Sneak-Review #214: Der perfekte Chef

Sneak-Review #214: Der perfekte Chef

Der spanische Film exportiert mit Fernando León de Aranoas neuestem Streifen eine kritische Darstellung von Arbeitsverhältnissen im zeitgenössischen Europa. In der Komödie „Der perfekte Chef“ („El buen patrón“ im Original) steht der Firmenchef Julio Blanco (Javier Bardem) vor einer Reihe von Herausforderungen, die das Ansehen seines Unternehmens ins Wanken bringen. Ob er dabei erfolgreich ist und was uns der Film über Autorität und Hierarchien im Arbeitsalltag verdeutlichen kann, erfahrt ihr hier.

Chef-Sein in 2022

Julio Blanco ist der charismatische Besitzer eines Unternehmens für Industriewaagen in der spanischen Provinz. Nervös und hoffnungsvoll wartet er auf den Besuch einer Kommission, von der er sich einen lokal hoch angesehenen Preis für besondere Leistungen seiner Firma erwartet. Dass dafür die Abläufe im Unternehmen einwandfrei funktionieren müssen und seine Angestellten an einem Strang ziehen sollten, ist klar. Jedoch gerät das Ansehen der Firma durch mehrere Faktoren in Gefahr: Da ist zum Beispiel der gefeuerte José (Óscar de la Fuente), der seit seinem Rausschmiss mit voller Inbrunst vor der Firma gegen Blanco protestiert, andererseits sein Angestellter Miralles (Manolo Solo), dessen Eheprobleme sich äußerst negativ auf die Produktionsabläufe in der Firma auswirken. Blanco, der selbst als ein Chef auftritt, der seinen Angestellten zuhört und sie bei ihren Problemen unterstützt, damit keine negativen Konsequenzen für die Firma auftreten, gerät dabei an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit. Das Gleichgewicht in der Firma gerät zusätzlich noch mehr aus den Wogen, als er eine Affäre mit der Praktikantin Liliana (Almudena Amor) beginnt. Es stellt sich sogar heraus, dass Liliana die Tochter eines Freundes aus Blancos Studienzeit ist, die im weiteren Verlauf der Handlung die Affäre als Druckmittel auf Blanco benutzt.

In einem Wettlauf gegen die Zeit versucht der Firmenchef nun, die Geschehnisse in der Firma wieder in die richtige Bahn zu lenken. Die Maßnahmen, die er dafür ergreift, sind jedoch von fragwürdiger Natur. Einerseits verärgert er manche seiner Angestellten mit seinen Versuchen, sich in deren Privatleben einzumischen. Andererseits wird er von anderen wiederum in einem Ausmaß in jene Privatleben hineingezogen, das Blanco selbst nicht mehr geheuer ist. Auch die Folgen der Affäre mit Liliana stellt ihn vor große Schwierigkeiten. Bei all diesem Chaos bleibt es fraglich, ob Blancos Firma die Kommission überzeugen kann.

Leichte Abendunterhaltung oder kritisches Porträt?

„Man muss gelegentlich die Waage austricksen, um für das Gleichgewicht zu sorgen.“ – anhand dieser Faustregel orientiert sich Blanco, wenn er versucht, die firmeninternen Probleme zu lösen. Sein Verständnis des Chef-Seins gleicht dabei dem eines klassischen Patriarchen, der sowohl eine gebende als auch eine nehmende Hand besitzt. Der Protagonist des Films ist fest davon überzeugt, dass seine Herangehensweise alternativlos ist. Wenn er mal mehr als die übliche Schichtarbeit von seinen Angestellten fordert, legitimiert er dies mit seiner Stellung als Existenzgarant. Ohne ihn und seine Firma würden seine Arbeiter*innen schließlich kein Dach über dem Kopf haben oder ihre Kinder nicht ernähren können. Als zum Beispiel der Fabrikwächter Román (Fernando Albizu) beginnt, sich mit dem protestierenden José zu verständigen, droht Blanco ihm sofort mit der Kündigung. Seine Forderung nach bedingungsloser Loyalität scheint damit genauso aus der Zeit gefallen zu sein wie die festgesetzte gesellschaftliche Hierarchie, die in seinem Kopf noch existiert. Die ungleiche Machtverteilung zwischen ihm und seinen Angestellten empfindet der Firmenerbe als Resultat unterschiedlicher Leistungsbereitschaft. Wenn jene Angestellten dann doch wegen empfundenen Ungerechtigkeiten aufbegehren, erinnert er sie an die angeblich bestehende Familiarität in der Firma. Entsprechend ablehnend erklärt er in einer Szene seine Einstellung zu Gehaltserhöhungen: Diese würden nur dazu führen, dass sich einzelne Angestellte ungerecht behandelt fühlen, wenn sie keine bekommen.

