Fairbraucher und -schützer

Fairbraucher und -schützer

Täglich schmeißen Supermärkte, Bäckereien oder Imbiss-Buden tonnenweise Nahrung in den Müll. Nahrung, die man noch essen kann. Deshalb hat es sich die Initiative „Foodsharing“ zur Aufgabe gemacht, diesen „Müll“ wieder zum Verzehr anzubieten. Kostenlos. PHILIPP hat der Organisation einen Besuch abgestattet.

Eine Packung Vollkorntoast, ein paar Zwiebeln, Äpfel, Chillisoße, Instantkaffee und Tütensuppen mit asiatischen Schriftzeichen stehen auf einem niedrigen Holzregal, direkt neben einer Bücherwand, vollgestellt mit geschichtswissenschaftlicher Lektüre. Es ist Donnerstag und das Histo-Bistro hat geöffnet. Anders als sonst kommen heute jedoch nicht nur hilfesuchende Geschichtsstudierende, sondern auch viele junge Menschen, die Lebensmittel in das Holzregal stellen. Denn von nun an ist der Fachschaftsraum der Aktiven Fachschaft Geschichte die zweite Anlaufstelle der Initiative „foodsharing.“ Der sogenannte „Fairteiler“ ist nun in aller Regel montags bis donnerstags von 10 bis 18 Uhr ein weiterer Ort, um Lebensmittel vor dem Vergammeln zu retten.

2/3 kommt in den Müll

Foodsharing ist eine Organisation, die sich seit 2011 gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzt, indem sie Verbraucher*innen dazu aufruft, überflüssige oder nicht präferierte Lebensmittel zu einem der Sammelstellen zu bringen, statt sie wegzuschmeißen. Zudem führen sie Kooperationen mit Konsumbetrieben wie Supermärkten oder Bäckereien, deren nicht mehr zu verkaufende Waren sie bei ihren „Fairteilern“ zum allgemeinen Verbrauch freigeben. So sind beispielsweise die Bäckerei Carle in Weidenhausen, Tasty Donuts & Coffee, einige Marktstände sowie ein Asia-Laden bereits mit von der Partie; weitere Bäckereien, Restaurants und Naturkostläden seien in Verhandlung, erzählt uns Phil von Foodsharing. Es sei der Nachhaltigkeitsgedanke, der die Gründer*innen und Organisierenden der Foodsharing-Gruppe dazu bewegte, eine Plattform zum Austausch für Lebensmittel in Marburg zu errichten. „Wir kennen alle die Situation, dass wir Lebensmittel kaufen, die uns dann doch nicht schmecken oder zu viel Essen kaufen, obwohl wir bald verreisen“, meint Johannes, einer der Organisatoren der Marburger Foodsharing Gruppe. Wer die Dokumentationen Taste the Waste und We feed the World, kennt, weiß dass die meisten Menschen, im Durchschnitt 2/3 aller produzierten Lebensmittel wegschmeißen. Viel zu viel und viel zu schade. Trotzdem gibt es bisher nur wenige Möglichkeiten, überflüssige Lebensmittel sinnvoll zu verwenden. Die Foodsharing-Regale bieten eine Möglichkeit nicht gebrauchte Lebensmittel abzugeben, damit sie nicht weggeschmissen werden müssen.

Hier zu sehen sind: Andrea Heinz, Franz Kahle, Johannes Imhäuser, Anna Serr, Philipp Kühlthau
Hier zu sehen sind: Andrea Heinz, Franz Kahle, Johannes Imhäuser, Anna Serr, Philipp Kühlthau

Der Film Taste the Waste von Valentin Thurn war im Übrigen der Ausgangspunkt der Initiative Foodsharing. Thurn und Kolleg*innen haben 2012 dann den Verein foodsharing e.V. gegründet, durch den Ende 2012 die Plattform foodsharing.de online ging, die das Teilen von überschüssigen Lebensmitteln in ganz Deutschland erleichert“, erinnert sich Johannes. Schließlich gab es dann noch die Plattform lebensmittelretten.de, auf der die Kooperationen mit Betrieben und Lebensmittel-Verteilern organisiert wurde. 2014 wurden die beiden Seiten  zusammengeschlossen. In Marburg fand die Initiative 2013 mit der Errichtung des Fairteilers in der Unikirche in der Reitgasse ihren Startpunkt. Das waren übrigens die gleichen Menschen, die die GemüseKombüse ins Leben riefen, wie PHILIPP bereits berichtete. Die Suche nach einem geeigneten Fairteiler-Standort war laut Phil zunächst gar nicht so einfach. „Über den Greenpeace-Erntedankgottesdiestes kamen wir schließlich in Kontakt mit Pfarrer Simon, der von foodsharing begeistert war und uns unterstützen wollte.“ Das war Anfang 2014. Jetzt ist der von der Universitätskirche gesponsorte Kühlschrank jeden Mittwoch drei Stunden lang erreichbar. Jede*r ist hierbei herzlich eingeladen, vorbeizukommen und zu gucken, ob sich nicht irgendetwas Schmackhaftes in den Regalen befindet, was in der eigenen Küche fehlen könnte.

