Was machen eigentlich … die Jurist*innen

Was machen eigentlich … die Jurist*innen

Schon mal damit geliebäugelt das Fach zu wechseln oder einfach mal in ‘ne Vorlesung zu setzen, damit man versteht, was der*die Mitbewohner*in da immer so faselt? In unserer Reihe “Was machen eigentlich …” geben Fachfremde Einblicke in die Studiengänge unserer Uni. In diesem Sinne hat Armin, normalerweise in Seminaren der Germanistik und Kunstgeschichte, sich mal zu den Jurist*innen gesetzt.

Kaffee und Kuchen-Verkauf. Das ist ein guter erster Eindruck! Als ich mich zu einem Besuch der Schwerpunktvorlesung „Vertragsgestaltung im Familien- und Erbrecht“ entschieden habe, hätte ich nicht gedacht, dass mich im Eingangsbereich des Savigny-Hauses ein paar nette Studentinnen erwarten, um mir Schokokuchen zu verkaufen. Zugegeben, es ist dort nicht immer so freundlich. Neben Jurastudierenden und -dozierenden tummeln sich hier täglich auch Studierende anderer Fachrichtungen, die — weiß der Himmel, warum — die Atmosphäre zum Lernen als besser empfinden, als in den eigenen Fachbereichen.

Skurrile Gestalten

Hinzu kommen noch mehrere skurrile und bei fast allen Jurastudierenden bekannte Gestalten. Da wäre zum Beispiel die ältere Dame, die eine Wolke von pestilenzartigem Duft hinter sich her schleppt. Ihr Tagwerk im juristischen Seminar besteht — je nachdem, wen man fragt — darin, zu stricken, zu häkeln oder zu nähen. Und zu stinken,  darin sind sich zumindest alle einig. Dann sieht man hier oft den freundlichen Herrn mittleren Alters, der sich in die Wärme des Savigny-Hauses setzt und dort Reclam-Hefte und andere Literatur zusammen mit seinem Bier genießt. Schließlich kennt man noch die hagere und redselige ältere Dame, die mit ihrer rauchigen Stimme jeder Person, die es hören möchte (und jedem/jeder, der/die zu lange in ihre Richtung sieht) erzählt, dass sie gerade aus der Reha kommt, weswegen jetzt alles viel schwieriger ist. Ihre besondere Fähigkeit bestehe darin, so wird mir berichtet, für absolute Ordnung im Eingangsbereich zu sorgen. Man erzählt sich von leeren Pfandflaschen, die verschwinden, ehe man die Gelegenheit hat, sie zu entsorgen oder auch nur auf einen Tisch zu stellen. An dem Tag, an dem ich zu Gast bin, einem Montag, 14 Uhr ct,  gibt es hier aber ausnahmsweise Kaffee und Kuchen, statt Bier, Gestank und Pfandpiraten.

Klausuren werden zuhause geschrieben

Also besorge ich erstmal zwei Stücke Kuchen, während meine Jura studierende Freundin sich schonmal in den Hörsaal begibt, damit wir noch Sitzplätze bekommen. „Oh Gott!“, denke ich mir. Denn wenn wir es um 14 Uhr schon eilig haben, in einer Vorlesung um 14.15 Uhr noch Plätze zu bekommen, muss das ja eine riesen Veranstaltung sein. Mit der Dozentin Prof. Dr. Christine Budzikiewicz sind wir 35 Personen. Das kenne ich aus der Germanistik eigentlich nur in Seminaren oder aus Vorlesungen montags morgens um 8 Uhr oder Freitagabend um 20 Uhr. Der „Hörsaal“ hat ungefähr die Größe eines Seminarraumes in der PhilFak. Wenigstens braucht die Dozentin da kein Mikrofon. Und Abstimmungen laufen sehr übersichtlich ab. Zum Beispiel die Abstimmung „Wer möchte die Probeklausur zuhause schreiben?“ Wow. Na, wer kann das schon wollen, bei einem unkontrollierbaren Lernerfolg? Die Abstimmung fällt einstimmig aus. Die Probeklausur wird zuhause geschrieben. Wie überraschend! Das funktioniert dann so: Die Lösungen dürfen entweder handschriftlich oder als Attachment via Mail eingereicht werden. Prof. Dr. Budzikiewicz ist da flexibel. Auch wenn sie nicht so leger aussieht. Ehrlich gesagt sieht die Dozentin so aus – und spricht auch so – als würde sie nach der Vorlesung noch schnell ein paar Ehen scheiden, Verträge schreiben und nebenbei ein paar Menschen auf Unterhalt in Millionenhöhe verklagen. Alles freundlich und mit einem Lächeln, in Businesskostüm und Seidenschal. Ehrfürchtig höre ich ihr zu. Ich lerne, dass Anwälte versuchen, Verträge zu verfassen, die an der Grenze der Gesetzwidrigkeit (oder ein bisschen darüber hinaus) funktionieren.

Kein Vetrauen mehr ins Zwischenmenschliche

Ansonsten verstehe ich nicht besonders viel. Nicht, weil das, was die Dozentin erzählt, nicht interessant wäre. Es liegt eher daran, dass nach jedem dritten bis vierten Satz meine Zuhörmotivation in den Keller geht. Es geht um Eheverträge, einklagbare Unterhaltsansprüche, „Das goldene Kalb melken“, Klauseln, Paragraphen, zusammenhangslose Zahlen, „Billigkeit“, Verzichtsverträge … Nicht-Jurist*innen werden verstehen, dass ich mich nur noch in eine Decke einwickeln und über den Tod meiner Rosa-Wölkchen-mit-Einhörnern-Welt weinen möchte. Denn wenngleich ich wahrscheinlich weniger als die Hälfte der Inhalte verstehe, so kommt es mir doch so vor, als könnte jede zwischenmenschliche Beziehung vertraglich und rechtskräftig geregelt werden. Das nimmt irgendwie das Menschliche aus den Beziehungen heraus und ich, als Optimist mit rosa-roter Brille, finde das ein bisschen traurig. Aber trotz aller Traurigkeit über den Niedergang allen Vertrauens in unserer Gesellschaft, trotz meines persönlichen Unvermögens, aus dem Vertragsrecht schlau zu werden, bleibt mir doch zu sagen: Es hat sich gelohnt — der Kuchen war geil!

AHA!Im Wintersemester 2014/2015 beträgt die Anzahl der Jurastudierenden 2218. Mit insgesamt 31.547 Studierenden an der Uni Marburg sind das 7,03 Prozent. Quelle.

FOTO: ♥ Sweet Creamz ♥ auf flickr.com, CC-Lizenz.

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Autor, mitunter für PHILIPP. Studiert in Marburg Germanistik. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit Filmen oder Spielen.

Ein Gedanke zu “Was machen eigentlich … die Jurist*innen

  1. Das ist ja echt schon ein bisschen eine andere Welt im Vergleich zum PhilFak-Geschehen (zusätzlich zu den unterschiedlichen Inhalten). Und: die strickende Dame – ist das die, die auch manchmal im Sudhaus auf der Damentoilette anzutreffen ist?

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