Ich habe Legal Highs ausprobiert, damit ihr es nicht müsst

Ich habe Legal Highs ausprobiert, damit ihr es nicht müsst

The Doors singen 1967 die von Bertold Brecht notierte Bitte: “show me the way to the next whiskey bar. Oh, don‘t ask why.” „Gib mir Wodka, gib mir Koks, heute Abend wird gnadenlos“, singen K.I.Z vom deutschen Hip Hop und Bon Iver coverten Anais Mitchells Worte “I‘ve never been so high, I‘ve never laughed so loud, Nothing gonna stop me now”, das es über SuperFlu auch in die elektronische Tanzgesellschaft der Fusion gelang. Drogen, Drogen, Drogen überall! Heute ist der Konsum in Discos fast zur Normalität geworden. Nur wenige Menschen können von sich behaupten, es nicht wenigstens mal ausprobiert zu haben. Und jetzt das: legal highs. Was die Droge Alkohol schon immer gewesen ist, gilt jetzt auch für chemische Drogen. Zumindest ein Abklatsch von ihnen ist jetzt legal auf dem Markt erhältlich. Ein Test.

Es gibt da diesen Hype, der zwar nicht sonderlich neu ist, aber doch gefühlt an Sympathisant:innen zunimmt: chemische Drogen. Der Begriff Droge, laut Duden ein „pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Rohstoff für Heilmittel, Stimulanzien oder Gewürze“ oder eben „Rauschgift“, wird sehr unterschiedlich aufgefasst und verstanden. Letztendlich zählen aber alle sinnesverändernden Substanzen dazu und damit – by the way – definitiv auch Alkohol, was von so manch medialen oder politischen Diskursen gerne mal unter den Tisch geworfen wird.

MDMA, Ecstasy, Ketamin – egal. Alles findet seine:n Abnehmer:in. Pilze futtert man, um sich einen schönen Tag im Wald zu machen, LSD „musst du unbedingt mal ausprobieren!“, wird mir auf einer Party ans Herz gelegt, und FH-4, R-2T, 2-CB oder was es sonst noch so alles gibt, liegt morgens – ach was red‘ ich – mittags auf der CD Hülle, wenn man gerade von der Party zur After-Hour dackelt. Halten wir es in dieser Welt einfach nicht mehr nüchtern aus? Ehrlich gesagt finde ich das persönlich alles gar nicht mal so schlimm, solange das noch in Maßen, als nette Ausnahme und nicht regelmäßig passiert.

Anyway. Interessant zu beobachten ist die nun aufkommende legale Alternative zu all den chemischen Drogen, die ja offiziell gar nicht konsumiert werden dürfte. Aber wie das nun einmal so ist mit Verboten: Jetzt erst recht! Es entsteht ein konsumierter Mix aus legal und illegal. Diese sogenannten legal highs imitieren Rauschgifte und ziehen ihre Legalität einzig daraus, dass sie noch nicht geprüft wurden und damit nicht unter die örtlichen Betäubungsmittelgesetze fallen. Oft ist dabei lediglich eine minimale Abweichung der chemischen Struktur einer Substanz vonnöten. Bis 2015 seien das laut des Internationalen Drogenkontrollrats der Vereinten Nationen (INCB) 602 neue psychoaktive Substanzen gemeldet worden. Die Zahl steigt jährlich.

Egal ob legal oder illegal, der weltweite Trend zum Drogenkonsum steigt, zeigen Berichte des INCB. Aber was ist an diesen legal highs wirklich dran? Ich wollte es selbst wissen, habe ein paar von ihnen getestet und mir verschiedene Stoffe im Internet bestellt. Allerdings nicht nur chemischen Kram, ich pumpe mir dann doch eher ungern Chemie in meinen Körper. Neben Stargate und Kanna, den angeblich legalen Pendants zu MDMA, lagen also auch eine afrikanische Wurzel, „die deinen Traum sehr plastisch wirken lassen sollen“, im digitalen Warenkorb. Bei allen Einnahmen zog ich meinen ganz persönlichen Freund und Berater, nennen wir ihn Mr. X, hinzu, der mich sehr gut kennt und vermutlich am besten weiß, wie man mir psychedelische Träume bereiten kann. Generell ist bei einer Ersteinnahme übrigens immer (!) eine Vertrauensperson oder ein Tripsitter zu empfehlen. Drogen wirken sich auf verschiedene Menschen sehr unterschiedlich aus, die Folgen sind nie absehbar. Eine Person, der du im Notfall voll und ganz vertrauen kannst, ist deshalb nicht nur ratsam, sie kann im Ernstfall sogar dein Leben retten.

