Herr K. regt sich auf: Über die Cliquenkultur in Marburgs Bibliotheken

Herr K. regt sich auf: Über die Cliquenkultur in Marburgs Bibliotheken

Pünktlich wie das Murmeltier werden zu der Klausuren- und Hausarbeitenphase in Marburg die ersten alljährlichen Beschwerden über Platz- und vor allem Luftmangel laut. Weniger pünktlich, aber nicht weniger genervt, erkläre ich in meiner Kolumne, warum man sich gerade im Februar um sein Bib-Image kümmern sollte. Oder warum eben nicht.

                                   Von neuen Freunden und alten Feinden

Mensch Kinder, ich kann’s nicht mehr hören. Alle beschweren sich über die vollen Bibliotheken, schlechte Luft und zu wenige Arbeitsplätze. Würde ich für jede Beschwerde einen Euro bekommen, könnte ich morgen entspannt den Regenwald retten. Dabei ist es doch jedes Jahr das Gleiche! Kaum sind die Feiertage vorbei, kehrt der Ernst des Lebens mit dem ersten Schnupfen pünktlich zur Klausurenphase zurück. Und dieser Ernst ist eben ein Arschloch. In der Hochphase werden jedes Jahr im Februar aus der Not heraus kleine Grüppchen gebildet. Plötzlich haben sich alle lieb und der Otto aus der ersten Reihe, den man drei Monate erfolgreich ignoriert hat, wird dein neuer bester Freund. Die gute Ute aus der zweiten Reihe kopiert fleißig ihre Notizen für die ganzen hippen Kids, in deren Terminkalender die Vorlesung bis dato einfach keinen Platz hatte. Ne, ist klar. Jedes Jahr sitze ich belustigt und zugleich etwas angeekelt in einer der Ecke der marburgischen Bibliotheken und beobachte dieses klägliche Schauspiel.

Kaum haben sich die kleinen Rudel um den Streber der Gruppe gebildet, geht die Territoriumsverteidigung los: Das Revier in den Bibliotheken wird auf unterschiedliche Weise markiert. Während im Juraseminar die Applegeräte der neusten Generation demonstrativ auf dem Arbeitsplatz verteilt werden, besetzen die Geisteswissenschaftler:innen ihr Revier mit Drehzeug, Kaffee und im Idealfall mit einer Schrift von Kant. Ist das Revier erstmal markiert, gilt es nun auch, dieses zu verteidigen. Doch was, wenn es der Eindringling trotzdem wagt, sich in die Nähe des gut gehüteten Brutplatzes zu begeben? Stumme Blicke werden gewechselt, es wird gebrummt, es wird geflucht, denn gib Acht, das Fremde kommt!

Die Politik ist Schuld, wer sonst?

Woran erkenne ich das Fremde? Nun ja, es hat viele Gesichter. In einigen Bibliotheken ist es nicht schwer, den Eindringling ausfindig zu machen. Gehst du als Frau ins Archäologische Archiv, wirst du mit Stille und musternden Blicken gestraft. Pack deine Östrogene ein und geh, Weib, hier herrscht das Testosteron! In Jeans und billigen Schuhen ins Juraseminar zu kommen, hat ungefähr den gleichen Effekt, wie mit einem Sensenmannkostüm mit Oma in die Sonntagsmesse zu gehen. Kommt einfach nicht so gut an. Ähnlich, wie gestriegelte junge Herren, die sich in die Kunstgeschichte setzen. Nein, das ist nicht sexistisch,  die Männerdichte in der Kunstgeschichte ist ungefähr so groß, wie die Dichte der Veganer:innen an der Schnitzeltheke.

Ich gebe der politischen Lage die Schuld, dass man solche Sätze hört wie „Der:die ist nicht von hier, das sehe ich doch“. Interessant wird es, wenn gleich mehrere fachfremde Studenten:innen in der eigenen Bibliothek gesichtet werden. Das Gemurmel wird lauter und das stille Mäuschen neben mir läuft langsam rot an. Ihre Halsschlagader pocht und ich sehe, wie sie in ihrer Vorstellung aufsteht, eine Fahne schwenkt und „Sie nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg! Sie sollen wieder dahingehen, wo sie hergekommen sind!“, schreit. Dann führt sie einen wütenden Mob in Richtung Abholregal, erklimmt es und schwenkt stolz ihre Flagge auf der #BIBGIDA steht (diese Abkürzung muss einfach keinen Sinn machen, weil die Partei auf die sie zurück geht auch keinen Sinn macht, aber Flaggen  fanden die braunen einfach schon immer toll). Aber sie bleibt sitzen, starrt weiter auf die Startseite von Bild.de und schluckt schwer. Ich lache in mich hinein, nicke dem freundlich aussehendem Typen im Versicherungsvertreter-Look zu und beschließe, mehr Toleranz zu zeigen. Dann breite ich all mein Hab und Gut auf meinem Platz aus und gehe vor die Tür, um eine zu rauchen und die Neuankömmlinge zu mustern, schließlich müssen sie auch mal lernen, wer hier das Hausrecht hat!

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