Theater Review #33- Songs of Peace and Hope

Theater Review #33- Songs of Peace and Hope

Der Start in den Abend war geradezu euphorisch. Ein Saisonauftakt ohne Corona, keine Maskenpflicht und die freien Stühle nicht mehr den Abstandsregeln, sondern dem beinahe ausgebuchten Saal geschuldet. Lebendigkeit, Optimismus und ein Stückchen Normalität, verpackt in Musik der letzten Jahrzehnte, bot das hessische Landestheater. Oberbürgermeister Spies ließ es sich nicht nehmen, zu Beginn die Wichtigkeit von Kunst im Allgemeinen und des Theaters im Speziellen zu betonen – gerade in Zeiten von Krieg und Corona.

Vom Ausnahmezustand zur Normalität

Nach dem Vorgeplänkel wird das Publikum ein paar Monate zurückkatapultiert. Silvester 21/22. Ein Mann sitzt mit seinem Laptop am Rand der Bühne und schreibt online Tagebuch. Was er tippt, wird in Echtzeit an die Wand projiziert. „Ego“, gespielt von Christian Simon befindet sich noch mitten in der Pandemie und ist lethargisch und hoffnungslos. Ihm zur Seite stehen sein „Alter Ego“, der Tänzer Anton Rudakov, sowie ein „digital Puck“ verkörpert von Adele Emil Behrenbeck, der die Ruhe Egos stört.

Der Abend nimmt uns nochmal mit durch das Jahr 2022, am Anfang noch die Frage: wie sicher ist es Silvester zu feiern? Nur fünf Personen? – Corona ist immer präsent. Dann kommt der Frühling und es wird wärmer. Die Lage scheint sich zu entspannen. Oder doch nicht? Unruhen im Osten. Nein, da wird nichts sein, es wird schon gut werden. Dann knallt es aber doch: Der 24. Februar 2022. Krieg in Europa: Russland greift die Ukraine an. Menschen sterben. Aufregung, Angst, Unsicherheit. Und doch vergeht die Zeit wie gewohnt. 2 Wochen Krieg, dann 5, plötzlich 3 Monate und was vorher undenkbar war wird plötzlich Normalität.

Was dürfen wir hoffen?

Und jetzt? Was kommt als nächstes? Was wird morgen im Tagebuch stehen? Was in 2 Wochen? Songs of Peace and Hope spinnt optimistische Zukunftsszenarien. Die Schauspieler:innen überbieten sich an Wunschvorstellungen und steigern sich in absurde Utopien. Sind wir naiv? Fragen sie sich. Die Antwort lautet: Ja, Na und? Getreu dem Motto: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch!“ wird getanzt und geträllert, was das Zeug hält.

Die Stimmung wird zwischendurch mit Popsongs der drei talentierten Sängerinnen aufgegriffen oder komplett umgeworfen. Von Beyoncé über Tocotronic und Marteria bis hin zu Pachelbels Canon in D-minor ist alles dabei. Begleitet werden die Sängerinnen von einem Piano, einem Cello, einer Geige und einem Schlagzeug.

Das Leben geht irgendwie weiter

Es ist ein bisschen so als würde man das letzte Jahr nochmal durchleben: Corona, Quarantäne, die Hoffnung auf Normalität, dann plötzlich Krieg, Ungläubigkeit, Unsicherheit, die Frage, ob man Waffen liefern sollte, Mehl wird teurer, Benzin wird teurer, werden alle im Winter heizen können? Immer durchbrochen von der Trivialität des Alltags. Uralte Popsongs, Serienmarathons in der Quarantäne, das Leben geht irgendwie weiter. Irgendwo lauert immer wieder die Normalität, die egal wie wild die Welt drumherum ist, ihre kleinen und großen Nischen findet.

Empfehlung

Für den politisch abgeklärten Realisten mag das Stück vielleicht gerade gegen Ende allzu optimistisch und naiv anmuten. Hier geht es nicht um Fakten, sondern um die Stimmung! Und Stimmung schafft das Ensemble nicht zu wenig. Das Publikum drückte seine Begeisterung in einem nicht enden wollenden Applaus aus, von dem einem schonmal die Hände schmerzen können.

Songs of Peace and Hope wird bewusst nicht als Theaterstück, sondern als Liederabend betitelt. Wenn man ihn als solchen begegnet und Unterhaltung ohne allzu viel Tiefgang schätzen kann, kann man durchaus mit einem Lächeln und einer Portion Optimismus aus dem Erwin-Piscator-Haus gehen. Die wird nämlich in Krisen als auch in der Normalität immer benötigt.

Ort:

Erwin-Piscator-Haus

Nächste  Termine

  • Do, 22.09.2022, 19.30
  • Sa, 24.09.2022, 19.30
  • Mi, 19.10.2022, 19.30

Regie: Carola Unser-Leichtweiß
Musikalische Leitung: Christian Keul
Bühne & Kostüme: Stefani Klie
Lichtdesign: Delia Naß, Klaus Nass
Choreografie: Anton Rudakov
Choreografische Beratung: Sophia Guttenhöfer
Gesangscoaching: Anna Prokop
Dramaturgische Beratung: Christin Ihle, Ia Tanskanen, Petra Thöring, Thessa Wähmann
Theaterpädagogik: Maria Scarcello
Regieassistenz: Thessa Wähmann
Inspizienz: Xenia Strauss, Thessa Wähmann
Mit: Adele Emil Behrenbeck, Anton Rudakov, Christian Simon
Gesang : Franziska Knetsch, Olena Marchenko, Rose Letso Steinhoff
Die Band: Sven Demandt, Anka Hirsch, Christian Keul, Ina Werse-Wiskott

Foto: Jan Bosch

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