1. Stargate

Das sind so kleine Kapseln, die man einfach schluckt. Im Grunde sehen sie aus wie Gelomyrtol Tabletten, nur komplett in Minion-Gelb. Im Online-Shop wird ihre Wirkung als ein Mix aus einer herrlichen Wärme und euphorischen Gefühlen mit einem Schuss an Energie beschrieben. Also Ecstasy. Auf einer besonders netten Party, die meinen Musikgeschmack in voller Gänze trifft, habe ich das ausprobiert. Ich schluckte das Ding mit etwas Mate herunter und wartete ab. Beziehungsweise gab ich mich ganz der hämmernden Musik hin, bekanntlich soll man auf die Wirkung ja nicht warten. Nach einer halben Stunde passierte allerdings noch rein gar nichts, sodass ich die nächste Pille hinterher schmiss. Gleicher Ablauf, gleiches Ergebnis. Da es sich um ein technolastiges Event handelte und ich da gut und gerne auch nüchtern durchtanzen kann, war das zum Glück nicht weiter schlimm. Bei einem erneuten Versuch war das Ergebnis allerdings ähnlich ernüchternd, also versuchten wir etwas anderes.

2. Kanna

Kanna ist eine Pflanzenart aus Südafrika, die traditionell gekaut wird, in den lokalen Kulturen bekanntlich aber auch wie Schnupftabak benutzt wird. Es ist eine psychedelische Pflanze, die zunächst relaxend wirken soll. Erfahrungsberichte sprechen von einem „weird excitement“, das zu Beginn einsetzt und dem ein Genuss-Gefühl von intensiven Gefühlen folgt. Nach Bestellung erhalten wir kleine Döschen mit hellbräunlichem Pulver. Man kann es als Tee auflösen – wir legen uns partytraditionell Lines. Auch diesmal hält sich die Wirkung in Grenzen, aber immerhin passiert etwas: Mir wird sehr warm und für einen Moment stehe ich irgendwie neben mir. Es wirkt verschroben, ich erzähle einem Freund eine Story und bin völlig darin gefangen. Aber nur für einen kurzen Moment. Dann hört es wieder auf. Ich fühle mich zwar immer noch gut und positiv, der Film jedoch, der irgendwie wie über meinen Augen liegt, ohne aber die direkte Sichtweise zu verändern, ist nicht mehr da. Andere Konsument:innen schildern mir ähnliche, aber auch sehr unterschiedliche Erfahrungen. Bei manchen war das Gefühl stärker, mehr euphorisch, andere hingegen waren nicht so begeistert. Mr. X meint, dass Kanna zwar angenehm zu ziehen, eine Wirkung auch auf jeden Fall vorhanden, aber schwer zu beschreiben sei: „Ich fühle mich nicht euphorisiert, sondern eher verbohrt. Das meine ich nicht nur als Beschreibung meiner Gemütsverfassung, sondern ich spüre das auch körperlich! Sehr seltsam.“ Er wird es nicht noch einmal probieren.

3. Traumwurzeln

Bei azarius.net gefunden, bestellte ich die afrikanische Traumwurzel Silene Carpensis und bat Mr. X, mitzumachen. Nebst jeglichen Formen des Halluzigenen und Psychoaktiven, ist er ebenfalls fasziniert von den nächtlichen Reisen in Traumwelten und hat auch schon knappe Erfahrungen mit dem luziden Traum gemacht. Bei Traumwurzeln handelt es sich tatsächlich um kleine, hellbraune Wurzeln, abermals aus Südafrika. Sie wird dem Stamm der Xhosa als “sacred plant with the ability to induce remarkably vivid and prophetic dreams” zugeschrieben. 200 bis 300 mg soll man von ihnen einnehmen. In verschiedenen Foren werden unterschiedliche Konsumformen beschrieben. Wir kauten die Wurzel am Stück, bis man die entstandene breiige Masse gut schlucken konnte, oder rieben es in etwas heißes Wasser. Der Geschmack lässt zu wünschen übrig, Mr. X würde ihn „nicht als gut, aber auch nicht als schlecht bezeichnen. Sagen wir: interessant. Hat mich nur irgendwie an Seife erinnert.“ Dem Internet folgend nahmen wir das Zeug mal nachmittags, mal abends ein. Zwei Wochen testete Mr. X täglich, ich sogar drei, die appetitliche Kost.

