Ich habe meine Mutter gefragt, wie es war 1989 aus der DDR zu fliehen

Ich habe meine Mutter gefragt, wie es war 1989 aus der DDR zu fliehen

Die Mutter unserer Autorin floh 1989 aus der DDR und war genauso alt wie unsere Autorin jetzt. Sie fragte sich: Mama, wie war das damals?

Als meine Mutter sich dazu entschied ihren Staat zu verlassen, war sie gerade 26 Jahre alt. So alt, wie ich es jetzt bin. Mit diesem Wunsch war sie nicht allein. Viele zehntausend Menschen entschieden sich im Sommer 1989 über Ungarn die Deutsche Demokratische Republik zu verlassen. Sie waren Flüchtlinge oder auch Geflüchtete, wie wir heute sagen würden. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte auch ein Wort für das, was diese Menschen inklusive meiner Mutter taten: »Republikflucht«. Die Unterbehörde, die sich dieser annahm: Die »Zentrale Koordinierungsgruppe Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung« (kurz: ZKG). 1989 gehörten ihr rund 450 Mitarbeiter:innen an. Zu dieser Zeit, um es sich vielleicht besser vorzustellen, war Bundeskanzler Helmut Kohl noch ein Wort und im Radio spielten sie »Like a prayer« von Madonna.

1989 und seine Vorgängerjahre gehören für mich ins Geschichtsbuch, nicht in die Gegenwart. Und trotzdem greifen erstere immer wieder in letztere hinein. Erst kürzlich starb Helmut Kohl, den viele den »Kanzler der Einheit« nennen. Ich selbst kenne Kohl fast nur aus Erzählungen. Als er an der Macht abgelöst wurde, war ich gerade mal 7 Jahre alt. Ironischerweise las ich von seinem Tod, als ich mich gerade in einem Hostel in Bischkek, Kirgistan befand. Gehört doch gerade Kirgistan zu einem der Länder, die auch 2017 noch mit vielen Folgen der Sowjetzeit zu kämpfen haben. Diese Erkenntnis braucht eine andere Geschichte. Doch, trotzdem. Was uns, Brecht würde sagen »Nachgeborenen«, als Nachklang dieser Zeit bleibt, ist doch meist so zusammenzufassen: Checkpoint-Charlie Museum, die zehnte Wiederholung von »Goodbye Lenin«, müde Ossi-Witze über jene Freunde, die in Leipzig studieren, Pegida. Was wissen wir über die DDR sonst, hier in Westdeutschland? Seit sechs Jahren lese ich in wissenschaftlichen Texten vom großen Paradigmenwechsel und dem »Ende der Geschichte« wie Francis Fukuyama das Ende des Kalten Krieges bezeichnete, aber wie sich das angefühlt hat, das weiß ich nicht. Und das, obwohl dieser Staat über Jahrzehnte der meiner halben Familie war.

Ich bin ein Kind der Einheit

Ich bin ein »Kind der Einheit« wie ich mich aufgrund meines westdeutschen Vaters und ostdeutscher Mutter selbst bezeichne. Doch über ihre Kennenlerngeschichte – mein Vater fuhr zum Feiern nach Ostberlin, tauschte dort eine deutsche gegen zehn DDR-Mark -, den marxistisch-leninistschen Unterricht in der Schule, die FDJ oder eben die genauen Vorgänge der Flucht meiner Mutter, wusste ich lange bedeutend wenig. Auch das Leben meiner Großeltern war in der DDR für mich lange geradezu unsichtbar. Dabei waren diese Geschichten, das sollte ich später erfahren, von lauter James-Bond-ähnlicher Szenen durchzogen. In ihrer Unterwäsche hatte meine Oma die wichtigsten Papiere meiner Mutter nach West-Berlin geschmuggelt, damit sie sich nach erfolgreicher Flucht dort abholen konnte. In ihrer Unterwäsche!

