Sneak-Review #39: Nur wir drei gemeinsam

Sneak-Review #39: Nur wir drei gemeinsam

Und auch diese Woche fragen wir wieder: Haben sich die vier Euro Eintritt gelohnt oder gab es nur eine zähe Gute-Nacht-Geschichte? Diesen Dienstag in der Sneak: »Nur wir drei gemeinsam«, die Tragikkomödie von Kheiron Tabib über die Biographie seiner Eltern.

Biergeruch gepaart mit Schweiß, schmatzende Laute und das Rascheln einer Popcorntüte. Ein leises Flüstern schwirrt durch die Reihen. Mein Sitznachbar atmet schwer in sich hinein. »Nicht schon wieder ’nen französischen Film« raunt es irgendwo durch die Kinoreihen und die ersten verlassen schon vor Beginn des Films das Kino. Auch in mir macht sich Enttäuschung breit, da mich französische Filme auch noch nie überzeugt haben. Ich überlege, wie ich die nächsten zwei Stunden überleben soll, ohne vor Langeweile einzuschlafen. Es kommt anders. Nur wir drei gemeinsam, der mehr als ein Film von Kheiron auch einer mit und über ihn ist, überzeugt. Auch oder gerade aufgrund seiner politischen Aktualität: Kheiron erzählt die Flüchtlingsgeschichte seiner Eltern und ihre schwere Reise aus dem Iran nach Frankreich.

Alles beschissen

Der in den 70er-Jahren inhaftierte Jurastudent Habit (Kheiron Tabib) wird durch die Verweigerung den Geburtstagskuchen des Schahs Mohammad Reza Pahlavi zu essen, zum Helden der Revolution im Iran. Um das aufgehetzte Volk zu beruhigen, werden er und seine Freunde nach sieben Jahren purer Folter entlassen. Der neue Machthaber Ajatollah Chomeini steigt auf, welcher sich jedoch als ein weiterer Diktator herausstellt. Der letzte Funke Hoffnung auf eine Demokratie, den Habit durch seinen Widerstand im Volk erzeugt, erlischt und die politische Geschichte wiederholt sich erneut. Habit und seine Ehefrau Fereshteh (Leïla Bekhti), die sich immer noch im Untergrund beim kurdischen Widerstand politisch engagieren, sind daraufhin genötigt nach der Geburt ihres Sohnes die Flucht über die Türkei ins ferne Frankreich auf sich zu nehmen. Dort landen sie im sozialen Brennpunkt, den Pariser Banlieues.

Neben der heiklen Flucht und dem Versteckspiel vor der Regierung, begegnen Habit und Fereshteh den Schwierigkeiten in Frankreich mit Leichtigkeit und einer puren Lebensfreude. Durch Szenen, wie dem ersten Kennenlernen mit den Eltern, vor dem wohl jede:r ordentlich Schiss hat, oder Szenen, die die Beziehung zwischen Mann und Frau, den Umgang zwischen den Kulturen und Religionen und das Problem mit den Sprachbarrieren beschreiben, vergisst man glatt, dass es sich hierbei um die Geschichte einer Flucht aus einem diktatorischen Regime handelt. Sätze wie »Tod dem Schah!« auf den Demonstrationen wirken auf dem ersten Moment zwar makaber, werden in der nächsten Sequenz von dem Demonstrationsgeschrei »Tod dem Schah, von wegen nur Kassetten, Kleidung für das Volk!« mit einem Witz in den Hintergrund gestellt.

Drahtseilakt zwischen Komik und Tragik

Kheiron gelingt in Nur wir drei ein Wechselspiel zwischen tragischen und ernsten Momenten, indem er die Schlagfertigkeit und der Leichtigkeit einer kleinen Familie heraushebt, und nicht ihr Elend. Es werden Witze über die Hierarchie innerhalb der Familie gemacht, genauso wie auf die Unterdrückung im Iran angespielt. Es geht um Toleranz und den Freiheitsgedanken einer Familie, sowie darum, was Heimat eigentlich für einen selbst bedeutet.

Kinostart ist am 30.06.2016.

FOTO: Gaumont