Theater Review #19: Kindereien

Theater Review #19: Kindereien

In „Kindereien“ von Raymond Cousse geht es um sexuellen Missbrauch, den Tod und Gewalt. Die Inszenierung von Stefan Rogge  in der Blackbox des Hessischen Landestheaters mit Karlheinz Schmitt  in der Hauptrolle bietet vor allem eines: Gelächter.

„Dann streichle ich die Penisse der großen Jungs halt nur noch mit dem Mund“, sagt der kleine Junge (Karlheinz Schmitt) trotzig. Er ist die Hauptfigur der Inszenierung. Die großen Jungs sind nur Nebenfiguren. Genau wie Marcel und dessen freizügige Schwester. Auch ein Lehrer, ein Pfarrer, eine Metzgerin, ein Metzger und sein Geselle haben ihre Auftritte in der Geschichte. Karlheinz Schmitt bleibt der einzige Schauspieler auf der Bühne. „Kindereien“ ist eine One-Man-Show.

Im Duett

One-Man-Show. Das klingt nach einschläfernden Monologen, Selbstgesprächen und schlecht gespielter Zerrissenheit einer Figur, die, in schwarz gekleidet, über die Bühne hüpft. „Kindereien“ überrascht in dieser Hinsicht. Statt den Zuschauer zu berieseln, wird er schon vor Beginn des Stückes in dieses mit einbezogen. Jeder Besucher wird bereits im Foyer fröhlich mit französischem Akzent durch den Hauptdarsteller in Lobby-Boy-Optik begrüßt. Beim Erklimmen des Einlasses fallen dann die letzten Berührungsängste, jeder berührt Vorder- und Nebenmann und begibt sich ins Theater. Ob das Stück schon begonnen hat oder nicht, weiß man nie so genau.

Immer wieder wird auf das Publikum Bezug genommen. Mal werden einzelne Zuschauer direkt angesprochen, dann wird aus dem Publikumsraum plötzlich ein Klassenraum. Hauptdarsteller und die Besucher vollführen eine Art Duett, was für viele spontane und improvisierte Momente sorgt. Gerade als ein längerer Monolog, kombiniert mit schwacher Beleuchtung zu ersten Müdigkeitserscheinungen beim Publikum führt, springt das Licht an, der Schüler wird zum Lehrer, das Publikum zur Klasse und vom Lehrer ermahnt, sich zu erheben. Der Austausch zwischen Bühne und Tribüne klappt stellenweise sogar so gut, dass Schmitt manchmal selbst mit einem Schmunzeln aus der Rolle fällt. Er schafft es aber stets, die sich über den Verlauf des Stücks mehrenden Zwischenrufe mit seinem Improvisationstalent zu kontern. Stellenweise wirkt die Inszenierung wie ein sehr düsterer Stand-Up Auftritt eines Komikers mit jeder Menge Figuren.

Das Figurenkabinett

Das Fehlen von anderen Schauspieler:innen wird durch das rhetorische Mittel der Wiederholung überspielt. Körperlose Figuren wie der Metzger oder Marcel werden so oft vom kindlichen Erzähler genannt, dass sie eine eigene physische Präsenz bekommen. Die gesprochen Texte sind sehr bildlich, wenig abstrakt, gehalten. Das Stück schafft es so, auch Leute abzuholen, die sonst nicht die größten Theater-Fans sind. Eine Schülergruppe wohnte der Premiere bei. Sie lachten viel und wurden auch in das Stück einbezogen. Nach dem Stück hörte ich eine der Schülerinnen sagen: „Krass, wusste nicht, dass Theater auch so geil sein kann“.

Alles in allem ist die lockere Haltung der Inszenierung ihre größte Stärke. Die einen oder anderen Aussetzer in Sachen Textunsicherheit fielen kaum auf und machten den Abend noch ein wenig amüsanter. „Kindereien“ behandelt sehr schwere und ernste Themen mit einem sehr leichten und humorvollen Ansatz, ein Umgang, der außerhalb der Bühne vermutlich nicht möglich wäre. Wer schon immer mal über den unfreiwilligen Tod eines Kindes lachen wollte, hat jetzt die Gelegenheit dazu.

Besetzung: Karlheinz Schmitt

Regie: Stefan Rogge  Dramaturgie: Franz Burkhard

Nächste Termine: 18.02.2018, 04.03.2018 jeweils um 19:30 Uhr.

Foto: Jan Bosch

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Chefredakteur aus Gründen.
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Studiert nebenberuflich Medienwissenschaften.

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