Das Ergebnis viel unterschiedlich, im Endeffekt aber wieder eher enttäuschend aus. Ich träumte konstant irgendwie nur absolute Schwärze, außer ein paar sehr, sehr wenigen Ausnahme-Nächten, in denen meine Träume so bekloppt waren, dass ich jedes Mal völlig verwirrt aufwachte. Da träumte ich zum Beispiel gleich zweimal (!) von einer Szene an einem abgelegenen Badesee. Wir waren zu viert, mit zwei Kindern, die andere erwachsene Person fasste ins Wasser und plötzlich attackierten uns kleine, aber sehr giftig aussehende Krabbeltiere. Beim zweiten Mal desselben Traumes hatte ich aus irgendeinem Grund ein Baukästchen mit, das am Ende super wichtig war und weshalb wir alle fast verrecken. Es ging noch weiter, aber das war alles so weird, dass ich es nicht richtig in Worte fassen kann.

Mr. X stellte währenddessen eine andere Beobachtung fest: „Beinahe jeden Abend, nachdem ich das Material gekaut und geschluckt hatte, hatte ich das Gefühl, es nicht nur noch so lange zu schmecken, bis ich ins Bett ging. Ich hatte auch den Eindruck, es im Hals, im Bauch und sogar in meinem Kopf zu spüren. Eine beruhigende und angenehme Wirkung, die mir Vorfreude auf mein Bett machte. Wirklich seltsam, weil dem jede von mir konsultierte Quelle widersprechen würde.“ Das mit dem Geschmack im Hals kann ich zwar teilen, alles andere jedoch eher nicht. Stattdessen bekam ich nach zweieinhalb Wochen täglich sich steigernde Kopfschmerzen. Aufgrund dessen brach ich den Versuch nach drei Wochen ab. Mr. X hingegen hatte noch ein interessantes Erlebnis, das allerdings bereits vor Einnahme der Wurzel geschah: „Als fest stand, dass wir die Pflanze bestellen würden, begannen sich meine täglichen Gedanken wieder mehr um Träume zu drehen und ich setzte mein bereits vor eineinhalb Jahren begonnenes Traumtagebuch fort. Schnell wurden meine Träume und die Erinnerung an sie lebhafter und detailreicher.“

Ich schätze, mein Körper wehrt sich irgendwie gegen solche Art von unnatürlicher Sinnesveränderung. Während meiner Recherchen fand ich heraus, dass es zahlreiche erfolgreiche Selbstversuche mit Silene Carpensis gibt, von der simplen Steigerung der nächtlichen Träume bis hin zu luziden Erlebnissen. In einem der vielen Berichte heißt es: „Silene Capensis wirkt und zwar gewaltig! Die Anzahl meiner Träume hat sich in den letzten 5 Tagen mindestens verdreifacht (…), die größte Veränderung war in der Länge und in der Klarheit der Träume. Alles ist farbintensiver, weiter und detailreicher als sonst.“ Auch Mr. X hält trotz allem die Traumwurzel für konsumwürdig. „Niemand darf erwarten, dass der bloße Konsum dieser Pfanze eine Verwandlung zum professionellen Oneironauten [Traumreisender, Anm. d. Autorin] verursacht“, sagt er. „Dennoch halte ich ihren Gebrauch, als einen von vielen anderen Schritten auf dem Weg zu intensiven und luziden Träumen, für hilfreich.“

