Netter Versuch und schönen Gruß an die Pflege

Netter Versuch und schönen Gruß an die Pflege

Gestern haben CDU, CSU und SPD die Sondierungsgespräche für eine mögliche große Koalition abgeschlossen. Rundum glücklich sind viele mit dem Ergebnispapier nicht, besonders kritische Stimmen kommen aus der SPD. Aber was steht eigentlich in diesem zur Zeit medial allgegenwärtigen Sondierungspapier? PHILIPP hat sich ein viel diskutiertes Thema mal genauer angesehen, warum die in den Sondierungspapieren versprochenen 8.000 Pflegestellen ein Tropfen auf dem heißen Stein sind.

Seien wir ehrlich: die wenigsten von uns haben auf die Ankündigung der Sondierungsgespräche für die GroKo-3.0 mit etwas anderem reagiert als mit Kopfschütteln oder Seufzen. Ein „Oh ne, oder?“ war auch sehr beliebt. Dennoch blieben ein paar wenige Lichtblicke, quasi die hellen Schimmer am Horizont. Einer dieser Lichtschimmer hieß Alexander Jorde. Besser bekannt war er allerdings als „der Krankenpfleger, der in der Wahlarena Merkel zur Rede stellte“. Die Wahl des Präteritums als Tempus ist Absicht, denn der Lichtschimmer ist gestern gestorben. Also nicht Alexander Jorde, sondern die Hoffnung, dass sein Kommentar in der Wahlarena wirklich etwas hätte bewegen können. Diese Hoffnung überhaupt gehabt zu haben mögen einige als naiv darstellen. Ist es vermutlich auch, aber immerhin wurde der Fachkräftemangel in der Pflege nach Jordes Kommentar sehr viel stärker diskutiert als zuvor.

Letztendlich bleibt das meiste schwammig

Nun wurde die finale Version des Sondierungspapiers veröffentlicht, und obwohl der Punkt in die Gespräche und das Papier eingeflossen ist, ist die Realität ernüchternd. Die Parteien wollen das Gehalt und die Arbeitssituation verbessern. Es gebe zunächst ein Sofortprogramm, dann folgten weitere Maßnahmen. So weit, so gut. So weit, so unkonkret. Auch neue Stellen sollen geschaffen werden, beispielsweise sollen 8.000 neue Fachkräfte im Bereich der „medizinischen Behandlungspflege in Pflegeeinrichtungen“ eingestellt werden. Die „medizinische Behandlungspflege“ beschreibt Tätigkeiten wie das Verabreichen von Medikamenten, das Setzen von Spritzen oder Ähnliches. Diese Leistungen können in der häuslichen Pflege oder in Pflegeheimen erbracht werden.

Dennoch: Selbst wenn Erstere in dem verwendeten Begriff „Pflegeeinrichtung“ nicht mit eingeschlossen sind, gibt es keinen Grund anzunehmen, die Pflegekräfte lägen sich bei der Veröffentlichung des Papiers in den Armen und feierten das Ende prekärer Arbeitsbedingungen. Denn nur so zum Vergleich: das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2015 13.596 Pflegeheime und 13.323 ambulante Pflegedienste, Tendenz steigend. Wer seine grauen Zellen etwas aktivieren möchte, bekommt hier mal eine noch realitätsfernere Matheaufgabe als die in den Schulbüchern: Nehmen wir an, die Zahl der Pflegeheime sei seit 2015 gleich geblieben und die ambulanten Pflegedienste hätten genug Personal. Wie viele Pflegekräfte mehr bekommt jedes Heim bei gleichmäßiger Verteilung? Für die Mathemuffel: grob 0,6.

Der Mangel wird immer größer

Die Zeit zitiert in diesem Zusammenhang eine Studie von 2010, nach welcher bis 2025 der Mangel an Pflegekräften auf 193.000 ansteige. Zwar schließt dies auch Krankenpfleger:innen ein, die in den Berechnungen oben ausgelassen wurden, und verlässliche Zahlen sind quasi nicht existent, dennoch zeigen diese Zahlen deutlich, wie lächerlich wenig eine Erhöhung um 8.000 Stellen ist.

Als eines der reichsten Länder der Welt sollte Deutschland in der Lage sein, eine menschenwürdige Pflege im Alter sowie in Fällen von Krankheit zu garantieren. Laut dem Spiegel ist ein:e Pfleger:in in deutschen Krankenhäusern allerdings für durchschnittlich 13 Patienten und Patientinnen zugleich verantwortlich, nachts verdoppelt sich die Anzahl. Die Dramatik dieser Quote wird bei der Vorstellung einer nächtlichen Notsituation deutlich, beispielsweise zwei Patienten, die gleichzeitig Herzprobleme bekommen. Oder, um in die Extreme zu gehen, ein nächtlicher Brand wie 2016 in Bochum. Die Pflegekraft muss dabei ihre:seine durchschnittlich 26 Patienten und Patientinnen evakuieren, die allermeisten davon bettlägerig oder zumindest sehr schlecht zu Fuß, wahrscheinlich noch aus dem dritten Stockwerk und natürlich ohne den Aufzug zu benutzen. Die Zeit läuft.

Die ambulante Pflege ist minütlich getaktet

Die Zeit läuft auch in der ambulanten Pflege, denn hier ist jede Minute durchgetaktet. Laut Zeit Campus hat ein:e Pfleger:in zum Beispiel für das Kämmen und Rasieren eines Patienten vier Minuten. Braucht er:sie länger, ist er:sie im Minus. Viel Zeit für eine Unterhaltung bleibt da nicht.

Genauso läuft die Zeit für eine Umstrukturierung des Pflegesektors. Wer will schon unter solchen Bedingungen arbeiten? Und dann noch für das Gehalt? Uns bleibt nur zu hoffen, dass die schwammigen Aussagen aus dem Sondierungspapier nicht, wie es so oft mit schwammigen Aussagen passiert, irgendwo unter den Tisch fallen oder umformuliert werden, sondern dass der Pflegesektor und die Arbeitsbedingungen in ebendiesem radikal verbessert werden. Und das sofort. Nur dafür müsste man eben etwas Geld in die Hand nehmen.

FOTO: Pixabay

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studiert Linguistik und Politikwissenschaft und ist regelmäßig wieder über ihren Kaffeekonsum erstaunt.