Sneak-Review #47: Nerve

Sneak-Review #47: Nerve

Und auch diese Woche fragen wir wieder: Ist der Film mehr wert, als die vier Euro, die man sowieso schon ausgegeben hat?  Diesen Dienstag in der Sneak: „Nerve“, das Teenager-Techno-Thriller Abenteuer – kein scheiß, lest es nach – von Henry Joost und Ariel Schulman.

Ich mag Kinofilme. Ich schaue gerne Kinofilme und schaue sie mir gerne im Kino an. Daher liebe ich die Sneak und den Moment, wenn sich der Vorhang öffnet und einem ein Film präsentiert wird, noch bevor er im Kino zu sehen sein wird. Doch wenn sich der Vorhang öffnet und mir dann eine Aufnahme eines Computerbildschirms gezeigt wird, auf dem sich jemand bei Spotify Musik anmacht und seine Mails checkt, dann – es tut mir Leid – hat dieser Film einen beschissenen Start bei mir. Auch die ersten Sekunden des Films schaffen es nicht, den ersten Eindruck zu verändern. Eine E-Mail erscheint. Unsere Protagonistin wurde an einer renomierten Kunsthochschule angenommen, nur ein Klick auf einen obszön großen Button genügt zum Einschreiben. Sie klickt nicht darauf, weil sie sich nicht traut. Ganz schön feige, denkt sich der:die allgemeine Zuschauer:in, sie sollte sich wohl mehr trauen. Sie öffnet das Profilbild ihres Crushs, doch der Mauszeiger verharrt auf dem nicht gedrückten Like-Button. Sie traut sich nicht. Ich frage mich bei Minute zwei, was die Moral des Films sein wird. 94 Minuten später werde ich an diesen Gedanken erinnert.

Wie Wahrheit oder Pfilcht – nur ohne die Wahrheit

So in etwa wird das namensgebende Spiel Nerve vorgestellt, welches das Leben unserer Protagonistin Vee (Emma Roberts) nachhaltig verändern wird. Vee ist ein typisches Mauerblümchen, welches immer im Schatten ihrer besten Freundin Sydney (Emily Meade) stand. Wer jetzt also erwartet, Vee würde später ihre Brille abnehmen, ihren Zopf öffnen und ihre lockigen Haare über ihre Schultern fallen lassen, während sie ein elegantes Abendkleid trägt, der wird nicht enttäuscht. Doch bevor aus dem schüchternen Mädchen die tapfere Frau wird, muss eine Heldenreise her, eine Konfrontation mit ihrer größten Angst, die uns bereits allen bekannt ist. Und so kommt es, wie es kommen muss, Vee beginnt in das Spiel Nerve einzutauchen, bei dem annonyme Watcher Geld zahlen, um Playern immer peinlichere, gefählichere Aufgaben zu stellen. Das ganze natürlich immer mit dem Smartphone gefilmt: Wer mehr Watcher hat, steigt auf und kann am Ende das Spiel gewinnen. Wer verliert oder aufgibt, verliert alles. Eine Sekunde nachgedacht und einem wird klar: Wenn man nicht gewinnt, sind die ganzen erledigten Aufgaben rückblickend nichts mehr wert. Aber Nachdenken soll man anscheinend sowohl bei dem Spiel als auch bei dem Film nicht wirklich. Aber zurück zur Handlung: Durch das Spiel trifft Vee auf den draufgängerischen Ian (Dave Franco), der bereits in den Top-Ten mitspielt. Gemeinsam werden sie zu dem Star-Pärchen des Spiels. Wie viel Ernst in dem Spiel steckt, zeigt sich dann im zweiten Teil des Films, den ich hier nicht komplett spoilern will.

