Sneak Review #59: Arrival

Sneak Review #59: Arrival

Diese Woche war die Sneak keine Überraschung für mich. Der Film auch nicht. Wieso es mir dennoch so schwer fällt „Arrival“ , den Mystery-Sci-Fi-Drama-Hybriden von Sicario-Regisseur Denis Villeneuve, in einem Text zu besprechen:

Hier würde vermutlich eine jüngere Version von mir den Moment beschreiben, wenn sich der Vorhang öffnet und endlich das Geheimnis gelüftet wird, welchen Film wir denn nun serviert bekommen. Doch das haben wir hinter uns. Seit Montag wusste ich, in der Sneak würde „Arrival“ laufen. Ich sollte Recht behalten. Dieser Film ist kein normaler Film, über den man einen guten Text schreiben kann. Ich werde vermutlich Recht behalten.

Was würdest du tun…

…wenn morgen im Fernsehen über die Landung von 12 außerirdischen Raumschiffen berichtet wird? Diese Frage muss sich die passionierte Sprachwissenschaftlerin Dr. Louise Banks (Amy Adams) zu Beginn des Filmes stellen. Die Existenz der gesamten Menschheit steht quasi auf dem Spiel. Doch wer jetzt einen Sci-Fi-Epos à la Independence Day erwartet, wird enttäuscht. Der Fokus des Films liegt auf den menschlichen Entscheidungen, Gefühlen und Reaktionen die bei Bewohnern unseres Planeten nunmal auftreten, sobald sie Kontakt mit Fremden haben.

Ganz speziell konzentriert er sich aber auf Louise Banks, die in direkten Kontakt mit den Besuchern treten soll. In ihrer Funktion als Sprachwissenschaftlerin wird sie von Colonel Weber (Forest Whitaker) mit einer simplen Übersetzungsarbeit beauftragt. Unterstützung erhält sie bei der späteren Mission von Astrophysiker Ian Donnelly (Jeremy Renner), mit dem sie herausfinden soll, was genau der Grund für das Erscheinen der Fremden ist. Villeneuve schafft es mit seiner Geschichte, die auf einer Kurzgeschichte basiert, komplexe Vorgänge auf der ganzen Welt sehr verständlich darzustellen. Dies gelingt ihm durch eine sehr ruhige Erzählweise. Der Zuschauer geht auf Tuchfühlung mit Banks, taucht in ihr Leben und Leiden ein, erlebt ihren inneren Konflikt mit und beginnt zu verstehen, sobald sie versteht. Besser kann man einen Charakter nicht zeichnen.

Das Spiel mit der Zeit

„Arrival“ ist wie ein Fluss, der 116 Minuten über die Leinwand strömt. So hat der Film seine langsam fließenden Momente, wie das erste Ankommen am Raumschiff, welches in einer einzigen Kamerafahrt imposant eingefangen wurde. Oder Momente der Stille, die durch abrupte Schnitte unterbrochen werden. Wie ein plötzlich aufkommender Strom, der einen kurz aus der Bahn wirft. Die gemächliche Erzählweise und die symbolisch aufgeladenen Bilder, eingefangen von Bradford Young, sorgen für die eine oder andere Kubrick-Anspielung. Das Ganze wirkt wie eine komprimiertere Version von „2001: Space Odyssey“, mit zielführenderer Handlung und mehr Spannung. Ein erstaunlicher Effekt der dabei hervorgerufen wird: Man weiß was in den nächsten 20 Sekunden passieren wird, doch statt in 20 schnellen Schnitten, vergeht die Zeit unerträglich langsam. Und wer jetzt glaubt das sei langweilig, der überzeuge sich am besten selbst vom Gegenteil.

Villeneuve spielt mit den Sehgewohnheiten des gewöhnlichen Kinobesuchers und stellt sie bewusst in Frage. Geradezu spielerisch geht er mit der Erwartungshaltung in einzelnen Szenen um. Er hat eine ganz eigene Art auf Dinge zu schauen, sehr nah an dem einzelnen Schicksal, den Rest der Welt aber stehts im peripheren Sichtfeld. Keine Entscheidung führt ins Nichts, die einzelnen Frames der ersten Hälfte des Films setzten sich in der zweiten Hälfte zu einem gigantischen Deckengemälde zusammen. So das man nur noch in seinem Kinosessel sitzt und sich leise „wow“ denkt. Das schöne hierbei: Der Twist ist kein Knall, so wie es Christopher Nolan am Ende von „Memento“ oder David Fincher in „Fight Club“ zelebrieren. Es ist vielmehr ein Funke, der schnell das Feuer der Erkenntnis entfacht, es aber bis zur letzten Sekunde brennen lässt.

Redet miteinander

Der Trailer lässt nicht ansatzweise erahnen, was der Film einem bieten wird. „Arrival“ ist mit Abstand der schlauste Film, den ich seit Jahren gesehen habe. Er ist so philosophisch und gleichzeitig so spannend. Kein Popcorn-Kino, aber auch kein langweiliger Cineasten-Streifen. Man könnte fast meinen, Christopher Nolan und Stanley Kubrick hätten einen Film zusammen gemacht, nur eben 2 Stunden kürzer.

Eine Lektion, die man aus „Arrival“ vielleicht ziehen könnte: Redet mehr miteinander. Und wenn ihr nur über diesen Film redet, weil ihr euch nicht ganz einig seid, was genau das jetzt war, in der Mitte, was aus einem guten Film, einen unglaublichen Film gemacht hat. Oder ihr euch all die Fragen stellt, für die im Alltag sonst kein Raum ist. Dieser Film gibt euch jede Menge Raum.

„Arrival“ erscheint am 24. November in den deutschen Kinos.

FOTO: Sony Pictures

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Chefredakteur aus Gründen.
Kann ganz gut mit Worten, halb gut mit Menschen.
Studiert nebenberuflich Medienwissenschaften.