehen wurden. Aktive Entscheidungen gegen die Liebe, gegen die Hilfe von Männern, junge und alte Figuren, Mutter- und Tochterrollen. Frauenfreundschaften binden die Frauen zu einem Schicksal zusammen, das sich durch Unabhängigkeit und Solidarität untereinander auszeichnet.

Ermächtigung im Feminismus schließt alle ein

Regisseurin Prince-Bythewood im Gespräch mit Viola Davis

Doch es bleibt nicht bei der Ermächtigung der Frauen, Nanisca argumentiert gegen die Unterdrückung der Gefangenen. Dabei nutzt sie ihre Position, um der Art Reichtum entgegenzuwirken, der auf dem Verkauf von Gefangenen an europäische Staaten aufbaut, auf der Unterdrückung von Frauen und Männern durch Sklaverei. Ihr Feminismus ist wahrhaftig und bezieht sich, so lässt sich schlussfolgern, auf die Emanzipation aller, nicht nur auf die der Frauen. Als eine alternative Geldquelle stellt sie König Ghezo die Palmölplantagen vor. Ihr Ziel ist es, Woman King zu werden und als gleichgestellte Geschäfts- und Politikpartnerin gemeinsam mit dem König ihre für die damalige Zeit neuartige Vision Realität werden zu lassen. Die Idee der Agoji ist aus historischen Tatsachen entstanden, der Charakter Naniscas nicht, weswegen der Film bewusst einen fiktionalen Charakter kreiert, der diese Art von Feminismus verkörpert. Naniscas Rolle ist nicht bloß die einer Mächtigen, welche patriarchale Strukturen bestärkt, sie hinterfragt verschiedene Formen der Unterdrückung, auch wenn sie sich ihnen nicht allen aktiv in den Weg stellen kann. Stattdessen arbeitet sie klugerweise auf die Position des Woman King hin, welche ihr die Macht verschaffen soll, das System zu verändern.

Woman King, nicht Queen

Problematisch erscheint, dass die potenziell gleichberechtigte Partnerin des Königs Woman King und nicht Queen genannt wird. Es wird eine Ermächtigung durch die Aneignung des männlichen Begriffs suggeriert. Doch findet diese statt? Wenn der Begriff King als mächtiger anerkannt wird als jener der Queen, dann wird die männliche Bezeichnung als mit mehr Macht assoziiert dargestellt – es geht hier um die gesellschaftliche Wahrnehmung. Auch wenn der Titel den feministischen Inhalt des Filmes nicht widerspiegelt, ist er als eine bewusste Provokation zu verstehen, welche die ‚normale‘ Wahrnehmung verändern kann. Denn falls ein King immer noch als mächtiger wahrgenommen wird als eine Queen, dann entlarvt der Film dies als einen Denkfehler.

Links Nanisca (Viola Davis), rechts King Ghezo (John Boyega)

Muskulöse Frauen ohne Kinder oder Mann, aber zufrieden

Muskulös und massiv sind diese Frauen, aggressiv, vorlaut, politisch versiert. Sie dürfen weder einen Mann haben noch Kinder zeugen, sondern sind als Frauen des Königs Kriegerinnen, die sich ganz ihrem Dienst verschreiben sollen. Gänzlich unabhängig sind diese Frauen des Königs nicht, diese historische Komponente erscheint unerlässlich für das Funktionieren der Geschichte, wird im Film jedoch nicht weiter hinterfragt. Trotzdem erschafft der Film Momente der Entscheidung, in denen die Frauen die männer- sowie kinderlose Lebensart ohne Zögern auswählen. Auch wenn Nawis Vater glaubt, sie mit dem Ausliefern an die Agoji zu bestrafen, hat sie sich scheinbar bewusst gegen jegliche Ehemänner gewehrt, damit ihm nichts anderes übrig bleibt, als sie an den König zu verschenken.

Der Film verschleiert das patriarchale Tauschsystem nicht, versucht jedoch fiktional feministische Momente der Emanzipation zu kreieren. Für die Lebensart der Agoji entscheiden sich die Kriegerinnen und sind damit zufrieden. Sie ziehen dieses unabhängigere Leben dem einer Mutter, Hausfrau, einer Unterdrückten vor. Diese Wahl wird im Film auch den weiblichen Gefangenen gelassen: Sie können gehen und sich in dieser Welt der Unterdrückung alleine durchschlagen oder sich der Agoji, einer Gemeinschaft von Frauen ohne stereotypische Rollenbilder anschließen. Viele der gefangenen Frauen entscheiden sich für die Agoji.

Vorbilder, die inspirieren vs. Dialoge, die langweilen

Die beeindruckenden Kostüme, die sich eben auch dadurch auszeichnen, dass sie nicht ausschließlich westlich geprägt sind, die muskulösen Frauenkörper und die feministische Solidarität zeichnen The Woman King aus, der ansonsten von sehr platten und vorhersagbaren Dialogen geprägt ist. Auch wenn sich die Anzahl der Filme erhöht hat, die mental sowie physisch starke Frauen darstellen, die sich unabhängig von der ‚großen Liebe‘ machen und damit zufrieden sind, ist es dennoch eine Seltenheit. Das Ziel der Regisseurin Prince-Bythewood mit einem neuen Narrativ für Frauen zu inspirieren, ist gelungen.

The Woman King erscheint ab dem 6. Oktober 2022 in den deutschen Kinos.

ist 1999 in Hamburg geboren. In Marburg studiert sie Soziologie. Mit Lesen, Hockey, Schwimmen und Joggen gestaltet sie ihre Freizeit.

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