Graphic Novel: Kult-Kunst oder Comic-Kommerz?

Graphic Novel: Kult-Kunst oder Comic-Kommerz?

„Urban Music, Street Art und Graphic Novels. What the fuck – Ich kenn` nur Graffiti, Rap und Comics“, behauptet Rapper NMZS in seinem Track „Nicht so wie ihr“. Ist Graphic Novel wirklich nur ein hochgestochener Begriff für Comics oder steckt da mehr dahinter? Im Rahmen des Marburger Lesefests 2016 hat sich PHILPP mit dem Comic-Zeichner Reinhard Kleist unterhalten und ihm diese Frage gestellt. PHILIPP hat darüber hinaus aber auch eigene Recherchen angestellt.

Reinhard Kleists „Der Traum von Olympia“ ist eindeutig als Graphic Novel zu bezeichnen. Doch was ist eine Graphic Novel eigentlich genau? Im Falle des eben genannten Werkes handelt es sich um die Geschichte von Samia al Yusuf, einer Leichtathletin aus Mogadischu, die an den Olympischen Spielen in Peking 2008 als Sprinterin ihr Land vertrat. In schwarzweißen Zeichnungen wird ihre Flucht aus Mogadischu, um im fernen Frankreich für die Olympischen Spiele 2012 in London zu trainieren, dargestellt. Mit aus Comics bekannten Sprechblasen, Info-Kästen und Comic Soundeffekten unterscheidet sich „Der Traum von Olympia“ auf den ersten Blick nur durch seine Story von den gewohnten Superheldenheften.

Die Graphic Novel und ihre „Schöpfer:innen“

Als „Vater der Graphic Novel“ wird der Comic-Zeichner Will Eisner bezeichnet. Er nutzt diesen Begriff für den Namen einer Serie von vier Geschichten, die er 1978 in einem Buch unter dem Titel „A Contract with God“ herausbrachte. Eisner schuf, neben dem Buch, zahllose andere Meisterwerke, darunter das wohl bekannteste „The Spirit“. Einer der prestigeträchtigsten Preise der Comic-Industrie ist nach ihm benannt und wird als das Äquivalent des Oscars angesehen.Doch zurück zur Graphic Novel. Seit Eisners Pionierarbeit erfreute sich das Format ab 1980 immer größerer Popularität, erst in den USA und dann auch im Rest der Welt. Auch wenn verschiedene deutsche Verlagshäuser versuchen, den Begriff zu übersetzen, hat sich doch die bekannte Bezeichnung „Graphic Novel“ durchgesetzt.

Autor:innen und Zeichner:innen wie Anke Feuchtenberger oder Martin tom Dieck wagten sich in Deutschland in den 1990ern das erste Mal an das neue Medium heran. Feuchtenberger, die seit 1997 Professorin für Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg ist, setzt sich in ihren Werken zentral mit Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit auseinander. Bei tom Dieck hingegen, ebenfalls Professor für Illustration nur an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, spielt das Wasser eine wichtige Rolle. Soviel zu Geschichte und Künstler:innen. Doch was sind Graphic Novels denn jetzt eigentlich genau?

Der Punkt mit der Geschichte

Wo genau die Graphic Novel aufhört und der Comic anfängt, ist streitbar. Am einfachsten ist wohl, die Graphische Novelle als Subgenre zu bezeichnen, das sich vom Mainstream wie Superman, Captain America und Blue Ear, dem Helden mit dem Höhrgerät, in mehreren Punkten unterscheidet. Übersetzt man Graphic Novel als graphischer Roman, bekommt man eine grobe Vorstellung von dem wichtigsten Unterscheidungsmerkmal. Das vom Comic ungenutzte Potential des Mediums soll in vollen Zügen genutzt werden. Die Künstler:innen wollen durch tiefgründige Geschichten und experimentellen Zeichenstilen mit der Graphic Novel eine Form der Kunst schaffen, die ebenso bedeutsam ist wie etwa Film oder Literatur.

Dieser Kampf um Anerkennung mag an Walt Disney erinnern, dessen bis heute unerfüllter Traum es war, mit einem seiner Cartoon-Meisterwerke einen Oscar für den besten Film zu bekommen. Dieser Wunsch allerdings veranlasst die Künstler:innen dazu, neuartige Herangehensweisen an das Medium zu finden. Anders als bei der Produktion eines Films beispielsweise spielt für den:die Schaffende:n_in die Wirtschaftlichkeit des Projekts nur eine untergeordnete Rolle und ist somit kein zügelndes Element.

Anke Feuchtenberger beschäftigt sich in ihrem Buch „Die Spaziergängerin“ in mehreren Geschichten mit den Menschen in verschiedensten Städten wie Hamburg und Tel Aviv. Sie lässt dabei persönliche Gefühle und Impressionen in ihre typischen Bleistiftzeichnungen einfließen und malt somit ein neues Bild von alten Motiven. Oftmals spielt die Form der Herausgabe eine Rolle bei der Einordnung zur Graphic Novel. Häufig werden diese in einem oder wenigen Bänden publiziert, seltener aber nicht ungewöhnlich sind auch Serien in Zeitungen. Kleists „Traum von Olympia“ beispielsweise erschien als Fortsetzungsgeschichte in der FAZ im Jahr 2014.

Graphic Novel – Nur ein teurer Name?

Die Kritik an der Bezeichnung Graphic Novel liegt dabei wohl eher im wirtschaftlichen Missbrauch der Betitlung. Comic-Urgestein Alan Moore bezeichnete diese in einem Interview im Jahr 2000 als Marketing Trick. Er behauptete, dass ein Mann Namens Bill Spicer in den 80ern ein Comic unter dem Namen „Graphic Story Magazine“ herausbrachte und diesen Namen nur verwenden würde, um sie teurer zu verkaufen. Graphic Novels seien für Moore demnach nur teure Comics.

Auch wenn das an mancher Stelle stimmen mag, so ist doch die Graphic Novel einen weiten Weg in den letzten 20 Jahren gegangen und hat, dank der Arbeit zahlloser Künstler:innen auf der ganzen Welt, seinen ganz eigenen Status bei Kenner:innen aber auch Neulingen des Fachs errungen. Und bereits die nächste Generation von Zeichner:innen sitzt mit Papier und Stift am Schreibtisch und kümmert sich nicht um die Bezeichnung, sondern will einfach nur eine gute Geschichte erzählen. Oder um es mit den Worten von Reinhard Kleist zu sagen: „Ich bezeichne mich immer als Comic-Zeichner, der Graphic Novels macht.“

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Ich bin Gastautor beim PHILLIP und studiere Politikwissenschaften. Ich besuche regelmäßig die Sneak in Marburg und schaue gerne Serien.