Sehnsucht, Widerstand, Neuanfang

Sehnsucht, Widerstand, Neuanfang

Im aktuellen Theaterstück „Transit“ des Marburger Theaterprojekts Dramarasmus werden Episoden der Flucht, aus dem Exil und von Hinterbliebenen erzählt. Viel mehr geht es aber um die brisante und allgegenwärtige Frage: Wo bin ich Zuhause? Ein Premierenbesuch in den Waggonhallen.

Dramarasmus ist ein kulturelles, europäisches Projekts, das internationale und lokale Studierende zum Theaterspielen begeistern und gleichzeitig ihren kulturellen Austausch fördern will. Wie der Name bereits vermuten lässt, entstand die Idee aus eigenen Erasmus-Erfahrungen der Gründer:innen. Ein Konzept aus Valencia, bei dem lokale und internationale Studierende gemeinsam Theater machen, inspirierte sie, auch in Marburg ein ähnliches Projekt zu beginnen. So gehören seit 2011 Schauspieltraining, Theaterbesuche und vor allem die gemeinsame Arbeit an einem Theaterstück zum Semesterprogramm von Dramarasmus. Unter der Leitung von Romy Semler ist Dramarasmus seit 2014 ein eingetragener Verein und wird vom Erasmus Büro Marburg gefördert.

Zwischen Heimatlosen und Getriebenen

Wie prallen Sehnsucht, Widerstand und Neuanfang aufeinander, wo fangen Verrat und die Rettung der eigenen Ehre an, wenn sich der Mensch aufmacht, um das eigene, sogenannte „Heimatland“ zu verlassen? Diese Fragen werden von ihrem inzwischen 7. Stück „Transit“, das am 25. Januar Premiere in den Marburger Wagonhallen feierte, kontrovers inszeniert. Als Vorlage diente die Prosa des Schriftstellers Max Aub, der zwischen 1940 und 1942 von Frankreich nach Spanien flüchtete und schließlich in Mexiko im Exil lebte. Das Stript für das Stück bekam Dramarasmus von Ehemaligen

In die Dunkelheit der voll belegten Waggonhalle werden laut nationalistische Parolen gerufen, dann wird der vermeintliche „Ausnahmezustand“ ausgerufen. Er beginnt relativ harmlos im Jahr 1940 irgendwo in einer Hafenstadt Frankreichs zu Zeiten der Vichy Regierung. Das Publikum wird mit einem mutmaßlichen Aussteiger konfrontiert, der Fern aller Grenzen und Kriege sein Ding zu machen scheint. Er widersetzt sich Arbeit und Kapital, trinkt aber nur den teuersten Wein. Dass er irgendwo eine Frau hatte, scheint ihm genauso egal, wie das Gute und Böse. Kriege scheint es immer irgendwo zu geben, sagt er abgeklärt. Seine eigentliche Ambivalenz, die zwischen Dekadenz und Askese, Verweigerung, Depression und Großkotz pendelt, ist heute wohl umso zeitgemäßer.

Düstere Szenen und brandaktueller Bezug

Als der versnobte Clochard schließlich weggesperrt wird, werden die Zuschauer:innen mit der Härte einer Flucht konfrontiert. Dass am Ende dieser Szene alle Helfer:innen der ‚Operation Flucht‘ die Quittung für ihre Menschlichkeit kassieren, erscheint brutal, aber realistisch. Das Stück, das zu Beginn mit witzigen, aber klischeehaften Rollen anfing, wird im zweiten Teil deutlich ernster, aber umso talentierter. Das Jahr 1947 ist sowohl im Exil in Mexiko, als auch im franco-faschistischen Spanien scheiße. Die Geflüchteten quälen sich mit Schuldgefühlen, Angst um die Zurückgebliebenen und Unwissenheit und wollen eigentlich nur eines: zurück. Wäre da nicht der Krieg, Unterdrückung und das eigene Dogma. Während ein gescheiterter Idealist müde versucht, seinen Kameraden vor einer Rückkehr nach Frankreich abzubringen, aber selbst voller Selbstzweifel ist, haben die Hinterbliebenen größtenteils resigniert. Sie fühlen sich verlassen, aufgegeben oder wollen einfach nur irgendwie weiterleben. Die Sehnsucht nach Ankommen und Verstandenwerden scheint allgegenwärtig. „Transit“ fragt: Wo dürfen und wollen wir das? Wo ist ein jeder Platz? Gibt es einen Ort des Geborenwerdens und einen zum Sterben oder irren wir wie zufällig irgendwo umher?

Der Mensch bleibt in Bewegung, ob er ankommt bleibt erstmal ungewiss

Die Gruppe der zehn Schaulspieler:innen aus neun verschiedenen Nationen, die teilweise kaum Schauspielerfahrung haben, kann sich vor dem schlichten düsteren Bühnenbild, mit ihren starken Stimmen sehen und hören lassen. Die Tanz- und Gesangselemente, die im Stück zu Brücken von Nähe und Distanz werden, sind teilweise zart, teilweise ein wenig zu langwierig. Die Aktualität des Stückes, in Zeiten von Flüchtlingsströmen, Abschiebungen und der Angst vorm Fremden, verstört, macht aber umso deutlicher, dass Flucht ein allgegenwärtiges, menschliches Geschehen ist, fernab von Nationalität, Herkunft oder Zeitgeschichte.

LUST DRAUF? „Transit“ läuft am 1. Und 2. Februar um 20 Uhr in den Waggonhallen in Marburg, der Eintritt kostet ermäßigt 4,5€ und regulär 6€. Weitere Infos über Dramarasmus findet ihr hier.

 FOTO: http://dramarasmus.blogspot.de/

Ist in möglichst vielen Bachelors und Mastern gleichzeitig eingeschrieben, damit sie immer einen Backup-Plan und ein Semesterticket parat hat. Denkt, sie könne durch die Linse einer Kamera in die Seele eines Menschen schauen und schreibt am Liebsten Kopfkino.