4. Eukalyptus

Nach Erzählungen über mein diesiges Projekt empfahl mir ein guter Freund, einfach mal eine Woche Eukalyptus-Pillen auszuprobieren. Er meinte, bei ihm hätte das in etwa denselben Effekt gegeben, den diese Wurzeln haben sollten. Und das ist mal wirklich legal: In jeder Apotheke erhältlich. Ich kürze mal ab: Eukalyptus ist für Asthmatiker:innen nicht empfohlen! Bitter, aber da wird nur ein einziger Traum draus, aus dem ihr nicht wieder erwacht. Ich startete den Versuch mit morgens, mittags, abends einer Pille, theoretisch sollen die Träume dann nach ein paar Tagen farbintensiv und plastisch wirken. Nach nur zwei Tagen wachte ich allerdings mit einer furchtbaren Atemnot auf. Zunächst schob ich das auf die Allergiezeit, als es aber den ganzen Tag mit dem elenden Ton in der Lunge weiterging, kam ich irgendwann doch auf die geniale Idee, Eukalyptus einfach mal zu googeln. Ergebnis: ASTHMABETROFFENE AUF GAR KEINEN FALL EINNEHMEN! Also brach ich ab. Was lernen wir daraus? Bitte überprüft vorher, was ihr eurem Körper antun wollt.

5. Lachgas 

Wir hatten noch nicht genug vom Probieren, wollten aber auch keine Risiken mehr. Warum also nicht Lachgas?! Wer es nicht kennt: Das Gas füllt man wie mit Helium in einen Luftballon, zieht den Inhalt tief in die Lunge, dann einmal wieder komplett in den Ballon, wieder in die Lunge und kurz Luft anhalten. Anders als es der Name sagt, muss man von Lachgas allerdings keinesfalls lachen. Das ist ein Gerücht und passiert höchst selten. Stattdessen kommt zunächst ein betäubendes Gefühl, im Kopf rauscht es ein bisschen und der Körper wirkt für einen kurzen Moment wie ausgehöhlt. „Wobbelig“, bezeichnet es ein Kollege und Mr. X redet von einem kurzen Ausflug in eine andere Dimension. Ein bisschen abgespaced vielleicht, aber seine Beschreibung ist faszinierend: „Es ist wie so ein Knall, als würden Geräusche nochmal nachklingen, alles, was ich höre, macht erstmal ‚ne Kurve, als würde ich von einem Sog erzogen.“ Die Wirkung hält allerdings einen Bruchteil einer Minute an. Ein sanftes Brummen im Kopf ist alles, was bleibt.

Was bleibt?

Ich habe jetzt nicht die größte Palette an Stoffen ausprobiert, wahrscheinlich ist das aber auch gut so. Denn legal highs sind extrem gefährlich. Laut Drogenexperten sind sie sogar gefährlicher als illegale Drogen, was vor allem daran liegt, dass sie unberechenbar sind. Niemand weiß genau, was da drin ist, geschweige denn wie viel von dem Kram, das dich in eine andere Sphäre schickt. Diese Substanzen können bis zu 40 Mal stärker wirken, als ihre illegalen Pendants, wodurch nicht nur das Risiko einer Überdosis extrem hoch ist. In Notaufnahmen kann betroffenen Konsument:innen kaum geholfen werden, da die Kenntnis fehlt, mit was man es hier zu tun hat. Wer kaum Erfahrungen mit Drogenkonsum hat, kann leicht in Angstzustände verfallen. Selbst „Junkys“ warnen vor den neuen Substanzen, sie bezeichnen sie als unberechenbarer, krasser, angsteinflößender: „Legal Highs, das hört sich alles so nett an, das ist genau das Gegenteil!“, sagt eine Konsumentin in der Arte-Doku „Rausch aus dem Labor. Wie legale Drogen Europa erobern“.

Das krasse ist, dass man hier so schwer eingreifen kann. „Es ist wie ein Katz und Maus-Spiel“, sagt Ana Gallegos, Chemikerin beim Europäischen Drogenüberwachungszentrum EMCDDA. Bis man eine Substanz identifiziert hat, ist schon wieder eine neue auf dem Markt. Deshalb plädiert Stephen Geyer vom Hanfmuseum in Berlin vor allem für Aufklärung statt Tabus: „Drogen an sich sind nicht gut oder böse. Es ist, wie der Konsument damit umgeht und das hängt immer davon ab, wie viel er darüber weiß.“

FOTO: CC sathishcj auf flickr.com, unverändert

Leonie Ruhland

PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.

Ein Gedanke zu “Ich habe Legal Highs ausprobiert, damit ihr es nicht müsst

  1. Sehe absolut keinen Mehrwert in dem Artikel. Wer gerne so ein Mumpitz lesen will, findet im Internet weitaus bessere Tripberichte. Das K.I.Z. Liedzitat ist auch falsch.

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