Ich will nicht auf das was mir passiert ist reduziert werden Warum #metoo nichts bringt. Ein Kommentar.

Ich will nicht auf das was mir passiert ist reduziert werden Warum #metoo nichts bringt. Ein Kommentar.

Ich wurde mit 15 Jahren das erste Mal Opfer eines sexuellen Übergriffes. Doch im Gegenteil zu vielen anderen Frauen, werde ich meine Geschichte hier nicht öffentlich machen. Schon alleine die Gefahr, andere die ähnliches erlebt haben zu triggern, will ich nicht eingehen. Außerdem bin ich nicht dazu da, die Sensationslust anderer zu stillen.

Mir war lange nicht bewusst, dass sein Handeln einen sexuellen Übergriff darstellt. Viel mehr hatte ich das Gefühl, dass es meiner eigenen Verantwortung unterlag, was mir damals angetan wurde. Ich dachte mir, dass ich sogar die Situation selbst initiiert habe. Um mich selbst nicht als schwach zu begreifen, redete ich mir ein, dass das, was er sich nahm, auch das war, was ich wollte. Schließlich bin ich eine starke unabhängige Frau und kein Objekt der reinen Lustbefriedigung. Vielleicht war die Weise, wie er mich behandelte, auch die Art von Aufmerksamkeit, die ich verdiente? Ich war zu beschämt, mir einzugestehen, dass mir eigentlich Liebe, Fürsorge und Zärtlichkeit (ein Wort, welches bei mir noch immer auf Abneigung stößt) zusteht. Und so hatte ich es schnell verdrängt. Dass meine Reaktion, das eigentliche Gegenteil von dem war, was ich sein wollte – selbstbewusst, mutig und stark – wird mir erst langsam bewusst. Ich will zudem stehen, was mir passiert ist und aufklären. Trotzdem werde ich nicht #metoo posten.

Als Kind war mir klar, wann immer mich jemand so behandeln würde, wie es mir nicht gefällt oder mich anfassen wird, wo ich es nicht will, würde ich mich dagegen wehren, notfalls auch lautstark. Ich ging zu Selbstverteidigungskursen, wurde aufgeklärt und nahm an Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Übergriffe teil. Es wurde mir vermittelt, dass ich für meine Vergewaltigung, verantwortlich bin. Und darin liegt das Problem.

Der Hashtag #metoo rückt Opfer sexueller Übergriffe in den Mittelpunkt der Debatte. Doch dort, wo es Opfer gibt, muss es zwangsläufig auch Täter geben. Das Problem ist, dass diese sich im Hintergrund verstecken können. Es geht in dieser Debatte nicht um einzelne Männer, es ist ein systematisches soziales Problem. Die Täter sind keine bösen fremden Männer mit einer dunklen Vergangenheit, die nachts in Parks oder dunklen Ecken auf uns warten. Die Täter sind viel normaler als wir denken und begegnen uns in alltäglichen Situationen. In der Regel sind es Männer, von denen sexuelle Gewalt ausgeht. Umso wichtiger ist es, dass sie sich verantwortlich fühlen und Position beziehen. Ich fordere keine Reaktion im Sinne von #itwasme oder #ihave. Das ist pure Heuchelei, was erwartet ihr? Mitleid oder gar Vergebung?

In der Debatte geht nicht um den Sexismus gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Es geht vielmehr um den Machtmissbrauch gegenüber Schwächeren und Abhängigen. Die Wurzeln des Problems liegen in der Sozialisation von Jungen und Mädchen. Während unsere Brüder raus auf die Straße geschickt werden, um sich auszutoben, wild zu sein und Grenzen auszutesten, wird uns gesagt, dass wir aufpassen und vorsichtig sein sollen. Die Welt ist für Mädchen gefährlich. Das einzige, was uns schützen kann, ist immer brav und zuvorkommend zu sein. Wir dürfen nicht laut werden und Widerworte geben. Wenn unsere Onkel Altherrenwitze reißen, sollen wir lächelnd daneben sitzen. Wenn uns Männer in der Stadt hinterherpfeifen, sollen wir das als Kompliment verstehen. Und wenn wir abends weggehen und uns unter das Kleid gegriffen wird, sollen wir daraus kein Skandal machen. Jungs sind eben Jungs. Wir werden in einer Gesellschaft groß, die uns lieber schweigen lassen lässt, statt uns zu glauben. Und wir wollen lieber gemocht werden, als für uns einzustehen. Es ist für uns so selbstverständlich hinzunehmen, was Jungs und Männer uns antun, dass ich damals die Tat gar nicht in Frage stellte.

