Theater Review #29: Der Fiskus

Theater Review #29: Der Fiskus

Die graue, strenge Welt der Zahlen und Finanzen, die Unübersichtlichkeit in Zeiten der Aufdeckungen von milliardenschwerem Steuerbetrug und Cum-Ex-Geschäften. Wie lassen sich diese Themen in einem sehenswerten Stück verarbeiten? Die selbsternannte Wirtschaftsdramatikerin Felicia Zeller nimmt sich in „der Fiskus“ dieser Aufgabe an und bietet eine intime Einsicht in den Mikrokosmos des Finanzamtes. Bei der Premiere des Stückes am 20.11. konnten wir versuchen, eine eigene Antwort auf diese Frage zu finden. In der Vorbesprechung vor Aufführung jedoch bereits die Vorwarnung: Achtung, hohe Konzentration gefordert!

„Ich habe mein Leben der Steuergerechtigkeit verschrieben“

Einzelschicksale und Undurchschaubarkeit in der abgeschotteten Welt des „Fiskus“ werden auf humoristische Art aufwändig miteinander verwoben. In einem Baucontainer (niemand weiß mehr, seit wann ihre Abteilung sich auf dieser Baustelle befindet) geht das Verwaltungsteam der Finanzbeamten um die ehrgeizige aufstrebende Sachgebietsleiterin Nele Neuer seiner täglichen Arbeit nach. Der langjährigen Mitarbeiterin Bea Mtinnen fällt es schwer, zu akzeptieren, dass statt ihr Nele Neuer befördert wurde. Sie fühlt sich aufgrund ihrer langen Erfahrung und ihrer Expertise im Steuerrecht übergangen. Elfi Nanzen, das Gegenstück zu Bea – jung und naiv genug, um Steuerfälle, die sie nicht versteht, einfach durchzuwinken – und ihr Ehegatte, Hobbymusiker und Leiter des Gospelchors des Finanzamtes Reiner Lös verbindet die Verruchtheit und Sexiness der Steuervergünstigungen für Ehepaare. Außerdem ist da Angie Außen. Die eifrige Betriebsprüferin im Außendienst, die stets eine frische Perspektive von außen in die Welt des Finanzamtes zu bringen scheint.

Als Bea Mtinnen im Verlauf ihrer täglichen Arbeit auf die Steuerrückerstattungsforderung des Ein-Mann-US-Pensionsfonds KK LAW FIRM RETIREMENT PLAN TRUST ME stößt und damit einen milliardenschweren Steuerbetrug aufdeckt, will Nele Neuer diesen Fund für ihren eigenen Karriereaufstieg nutzen. Dabei verdrängt sie ihre Kollegin in eine Geisterabteilung und beschwört damit den Zerfall des geordneten Ganges der Dinge herauf. Die Ehe von Elfi Nanzen und Reiner Lös bröckelt zunehmend. Nele Neuer überlebt nur knapp den Anschlag eines frustrierten Steuerbürgers und stellt beinahe zu spät fest, dass ihr Date sie im Luxusrestaurant des Hotels Nassauer für Steuerhinterziehungen bestechen will. Und letztlich scheint auch die letzte Bastion der Steuergerechtigkeit zu fallen…

Inszenierung

Die Handlung scheint verwirrend? Das Bühnenbild und die Sprache unterstützen die scheinbare Undurchdringlichkeit der Steuerwelt nur noch mehr. Wir blicken stets auf den zweigeteilten Baucontainer, der mit seinen (Akten-)Kartons ein Gefühl von Befremdlichkeit und Sterilität der Bürokratie als Rahmen des Geschehens erweckt. Lediglich das Grün einer Büropflanze als einzige Requisite neben den Kartons, die Bea Mtinnen stets mit peinlicher Gewissenhaftigkeit in ihrer Obhut behält durchbricht dieses Bild.

Sterilität und Absurdität, die zwei Grundpfeiler des „Fiskus,“ lassen sich auch in den Kostümen wiederfinden. Ganz in weiß und doch exzentrisch. Seien es die vielen Sakko-Arme der Bea Mtinnen, die übergroße Anzugshose von Nele Neuer oder der überdimensionierte Kragen von Angie Außen, der ihr eine gewisse Schildkrötenhaftigkeit verleiht. Tierische Elemente sind ohnehin Teil der Choreographie. Zum Beispiel in der ameisengleichen Umlagerung der Kartons über den Verlauf des ganzen Stückes hinweg durch die Beamten zum schleichenden, doch unaufhaltsamen Bau dieses bedrohlichen und dennoch gleichzeitig fragilen Gefängnisses von Bea Mtinnen.

Ein zentrales Element der Aufführung ist jedoch die Sprache der Figuren. Scheinbar endlose verworrene Sätze, die sich nicht selten im Nichts verlieren. Eine eindeutige Repräsentation der Verschlungenheit und Unübersichtlichkeit der Finanzbehörden, die es Millionen-Konzernen und ihren Anwälten nur allzu leicht machen, ihre Steueraffären zu vertuschen. Die anfängliche Warnung bewahrheitet sich. Wer nicht wachbleibt, droht darin unterzugehen.

Doch es gibt kurze Verschnaufpausen vom unaufhörlichen Gang des Finanzamt-Apparates – in Form von Gospeleinlagen. In den Neuadaptionen von Songs wie I Will Follow Him und Let the River Flow kann das Publikum kurze Erlösungen finden, bevor es wieder in das wirre Geschehen des „Fiskus“ geworfen wird.

Was bleibt?

Gelingt es Felicia Zeller also, dem Zuschauer einen Eindruck in die Finanzwelt zu gewähren? Was bleibt, ist genau das: Ein vager Eindruck, verpackt in einer Komödie. Den Gesprächsfetzen der anderen Besucher zufolge, die wir überhören, sind wir nicht die Einzigen, die mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf das HLTM verlassen. Lassen sich klare Antworten finden? Nein. Trotzdem schwingt unterhalb der verwirrenden und doch komischen Handlung des „Fiskus“ eine klare Kritik an den Steueraffären der Superreichen mit, sowie den bürokratischen Strukturen, die deren Vergehen ermöglichen. Wer sich auf den labyrinthischen Charakter des Stückes einlassen kann, wird belohnt mit einem Erlebnis, das einen noch lange nachdenken lässt.

Nächste Termine:

07.12. – 19.30 Uhr
29.12. – 19.30 Uhr

Weitere Infos hier.

Regie: Matthias Huber
Bühne & Kostüme: Cleo Niemeyer
Musik: Christian Keul
Choreographie: Jana Rath
Dramaturgie: Petra Thöring
Theaterpädagogik: Michael Pietsch

Besetzung: Solveig Krebs, Zenzi Huber, Sophia Vogel, Ben Knob, Mechthild Grabner

Foto: Jan Bosch

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