Für die Komödie gezahlt, aber für das Drama geblieben

Für die Komödie gezahlt, aber für das Drama geblieben

Es ist 7:30 Uhr. Ich sitze in meinem Zimmer. Auf meinem Bett liegt Donald Trumps abgetrenntes Haupt, verziert mit einem Hitlerbärtchen. Wie konnte es nur so weit kommen?

Komödien ohne Happy-End verkaufen sich angeblich nicht gut in den USA. Die Leute wollen immer das Happy-End, bevor der Vorhang fällt. Seit letzter Nacht kann ich das nicht mehr glauben. Dabei hatte es so schön angefangen.

Für die Komödie gezahlt

Die Location, ein Theater. Wie pathetisch. Die Stimmung positiv. Ein leises »Wieso tun wir uns das an?« liegt in der Luft. Zur Belustigung unserer Leser:innen hatte ich ein Bullshit-Bingo angefertigt. Darauf: Dinge, die während der Nacht eintreten sollten, könnten. Dabei immer im Hinterkopf: Der Scherz, das Lustige, das Absurde. Wie das junge (Medien)menschen, die sich mit Politik beschäftigen, eben ab und an machen. Menschen wie Jan Böhmermann und Olli Welke bringen uns bei, wie er funktioniert, der Scherz. Der am besten auch noch viral geht. Auch unser Ziel war es, wenngleich vorrangig in Marburg, möglichst viele Leute zu erreichen und zu unterhalten. Auch im Theater sorgten anfangs verschiedene Spiele für eine gelöste Stimmung. Da wurde zum Beispiel ein Chor aus Trumpzitaten angestimmt. Auf eine Stimme, die »such a nasty woman« sagte, folgten zwei, die »wrong« riefen. Und so weiter. Es passte und unterhielt. Man war ja im Theater und auch im Fernsehen lief eine perfekt inszenierte Komödie. Stelle sich mal eine:r vor, Wahlen in Deutschland liefen so ab. Donald Trump konnte man nicht ernst nehmen, man musste sich ja geradezu über ihn lustig machen. Ein Millionär, der vor wenigen Jahren noch bei einem Wrestlingmatch die Fäuste schwingen ließ, möchte das wichtigste Amt der Welt ausüben. Denkste dir nicht aus.

Für das Drama geblieben

Es fällt schwer den Punkt auszumachen, ab dem die Stimmung kippte. Die ersten Ergebnisse nahm man zur Kenntnis, nicht weiter schlimm. Doch als sich nach und nach das Gefühl einstellte, es könne eine lange Nacht werden, verließen die Ersten den Ort des Geschehens. Auf meinem Zettel fehlte nur noch ein Kästchen für das Bingo: »Trump gewinnt«. Um die Stimmung zu heben, schlugen wir vor, Böhmermanns Live-Übertragung auf die große Leinwand zu projizieren. Der Veranstalter lehnte ab. Stattdessen also stundenlange, langweilige Stimmauszählungen und eine voranschreitende Uhr. Die Folge: ein immer kleiner werdendes Plenum. Die, die das Theater verließen, sahen den ersten Schnee. Die, die blieben, lernten um das wahrscheinlich Fatalste, das Demokrat:innen sich selbst antun können: einen Witz wie Donald Trump nicht ernst zu nehmen. Und trotzdem: Im Theater wird eine Trump-Pinata unter Beifall enthauptet. Doch während man die Eingeweide vernascht, bleibt der hohle Kopf an einem Strick hängen. Wenige Stunden später werde ich einen Hitler-Bart unter dessen Nase gemalt haben.

Den Heimweg trete ich nur an, weil wir von den Veranstalter:innen rausgeworfen werden. Wir waren die Letzten. Mit den Worten »Tja, es läuft halt nicht immer alles glatt beim Theater« werden wir in den kalten Morgen entlassen. Der Schnee ist, anders als erwartet, liegen geblieben. Über der Stadt liegt eine dicke Nebelbank, es ist kälter geworden. Als ich alleine durch den Nebel wate, wird mir klar, dass ich nicht schlafen werde, bevor ich nicht diesen Text geschrieben habe. Zuhause angekommen schalte ich den Computer an. Alle sozialen Netzwerke werden von lustigen Kommentaren und Weinereien überschwemmt. Meine Kraft reicht gerade noch, um die bewegenden Worte von Van Jones zu retweeten:

Doch statt ein brennendes Manifest über unsere verkorkste Generation und ihren Unterhaltungszwang zu verfassen, schaue ich auf mein Bett. Thees Uhlmanns Worte »für die Komödie gezahlt, aber für das Drama geblieben« schießen mir in den Kopf. Wann hatte ich denn Hitler-Donald Trump mitgenommen? Das war doch nur ein Scherz gewesen, ironisch, lustig gemeint. Nun ja, jetzt ist er jedenfalls hier und ich frage mich: Wie konnte es nur so weit kommen?

FOTO: darude, cc

Chefredakteur aus Gründen.
Kann ganz gut mit Worten, halb gut mit Menschen.
Studiert nebenberuflich Medienwissenschaften.

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