„Der perfekte Chef“ wird den Anforderungen an eine Komödie dadurch gerecht, dass die Verbindung zwischen humorvollen Elementen und dadurch transportierter Gesellschaftskritik grundsätzlich aufgeht. Javier Bardem schafft es, dem Protagonisten Blanco eine charismatische Erscheinung zu verleihen, ohne dass man sich als Zuschauer*in tatsächlich wünschen würde, einer seiner Angestellten sein zu wollen. Dafür erfährt man im Film einfach zu viel über Blancos zwielichtigen Charakter und sein fragwürdiges Weltbild. Dies ist gleichzeitig auch einer der Grundsteine für die Kritik, die man am Film üben kann: Der Handlungsverlauf stellt sich teilweise als derart offensichtlich dar, dass der Film zur leichten Abendunterhaltung verkommt. Nur wenige Handlungsstränge, wie beispielsweise die Konsequenzen der Affäre mit der Praktikantin Liliana, tragen zu unvorhergesehenen Handlungswechseln bei. Nun könnte man anmerken, dass man mit solcher Kritik die Anforderungen an eine Komödie zu hoch ansetzt. Allerdings versucht der Film wirklich, auf direkteste Art und Weise, das zentrale Thema der Ungerechtigkeit zwanghaft in den Mittelpunkt zu rücken, indem die ausgeglichene Waage mit der Göttin Justitia immer wieder ins Zentrum gerückt wird – das wirkt beim Verfolgen der grundsätzlichen Handlung des Films etwas zu plump und offensichtlich.

Arbeitgeber versus Arbeitnehmer

Nichtsdestotrotz braucht es Filme, die auf die Tragweite von Macht in Unternehmensführungen aufmerksam machen. Blancos Firmenphilosophie, in der er seine Angestellten als Familienmitglieder betrachtet, verschleiert die fehlende demokratische Mitbestimmung an Entscheidungen, die schließlich alle Angestellten der Firma betreffen. Wer jedoch glaubt, dass seine konservative Führungsart lediglich mit seinem Dasein als alter, weißer Mann zusammenhängt, macht es sich zu einfach. Der Film scheint auch eine passende Zustandsbeschreibung vieler junger, „hipper“ Start-ups zu sein, in denen man mit den Chefs zwar per du ist, gleichzeitig aber durch Appelle an Leidenschaft und Hingabe zum Unternehmen zu endlosen Überstunden gezwungen werden kann. Was hier hilft, ist nicht eine familiäre Atmosphäre, in der die Grenze zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*innen scheinbar aufgelöst wird, sondern gerade die Forderung nach demokratischer Mitbestimmung in der Firma, die nur durch eine organisierte Arbeiterschaft erreicht werden kann. Genau darauf aufmerksam zu machen, ist eine der Stärken von „Der perfekte Chef“. Regisseur León de Aranoa begeht dabei jedoch den Fehler, das Leitmotiv zu offensichtlich metaphorisch darzustellen. Überzeugender wäre es gewesen, die Waage der Justitia und die damit verbundene Frage nach Gerechtigkeit etwas dezenter zu bearbeiten.

„Der perfekte Chef“ von Fernando León de Aranoa erscheint voraussichtlich am 28. Juli in den deutschen Kinos.

Foto: © Tripictures

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