Herr K. regt sich auf: Über studentischen Politiktalk

Herr K. regt sich auf: Über studentischen Politiktalk


„Wir sind sehr wütend!“ In Marburg passiert nicht immer nur Gutes. Wut und Frust staut sich oft und gerne auch mal unter „Happily ever after“-Studis an. Herr Ka. ist einer von ihnen. Was genau ihn alles so aufregt, erzählt er dir hier, in seiner Kolumne.

Wenn ein Freitagabend damit beginnt, dass ich alle Viere von mir gestreckt in meine Kopfkissen brülle, liegt das an mehreren Dingen. Zum einen lässt es auf die Bereitschaft meiner Freunde, wenigsten ein kleines lächerliches Bier trinken zu gehen, rückschließen. Zum anderen auf meinen gegenwärtigen Zustand, welcher für ersteres ursächlich ist. Dieser Zustand lässt sich als solcher schlecht beschreiben und ist auch nicht besonders. Ich bin einfach frustriert, wütend und gelangweilt. Mit 18 hat sich mein aufwendig akkumulierter Welthass hauptsächlich gegen die herrschende politische Klasse aller Nationen, gegen Nationen an sich und Großkonzerne gerichtet. Marburg hat es gegen alle Erwartungen und Behauptungen geschafft, mich im Laufe der Zeit zu entradikalisieren. Wobei das Quatsch ist; radikaler habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Nur das Politische ist mir abhanden gekommen. Man könnte vermuten, ich sei einfach über meine eigene Doppelmoralität gestolpert. Hieraus wäre dann der einfachste Ausweg, sich für den ganzen deprimierenden Scheiß nicht mehr zu interessieren und lieber neue Sneaker zu bestellen.

No Borders, No Nations

Aber nein, ich gebe Marburg die Schuld! Die kontinuierliche Konfrontation mit engagierten Kommilitonen, die die Welt verändern wollen, ihre Weltwärts-Erfahrungen aber dann doch lieber als Pick-up-Line benutzen. Per se ist das nicht verwerflich, sondern menschlich, wie sollte man sich denn sonst von den ganzen Pauschalreise-Studis und den anderen faden Gesichtern abgrenzen? Seminare, die sich vermeintlich wissenschaftlich mit der europäischen Flüchtlingsproblematik auseinandersetzen wollen, kommen dann letztendlich zum Schluss: NO BORDERS, NO NATIONS…. Verdammt nochmal, völlig verständlich, man möchte kotzen und heulen, wenn man sich auch nur oberflächlich mit der Thematik auseinandersetzt! „Was nehmen sie mit aus diesem Seminar?“ „FRUST, du Spatz!“ Denn selbst wenn ich hier promovieren würde, liefe es nur darauf hinaus, in ein paar Jahren das gleiche deprimierende Seminar zu halten. Diese immer gleichen Diskussionen, die klingen als würden auf sämtlichen WG-Parties Marburgs Konversationskärtchen verteilt werden. Quote: Und was steht bei dir drauf? Ach, toll, mal wieder die Veganismus Debatte, Globalisierung, Gender! Oder alternativ: Verbindungswesen?

Das Mett quillt aus den Ohren

Ich will mich in diesem Rahmen, beziehungsweise in dieser Stadt damit nicht mehr auseinandersetzten! Wenn ich noch einmal einem Streitgespräch im Türrahmen beiwohnen muss, bei dem irgendwelche Lebensstile – vor allem die in Punkto Nahrung – propagiert werden…. Typ! Essen soll man nicht propagieren, idealerweise sollte man es essen! Gemeinsam! Aber nein, Person A quillt vor Überzeugung schon das Mett aus den Ohren, wohingegen Person B in ganzheitlicher Verzückung nur den Kopf schüttelt. Und es fliegen die gleichen, ausgelutschten, bekackten Argumente hin und her, während ich nur noch den Teegut-Rotwein stürzen kann. Und ich bin überzeugt, jede*r Marburger Student*in, der ab und zu vor die Tür geht und nicht gerade auf den Lahnbergen vor sich hin schimmelt (no offense, bin dort auch anzutreffen), könnte diese Aufzählung beliebig fortsetzen. Anschließend würde er oder sie sich dann fünf Minuten beruhigen und sagen: „Naja, aber man muss beide Seiten verstehen!“, oder „Das ist ein guter Punkt, aber doch auch ein radikal dekonstruktivistischer Ansatz!“ Und das traurige ist: Zu derselben Bande gehöre ich am Ende vom Tag wohl auch. In einem funktionierenden sozialen Umfeld funktioniert 24/7 Anti-Anti nicht. An grauen Tagen sehe ich mich in Gedanken aber trotzdem mit einem „Randalieren ist auch dekonstruktivistisch“ Arschgeweih-Tattoo durch die Straßen Marburgs tingeln.

FOTO: daniel zimmel auf flickr.com, CC-Lizenz.

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