Nachdem ich den Hashtag die ersten Male gelesen habe, wollte ich mich den starken Frauen anschließen. Doch als ich vor meinem Handy saß, die sechs Zeichen eintippen wollte, bekam ich Angst. Ich hatte zuvor mit noch niemand über den Übergriff geredet. Wenn ich es posten würde, hätte ich keine Kontrolle darüber, wer es sehen würde. Was wäre, wenn meine Familie davon erfahren würde? Was wäre, wenn mein Täter es sehen würde? #metoo zwingt Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, sich zu zeigen. Ich will aber nicht auf das was mir passiert ist reduziert werden. Ich will nicht das Mädchen sein, das vergewaltigt wurde. Ich will viel mehr dafür gesehen werden, was ich erreicht habe, was ich liebe und wer ich wirklich bin – nicht das, was mir jemand anderes angetan hat. Ich will mich nicht dafür rechtfertigen müssen, was mir damals passiert ist. Ich will nicht erklären müssen, warum ich so lange geschwiegen habe. Ich will nicht darüber diskutieren, warum ich mich in der Situation so verhalten habe. Und ich will nicht argumentieren müssen, warum das was ich erlebt habe, eine Vergewaltigung darstellt. Ich bin nicht das Problem, er ist es.

Fühlen sich die Täter eigentlich angesprochen? Ich glaube nicht. Vielen ist noch nicht mal bewusst, dass ihre Taten haben, einen Effekt auf uns hatte. Für viele ist sexuelle Gewalt so weit entfernt, wie Hollywood und der Skandal um Harvey Weinstein. Dass sie selbst ein Teil des Problems sind, ist ihnen nicht bewusst. Viel zu bequem ist es in ihren alten Rollenbildern zu verharren. Sie beschweren sich eher, dass sie jetzt nicht mal mehr Frauen anmachen dürften, weil wir uns ja gleich beschweren würden. Um über Sexismus zu reden, bedeutet sich öffnen zu müssen, über Gefühle wie Angst, Schuld und Scham zu reden. Etwas, was viele Jungs nicht gelernt haben.

#metoo soll zeigen, dass Frauen täglich mit sexueller Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung konfrontiert sind. Meiner Meinung nach, kann das kein Hashtag dauerhaft in unser Bewusstsein bringen. Viel zu oft wurde schon darüber diskutiert. Schon 2013 unter dem Hashtag #aufschrei entfachte eine Diskussion über sexistische Erfahrungen. Die Diskussion geriet nach einiger Zeit in Vergessenheit. Zudem, habe ich das Gefühl, dass für viele #metoo zu einem gewissen Status geworden ist, einem Trend dem man folgen muss. Für mich geht es nicht darum, Teil einer Bewegung zu sein, es geht hierbei um mich. Um das was ich erlebt habe, um das, was Frauen Tag für Tag erleben müssen. Und das ist mehr, als nur ein kurzes Aufblitzen umgeben von Trump Memes und Urlaubsfotos. 


Beratungsangebote

Wildwasser Marburg e.V.

Wilhelmstr. 40
35037 Marburg

Telefon: 06421 / 14466

http://www.wildwasser-marburg.de/

Frauennotruf Marburg e.V.

Beratungsstelle für vergewaltigte und belästigte Frauen
Neue Kasseler Str. 1
35039 Marburg
Telefon: 06421 / 21438
E-Mail: frauennotruf-marburg(at)gmx.de
Website: www.frauennotruf-marburg.de
Angebot: Sexualisierte Gewalt und Grenzüberschreitungen im öffentlichen Raum, Stalking, Belästigung am Arbeitsplatz

Informationszentrum für Männerfragen e.V.

Sandweg 29
60316 Frankfurt am Main
Telefon: 069 / 4950446
E-Mail: Infozentrum(at)maennerfragen.de
Website: www.maennerfragen.de
Angebot: Beratung bei sexualisierter Gewalt; auch Täterarbeit

+ posts