Sneak- Review #67 Hacksaw Ridge

Sneak- Review #67 Hacksaw Ridge

Er ist zurück. Nach über 10 Jahren Abstinenz (vom Regiestuhl) serviert uns Mel Gibson mit „Hacksaw Ridge“ ein schonungsloses Kriegsdrama auf die Leinwand und euch eine Review auf die Bildschirme.

Auf den ersten Blick wirkt Hacksaw Ridge wie ein gewöhnlicher Kriegsfilm: Explosionen, Schusswechsel, durch die Luft fliegende Extremitäten und das alles getarnt im Nebel des Krieges. So weit so Klischee. Doch dann springen wir plötzlich nach Virginia, 18 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, zurück in eine idylische Kindheit. Wir erleben die Jugend des Desmond Doss (später Andrew Garfield), der sich, wie alle seine Freunde später bei der Armee einschreiben wird um Nazi-Deutschland zu besiegen. Doch, etwas stimmt nicht. Zum einen war die Kindheit des Jungen keines Falls idyllisch, zum anderen Kämpft Desmond nicht mit Schusswaffen. Seine Waffe: Die Bibel.

Glauben, Lieben, Besoffen

Es wäre vermessen diese drei Begriffe als Eckpfeiler Mel Gibsons Karriere zu bezeichnen, doch als zentrale Motive seiner Regiearbeiten dienen sie allemal. Und so haben wir auch in „Hacksaw Ridge“ einen jungen Mann, der mit Hilfe seines Glaubens seine große Liebe findet und nur durch reines Gottvertrauen seine Ziele erreicht. Alkoholismus fließt in die Geschichte durch Desmonds Vater (Hugo Weaving), der als Veteran seinen Alltag mit Schnapps und Gewaltandrohungen gegenüber seiner Familie füllt. Er spielt eine entscheidende Rolle bei Desmonds Motivation niemals eine Waffe in die Hand zu nehmen. Doch ist das nicht das Kernthema des Films: Desmond Doss war der erste Soldat, der die Medal of Honor erhalten hat, ohne auch nur einen einzigen Menschen zu töten. Er war Pazifist, er war Christ. Da direkt zu Beginn auf die „wahre Geschichte“ verwießen wird und es im Trailer mehrmals genannt wird, betrachte ich das mal nicht als Spoiler.

Was ist dieser Film?

Der Film hat ein großes Problem: Er weiß nicht, was genau er sein soll. So beginnen wir in den Wirren des Krieges, durchstreifen die Felder Virginias, gehen dann über in eine Art Army-Komödie, welche fließend in eine Art juristisches Drama übergeht, nur um schließlich wieder tief in die blutigen Abgründe des Krieges abzutachen. Und das waren die ersten 45 Minuten. Von dort an passiert auch nicht mehr viel. Man kann mir sehr leicht wiedersprechen, immerhin sehen wir Kriegsazenen von enormer Brutalität und Schonungslosigkeit. Doch leider sind diese doch so mutigen Bilder inzwischen keine Schauwerte mehr. Auch die Darstellung des Feindes als gesichtslose, kaltblütige Mörder wirkt aus einer anderen Zeit. Leute, die in den letzten 20 Jahren keine Kriegsfilme gesehen haben werden vielleicht noch geschockt von der Skrupellosigkeit des Schlachtfeldes. Andere haben diese Skrupellosigkeit in viel zu vielen anderen Filmen gesehen.

Heldenfiguren schreibt das Drehbuch

Aber es geht ja nicht um Gewalt, es geht um das Verweigern der Gewalt. Falsch. Es geht um Gewalt und um die Legitimation von Gewalt. Im Kopf bleiben die Bilder der fallenden Soldaten. Nachdem der waffenlose Desmond für seine Truppe gebetet hat, marschieren diese wie Mähdrescher über die wie Streichölzer einknickenden japanischen Soldaten. Stetig von links nach rechts, die Waffe bildfüllend, im close-up, gleichgestellt mit einer Figur. Einer Heldenfigur.

Das größte Problem des Films bleibt aber: Er holt mich nicht ab. Ich kann die ganzen internationalen Kritiken verstehen, „schonungslos, schaut nicht weg vor den Abgründen des Krieges, macht Mut, stärkt den Glauben“ und so weiter. Das alles stimmt, aber es springt einen förmlich an, auf der Leinwand. Als ob Mel Gibson einem sagen wolle: „Da schau, Gedärme, herumfliegende Arme, das zeigen andere nicht!“ Und diese ständige Glorifizierung des Glaubens, kein anderer macht das in einem Hollywood Film. Doch die Realität sieht anderes aus. Realistische Kriegsdramen gibt es, in Mengen. Auch christliche Filme schmwemmten den Filmmarkt die letzten Jahre sinnflutartig.  Ich habe keinen Spaß an beidem.

International beklagen viele, Gibson sei zu lange dem Regiestuhl fern geblieben, da er ein so herausragender Erzähler wäre. In dieser Klage steckt eine Wahrheit: Er war zu lange weg. Filme haben sich verändert. Eine Dramaturgie wie aus den Neunzigern wünschen sich vielleicht einige zurück, ich hingegen konnte nie etwas mit Filmen wie „Braveheart“ anfangen. So „realistisch“ Gibsons Filme auch sein wollen, kein Soldat im zweiten Weltkrieg findet die Zeit für aufgeblasene Reden oder intime Gespräche mit Gott. Am Ende überwiegt dann eben doch der Pathos beim Pazifisten.

Hacksaw Ridge startet ab dem 26. Januar in den deutschen Kinos.

FOTO: Universum Film

+ posts

Chefredakteur aus Gründen.
Kann ganz gut mit Worten, halb gut mit Menschen.
Studiert nebenberuflich Medienwissenschaften.