Mit 21,84 % der Wähler:innenstimmen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten

Mit 21,84 % der Wähler:innenstimmen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten

Donald Trump konnte in der letzten Woche den Wahlkampf für sich entscheiden. Und das, obwohl er 219.387 Stimmen weniger sammelte als Clinton. Dieses Ergebnis kommt durch das amerikanische Wahlsystem zustande.

Anders als beispielsweise in Deutschland stimmen die Wähler:innen in den USA innerhalb ihres Staates für eine gewisse Anzahl von Wahlmännern ab. Diese wiederum sollen ihres Zeichens je nach Ausgang im Sinne der Mehrheit im Electoral College stimmen. Das nennt man „The Winner takes it all“-Prinzip. Der:die Gewinner:in der Wahl eines Staates bekommt alle Wahlmänner, unabhängig davon, wie knapp das Ergebnis war. Für die aktuelle Wahl bedeutet dies, dass Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird, obwohl er landesweit weder die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen noch nach dem „popular vote“, also rein nach Wähler:innenstimmen, die meisten Stimmen der Amerikaner:innen erringen konnte.

Mit den Mitteln der Statistik

Dies ist keineswegs ein neues Phänomen in den USA. Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, bei der George W. Bush gegen Al Gore antrat, konnte Bush unter genau den gleichen Bedingungen wie Trump Präsident werden. Auch damals gab es Proteste – jedoch nicht in diesem Ausmaß und in dieser Gewaltbereitschaft. Sicherlich, der Wahlkampf, den wir in diesem Jahr sehen konnten, ist wohl kaum vergleichbar mit dem im Jahr 2000.

Die im Folgenden angewandte Methodik entspricht der der Lorenzkurve. Normalerweise werden mit dieser Methodik zum Beispiel Einkommes- und Vermögensungleichheiten in einer Gesellschaft untersucht. Den folgenden Berechnungen liegen die Annahmen zugrunde, dass in jedem Bundesstaat relativ etwa gleich viele Menschen wahlberechtigt sind und die Wahlbeteiligung über die Bundesstaaten hinaus etwa identisch ist. Relativ meint in dem Fall die Einwohner:innen des Staates im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der USA. Der ermittelte Wert stellt somit einen theoretischen Wert dar. 

Nicht jede Stimme hat das gleiche Gewicht

Da es offensichtlich nicht nötig ist, die meisten Stimmen auf sich zu vereinen, um Präsident:in zu werden, stellt sich die Frage, wie viele Stimmen im Extremfall überhaupt nötig sind. Dazu muss man die gesamte Bevölkerung der USA nach Staaten betrachten. Wie viele Einwohner:innen hat also ein Staat im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der USA. Demgegenüber sind die Wahlmänner zu betrachten, die ein jeweiliger Staat stellen kann. Diese beiden Zahlen muss man nun in Relation zur Gesamtbevölkerung und der gesamten Anzahl an Wahlmännern setzen. So erhält man den relativen Bevölkerungsanteil eines Staates und das relative Stimmgewicht im Electoral College.

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Nehmen wir beispielsweise die Staaten Wyoming und Kalifornien: Insgesamt haben die USA eine geschätzte Gesamtbevölkerung von 311.591.917. Dem gegenüber stehen 538 Wahlmänner. Wyoming hat 568.158 Einwohner:innen. Damit stellen sie relativ ca. 0,18% der Einwohner:innen. Sie können drei Wahlmänner stellen. Daraus ergibt sich ein relatives Stimmgewicht bei der Präsidentenwahl von 0,56%. Kalifornien hingegen hat 37.691.912 Einwohner und 55 Wahlmänner. Relativ haben sie also ca. 12,1% der Bevölkerung und ca. 10,22% der Wahlmänner.

Wie man sieht, gibt es hier Unterschiede in den relativen Ausprägungen der beiden Staaten. Wenn jede Stimme landesweit den gleichen Wert haben sollte, müssten die beiden Ergebnisse der jeweiligen Staaten identisch sein. Die Stimmen der Wähler:innen in den einzelnen Staaten sind also durch dieses System unterschiedlich gewichtet. Um ein Maß zu schaffen, mit dem sich die Gewichtung der Stimmen landesweit ermitteln lässt, muss man deswegen den relativen Anteil der Wählerstimmen durch den relativen Anteil der Bevölkerung teilen. So ergibt sich für Wyoming ein Wert von 3,06 und für Kalifornien ein Wert von 0,85. Eine Stimme in Wyoming wiegt demnach 3,6-fach so schwer als in Kalifornien.

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Ausnutzen von hohen Stimmengewichten

Führt man die obigen Berechnungen für alle Staaten durch und ermittelt ihr landesweites Stimmengewicht, kann man sie danach abwärts sortieren. Anschließend schaut man sich an, wie viele Staaten nötig sind, um eine Mehrheit im Electoral College zu erreichen. Dabei kommt man auf 40 Staaten, die 50,37% des Stimmgewichts und 43,68% der Bevölkerung auf sich vereinen. Demnach sind also nur 43,68% der Stimmen nötig, um einen Präsidenten stellen zu können. Dass jedoch gilt auch nur unter der Bedingung, dass jede:r in jedem dieser 40 Staaten für den:die gleiche:n Kanditat:in gestimmt hat. Dem ist, empirisch bewiesen, meist nicht so. Unterstellt man deshalb, dass in jedem Fall 50% der Stimmen eines Staates notwendig sind, um die Wahlmänner des Staates zu gewinnen, ergibt sich ein anderes Bild: Ein Wert von 21,84%.

Natürlich gibt es das perfekte Wahlsystem nicht. Auch wenn der hier aufgeschlüsselte Fall unwahrscheinlich ist, so ist es nun schon mehr als einmal vorgekommen, dass nicht der:die Kandidat:in mit den meisten Stimmen Präsident:in geworden ist. Gerade deshalb sollte ein Diskurs darüber geführt werden, ob dieses System – trotz allen historisch und kulturellen Prägungen – für die USA, als älteste existierende Demokratie, weiterhin in dieser Form tragbar ist. Ein prominenter Kritiker dieses Wahlsystems wird bald ins Weiße Haus einziehen. Es bleibt abzuwarten, ob sich wirklich etwas ändern wird.

FOTO: CC DonkeyHotey, unverändert

 

Thilo Haverkamp

Schreibt gerade an seiner Bachelorarbeit und hat so gar keine Lust Marburg zu verlassen.

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