Sneak-Review #19: Erschütternde Wahrheit

Sneak-Review #19: Erschütternde Wahrheit

Und auch diese Woche fragen wir wieder: Haben sich die vier Euro Eintritt gelohnt oder greifen bereits die ersten Cineast:innen nach ihren Jacken? Diesen Dienstag in der Sneak: Erschütternde Wahrheit von Regisseur Peter Landesman.

Was eint die Sport-und Tabakindustrie neben ihrem imperialen Machtgehabe? Richtig, ihre Milliardengeschäfte. Und Anklagen in Millionenhöhe. Nichts fürchten Marlboro, NFL und ihre Funktionäre nämlich mehr als Vorwürfe oder gar Beweise. Das Image fordert, dass man in einem harten Geschäft eben hart bleibt – und skrupellos. Hinter dem Titel „Erschütternde Wahrheit“ (engl. „Concussion“, zu Deutsch „Erschütterung“) steckt eine dezente Zweideutigkeit: Kognitive Langzeitschäden durch den Profi-Sport und latentes Wegschweigen des Konzerns. Es geht um die Erkrankung Chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE), an der ein Profi-Footballer, verursacht durch zahlreiche Gehirnerschütterungen, nach der Karriere leidet. Viele von ihnen zeigen die gleichen Symptome: Aphasie, Depression und emotionaler Ungehorsam, die meist im Suizid enden. Mindfuck here we go. Der Regie-und Drehbuchautor Peter Landesman inszenierte einen aufklärenden Film, der auf einer wahren Begebenheit basiert und einen der wohl größten Vertuschungs-Skandale in der amerikanischen Sportgeschichte beleuchtet.

Unbequeme Wahrheit

Der aus Nigeria stammende Pathologe Dr. Bennet Omalu (Will Smith) findet auf seinem Seziertisch den ehemals führenden American Football-Profi Mike Webster (David Morse) vor. Nun soll die Todesursache der dahingeschiedenen, obdachlosen und völlig verwirrten NFL-Legende aufgeklärt werden. Er untersucht das Gehirn und macht eine schockierende Entdeckung: Eine deformierte Hirnmasse. Zahlreiche Untersuchungen und Vergleichsstudien belegen schließlich, was er unlängst ahnt. Es gibt eine Verknüpfung zwischen dem Schädelaufprall und später auftretenden Folgen neuropsychischer Veränderungen. Mit diesen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu treten, ist aber leichter gesagt als getan. Wie soll man sich durch den Lobbyismus eines der mächtigsten Sportverbände der USA tacklen, ohne dabei schon zum Scheitern verurteilt zu sein? Unterstützt vom ehemaligen Team-Arzt Dr. Bailes (Alec Baldwin) möchte er seine Forschungsarbeit der Presse vorlegen und die NFL in die Knie zwingen. Der sind die die Vorwürfe nämlich längst bekannt, werden aber bislang vehement abgestritten. Das Statement: Solange sich mit den Jungs gut Geld machen lässt, tun wir das auch – that’s business, baby!

Einmal mit Profis arbeiten

Es schüttelt die Kinogänger:innen nicht nur beim Titel und bei den Szenen aufeinanderprallender Schädel (abgesehen von den pathologischen Sezierungsschritten an den Verstorbenen), auch die Zerfallserscheinungen der Opfer, die an CTE erkranken und ihren qualvollen Zustand mit ihren Familien aushalten bis sie daran zugrunde gehen, wecken in einem Mitgefühl. Alle diese Schicksale werden nachvollziehbar und authentisch verkörpert – neben einem wohlbesonnenen und ehrgeizigen Mediziner, der unnachgiebig versucht, die Wahrheit nicht nur in einer medizinischen Fachzeitung zu veröffentlichen, sondern der ganzen Welt zu präsentieren. Obwohl es in den letzten Jahren eher ruhig um den Hauptdarsteller geworden ist, ist auf die schauspielerische Gesamtleistung eines inzwischen gealterten Will Smith auch hier wieder Verlass. Die niedliche Liebesgeschichte zwischen Omalu und seiner späteren Ehefrau ist zwar nur Nebensache des Films, aber durch den ein oder anderen deplatzierten Kitsch-Kuss und verlegenen Satz „Ich möchte dich heiraten, wir werden uns noch verlieben“ auch irgendwie ziemlich süß. Apropos Kitsch: Der ist besonders präsent wenn der Doc mit seinen Toten spricht und über Kopfhörer bei groovigem 70’s Funk & Soul zu einem filigranen Schnitt ansetzt. Der widerwillige wie auch emotionale Charakter wird gelungen dargestellt. Wer „Erin Brokovich“ liebt und Bock auf eine weitere „Milliardenschwere-Konzerne-bereichern-sich-mal-wieder-indem-sie-über-Leichen-gehen“ -Runde hat, dem sei dieser Film besonders ans Herz gelegt.

In die Kinos kommt „Erschütternde Warheit“ am 18. Februar.

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Studiert Germanistik und Kulturwissenschaften, liebt elektronische Musik und irritierende Kunst. Mag Rennradfahren und Podcasts.

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