Lebensmittel mehr wertschätzen!

Die Etablierung eines Foodsharing-Regals in der Philosophischen Fakultät blieb erfreulicherweise nicht unbemerkt. Einige Neugierige schlendern im Histo-Bistro herum. So auch Psychologiestudierende Tina, die selbst einmal in einer Gruppe aktiv war, die sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzte. „Es wäre cool, wenn das Projekt so richtig ins Rollen kommen würde“, sagt sie. Dasselbe wünscht sich auch Andrea vom Fachbereich Umwelt, Fairer Handel und Abfallwirtschaft der Stadt Marburg. „Diese Initiative ist die praktische Umsetzung der Kampagne ‚Zu gut für die Tonne‘“, meint sie. Ein Projekt, das Aufklärung und Tips über einen verbraucherfreundlichen Umgang mit Lebensmitteln bietet. Auch bestehe durchaus die Möglichkeit, dass zukünftig die Gruppe und die Stadt näher zusammenarbeiten. Die Gruppe möchte aber auch ein Bewusstsein für unser tägliches Brot anregen. „Wir wollen die Wertschätzung von Lebensmitteln stärken“, berichtet Johannes .  Heutzutage würden viele Menschen zum einen gar nicht mehr um die Kostbarkeit der Lebensmittel, geschweige denn um die aufwendige Herstellung wissen, weswegen das Wegwerfen von Lebensmitteln eigentlich immer zu bedauern sei. Deshalb gibt’s auch die inzwischen rund 30 Lebensmittelretter*innen, die sich um mehr Aufmerksamkeit zur Thematik bemühen. „Die sind dann alle in ganz unterschiedlicher Weise aktiv“, sagt Lebensmittelretterin Anna. So müssen Aufgaben wie die Betreuung der Fairteiler, der internen Orga, Öffentlichkeitsarbeit oder allein das Abholen der Lebensmittel bei den jeweiligen Betrieben von jemandem übernommen werden. Außerdem sei eine Teilnahme am städtischen Bio-Regio-Fair Aktionstag geplant. „Das vorrangige Ziel ist aktuell aber der Aufbau weiterer Kooperationen.“  Verhandlungen stehen bereits an. Bei erfolgreichem Abschluss, so Anna, könne die Gruppe auch jegliche Unterstützung engagierter Freiwilliger benötigen.

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Unter den neugierigen Gästen im HistoBistro haben wir auch unseren Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Bündnis 90/die Grünen) entdeckt. Er findet, das Projekt sei eine „super Idee“, um auf den Wert von Lebensmitteln aufmerksam zu machen. Aufgrund seines familiären Hintergrundes wisse er selber, wie aufwendig die Herstellung von Lebensmitteln sei und wie schade deshalb das Wegschmeißen derselben sei. Er wünsche sich mehr solcher Anlaufstellen und Ehrenamtliche in Marburg, mehr Achtung vor Lebensmitteln und vor allem mehr Aufmerksamkeit für das Projekt. Schön wäre es, wenn jede universitäre Einrichtung eine Stelle zum Lebensmittelaustausch hätte oder auch die Stadt helfen könnte, findet er. Ob der Bürgermeister wohl selber einmal Lebensmittel zu einem Foodsharing Regal bringen wird? Franz Kahle lacht. „Ich habe Bienen, die produzieren immer sehr viel Honig. Und ich koche jedes Jahr aufs neue viel zu viel Marmelade ein, die würden sich hier auch gut machen“, erzählt er und sein Blick schweift gedankenverloren zu den Äpfeln.

DU WILLST AUCH FAIR’BRAUCHEN? Der Kühlschrank in der Unikirche ist jeden Mittwoch zwischen 13 und 16 Uhr zugreifbar. Eine Verlegung aufs Wochenende ist allerdings in Planung. Der neue Fairteiler im HistoBistro soll von nun an von Montag bis Donnerstag, 10-18 Uhr geöffnet sein. Wer sich bei foodsharing engagieren möchte, kann sich hier anmelden und bei der Region Marburg beitreten. Außerdem kann man die Organisation auf Facebook finden und für allgemeine Fragen, Hinweise, Anregungen etc. kann man ihnen auch einfach eine Mail an lebensmittelretten-marburg@gmx.de schicken.

FOTOS: Nele Hüpper

PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.

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