Sneak-Review #190: Annette

Sneak-Review #190: Annette

In „Annette“ unternimmt der französische Regisseur Leos Carax einen Ausflug ins Genre des Musicalfilms. Zum ersten Mal in der Geschichte der Marburger Sneak-Previews ließ das Cineplex deshalb die Original-mit-Untertitel-Version des Films laufen. Ob es sich lohnt, mehr als zwei Stunden dramatischen Gesangseinlagen Gehör entgegenzubringen, erfahrt ihr hier.

Worum geht’s?

Das perfekte Vorzeigepärchen aus der Welt Hollywoods, bestehend aus dem Comedian Henry McHenry (Adam Driver) und der Sopransängerin Ann Desfranoux (Marion Cotillard), führt zu Beginn des Films eine Beziehung, die die Titelblätter aller Klatschmagazine ziert. Doch aus dem harmonischen Miteinander entsteht im Verlauf des Films eine Ehe, die aufgrund der unterschiedlichen Entwicklung der Karrierepfade scheitert. Während sich Anns Karriere auch nach der Geburt ihrer Tochter Annette (zunächst von einer Marionette, später von Devyn McDowell dargestellt) erfolgreich weiterentwickelt, leidet Henry darunter, dass er sich um die Neugeborene kümmern muss.

Auf dem dramatischen Höhepunkt des Films versuchen Henry und Ann, ihre fast schon gescheiterte Ehe auf einer luxuriösen Yacht zu retten. Allerdings stößt der von Alkoholproblemen geplagte Henry im Tanz seine Liebste „versehentlich“ in die stürmische See. Die verstorbene Ann plagt ihn von nun an als Geist als auch in Form der schönen Stimme Annettes, was Henry allerdings nicht davon abhält, aus jener Stimme mithilfe von Anns früherem Liedbegleiter (Simon Helberg) neuen Erfolg zu schöpfen.

Warum sollte man sich das antun?

Das Genre des Musicalfilms nimmt im Bereich der Filmgattungen eine Sonderstellung ein. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Es ist zum einen schwieriger, Dialoge in musikalischer Form als in prosaischer wiederzugeben. Die Auswahl an dem, was durch Worte ausgedrückt werden kann, reduziert sich mit der Wahl streng getakteter Gesangseinlagen. Zum anderen kann die musikalische Form des Dialogs zwar die Stimmung und Atmosphäre bestimmter Szenen ästhetisch untermauern, beherbergt gleichzeitig jedoch immer die Gefahr der Überdramatisierung. Gelingt es Leos Carax dennoch, das Gleichgewicht zwischen den Gefahren des Musicalfilms zu halten?

Die Antwort lautet ja! Hinsichtlich der ästhetischen Beurteilungsaspekte gelingt dem Film, was nicht jedes Musical von sich behaupten kann. Zweifelsohne bietet er musikalische Eindrücke, die es schaffen, die Schönheit der verschiedenen Stimmen (die Sopranstimme Anns ist die der Opernsängerin Catherine Trottmann) hervorzuheben. Sogar Adam Drivers Raucherlunge kann man einiges abgewinnen, da die daraus resultierende Stimmlage seine dunklen Charakterzüge, die den Verlauf der Handlung bestimmen, perfekt widerspiegelt. Aufgrund dessen empfehle ich den Besuch von einer der kommenden Vorstellungen. Die Gründe dafür liegen unter anderem darin, dass mit den Sparks ein legendäres Duo am Soundtrack beteiligt ist; darüber hinaus leiden die schauspielerischen Leistungen der hochkarätigen Besetzung nicht unter den etwas unüblichen Formen des Schauspiels, die ein Musicalfilm abverlangt. Gerade die Erfahrungen mit fremden Filmgattungen beherbergen immer die Möglichkeit, die Ursachen unseres Filmgeschmacks zu erforschen und zu hinterfragen.

Mehr als ein glamouröses Drama?

Doch wie steht es um die inhaltlichen Aspekte des Films? Bereits einige Filme, Musicals und Theaterstücke haben versucht, aus der von Glanz und Glamour geprägten Welt der Stars Inspiration für eine tragische Geschichte zu schöpfen. Die Leitmotive können dabei seit Shakespeare unverändert in Liebe, Eifersucht und Ruhm gefunden werden. Auch Annette folgt diesem Schema, kann dabei aber vor allem als Parodie jener Eifersuchtsdramen, die in diversen Klatschzeitschriften thematisiert werden, interpretiert werden. Die groteske Überdramatisierung einiger Szenen verdeutlicht, wie übertrieben der Wirbel um unsere heiß geliebten Stars sein kann. Gesellschaftsrelevante Themen, wie zum Beispiel die sexuellen Belästigungsvorwürfe, der sich einige Hollywoodgrößen derzeit stellen müssen, oder die ausufernden Waldbrände am Rande der kalifornischen Metropole, erwähnt der Film nur nebenbei und nutzt sie lediglich als Signale, die Ann als Gefahr für ihr eigenes Schicksal deutet.

Der neue Film von Leos Carax zeigt uns dementsprechend zweierlei Dinge: Einerseits präsentiert er uns ein Familiendrama mit übernatürlichen Erscheinungsformen, die den charakterlichen und moralischen Verfall des Protagonisten Henry in den Mittelpunkt stellen. Des Weiteren vermittelt er auf einer Metaebene, wie absurd es eigentlich sein kann, ein so hohes Interesse für das Leben prominenter Personen aufzuzeigen. Der Film ist ein Appell an alle selbsternannten „Promi-Experten“, denen es sicherlich guttun würde, diesen Film einmal – oder auch mehrmals – zu sehen. Ob es jene Gruppe von Menschen aber tatsächlich in Carax‘ Neuerscheinung zieht, bleibt fraglich. Denn die mehr als zweistündige Tragödie ist aufgrund der andauernden Gesangseinlagen nichts für schwache Nerven. Annette schafft es uns vor Augen zu führen, dass unser Interesse am Leben von Berühmtheiten bizarr und gefährlich sein kann und verdeutlicht die Absurdität des Ganzen mit einer geeigneten musikalischen Inszenierung.

Annette von Leos Carax erscheint voraussichtlich am 16. Dezember in den deutschen Kinos.

Foto: © UGC Distribution