Handwerklich gibt sich der Film Mühe, aus der Masse herauszustechen und möglichst modern zu wirken. Die Farben sind bunt, grell und erinnern manchmal ein wenig an Filme wie „Tron“. Der Soundtrack ist doch etwas ungewöhnlich für einen angeblichen Thriller, eher poppig, nicht wirklich spannend. Generell fällt mir an den filmischen Methoden nichts auf, das man nicht schon irgendwo anders gesehen hat. Die andauernden Inserts der Nutzernamen, Aufrufzahlen etc. gehen auf Dauer ganz schön auf die NERVEn (tut mir Leid).  Wer aber grelle, quietschbunte Filme mag, wird hier seinen Spaß haben.

Was ist das jetzt für 1 Film?

Kommen wir zum größten Problem von Nerve. Über die gesamten 96 Minuten Laufzeit war mir nicht ganz klar, welchem Genre man diesen Film zuordnen kann. Es war kein Drama, dafür war das Ende zu versöhnlich. Es kann auch keine Komödie gewesen sein, zumindest erinnere ich mich nicht an mehr als zwei, drei Witze. Am nächsten würde das Ganze wohl einem Thriller kommen. Relativ früh kam mir der Film „The Game aus dem Jahr 1998 von David Fincher in den Sinn. Ähnliches Prinzip, ein Mann beginnt ein Spiel, das ihm alles zu nehmen droht. Doch mit diesem packenden Thriller im Kopf fällt es mir schwer, Nerve auch nur annähernd derselben Kategorie zuzuordnen. Zu oft kann man den weiteren Handlungsverlauf erahnen und behält dabei recht, zu konstruiert wirkt das Finale des Films. Generell fehlt es dem Streifen an etwas entscheidendem: Logik. Die Erzählung enthält zu viele Dinge, die nicht annähernd realistisch sind und einem jede Spannung nehmen. Erst durch das Verfassen dieses Textes kam ich auf die offizielle Bezeichnung des Genres und muss sagen „Teenager-Techno-Thriller Abenteuer trifft es dann doch ziemlich genau. Die Genre Bezeichnung „Teenager war mir bis dato völlig fremd, erklärt aber, wieso ein angeblicher Thriller mit fetzigen Beats und einer klischeehaften Liebesgeschichte unterlaufen wird. 

War er wirklich so schlecht?

Ein Film kann nicht komplett schlecht gewesen sein, wenn andere aus ihm herausgehen mit Kommentaren wie „der war so geil oder „also ich fand den mega. Wie man bisher erkannt haben sollte, fand ich den Film eher nicht so geil. Eine Stärke des Films ist durchaus die Botschaft, die am Ende verbreitet und auch während des Films sehr deutlich gemacht wird: Die dauerpräsenten Smartphones und Lichter gehen einem schon relativ früh auf den Keks. Auch die Protagonist:innen scheinen irgendwann genug von dem dauerhaften Online-Zwang unserer Generation zu haben. Und so gipfelt diese doch recht offensichtliche und wenig subtile Gesellschaftskritik in dem Satz: „Wollt ihr, dass ich jemanden töte für ein Spiel? Was von der gröhlenden, vermummten Menschenmenge mit ihren Smartphones mit einem lauten „Ja beantwortet wird.

Vielleicht kann ein solcher Film bei Teenagern zu einem Denkanstoß führen, vielleicht gehen sie aus diesem Film heraus und überlegen zweimal, ob sie das gerade Gesehene gleich snappen müssen. Aber vielleicht schauen sie sich diesen Film an, haben Spaß, stimmen überein, wie heiß Dave Franco und Emma Roberts doch in Unterwäsche sind, gehen nach Hause und schauen sich weiter die krassesten Pranks und Streiche auf YouTube an. Wer also Bock auf ein buntes Teenager-Abenteuer hat, der sollte sich den Film geben. Muss aber jede:r selbst wissen.

„Nerve startet ab dem 8. September in den deutschen Kinos.

FOTO: Lionsgate

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Chefredakteur aus Gründen.
Kann ganz gut mit Worten, halb gut mit Menschen.
Studiert nebenberuflich Medienwissenschaften.