Vor drei Jahren, als sich der Mauerfall zum 25 Mal jährte, beschloss ich mit meiner Mutter das erste Mal genauer über ihre Flucht zu reden. Romantischerweise sogar just an jenem Ort, den sie 1989 verlassen hatte. In ihrem Zuhause, einem Einfamilienhaus in Eisenhüttenstadt, Brandenburg, etwa 10 km von der polnischen Grenze entfernt. Für meine Großeltern kam eine Flucht nie in Frage, sie hatten sich eingerichtet in der DDR, hatten als Kranführer und OP-Schwester ein gutes Leben geführt. Sie waren die ersten in ihrer Bungalowsiedlung, die ein Telefon benutzen durften. Man beneidete sie. Nicht so meine Mutter, die sich nach Freiheit sehnte und keine Lust mehr darauf hatte, das Levis Zeichen von der Jeans, die sie von ihrer Oma aus dem Westen zugeschickt bekam, abzureißen.

»Wie wenn man Bungeejumping macht« beschrieb sie das Gefühl der Freiheit, nachdem ihr die Flucht im Sommer 1989 geglückt war. Traurig war sie auch, weil sie so weit weg von ihrer Familie war. Sie konnte diese ja noch nicht einmal anrufen. Seit ihrer Flucht war das Telefon ihrer Großeltern von der Polizei abgehört worden. Ihr Visum war erst einen Tag abgelaufen, da stand die Polizei schon direkt vor der Tür ihres Elternhauses. Ihre Eltern logen, sagten: »Wir wissen wir nicht wo sie ist, sie lebt unabhängig in Berlin«.

»Kommt nach Hause, euch passiert nichts«

Weil der Plan meines Vaters, meiner Mutter einen gefälschten Pass zu besorgen, fehl schlug, machte meine Mutter offiziell in Ungarn Urlaub. Dort angekommen, so der Plan meiner Eltern, sollte sie direkt zur Botschaft gehen. Doch im Sommer 1989 war sie mit dieser Idee schon nicht mehr allein. Die ungarischen Behörden verwiesen sie deshalb weiter in ein so genanntes Auffanglanger am Balaton. Ringsherum um dieses war ein Zaun gezogen, über den die Stasi-Mitarbeiter:innen manchmal Flugblätter rüberwarfen. Auf ihnen stand »Kommt nach hause, euch passiert nichts«. Die Stasi wusste laut meiner Mutter genau, dass sich dort DDR-Flüchtlinge aufhielten.

In diesem Lager am Balaton lebte meine Mutter etwa drei Wochen. »Irgendwann bekam ich einen Lagerkoller und bin mit meinem Kumpel Michael mit dem Zug an die Grenze gefahren. Wir wollten es selbst in die Hand nehmen und rüber nach Österreich«, erzählte sie mir. Aus diesem Plan wurde nichts. Nachdem meine Mutter und Michael durch den Wald liefen, stand die ungarische Armee vor ihnen. Die Gewehre auf sie gerichtet. Michael, so erzählt es meine Mutter, war total geschockt, riss die Armee hoch und sagte »Nicht schießen!«. Meine Mutter fing an zu lachen. Warum, wisse sie heute auch nicht mehr. Vielleicht war es die Überforderung. Mit Sicherheit war es das. Wie hätte ich reagiert? Danach brachten sie die Soldaten auf die Wache und gaben ihnen zu Essen. Dort sagte man ihnen: »Bitte gehen Sie ins Lager zurück, es erwartet uns alle eine politische Entscheidung«. Dorthin kamen sie mit einer Fahrkate, die ihnen von den ungarischen Soldaten bezahlt wurde. Sie selbst hatten kein Geld mehr.

Die »politische Entscheidung« von dem die ungarischen Soldaten sprachen und die tatsächlich ein paar Tage später anstand, ist uns heute vor allem durch die berühmten Worten von Hans Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft bekannt. »Wir freuen uns ihnen mitteilen zu können, dass ihre Ausreise möglich geworden ist«. In der Nacht zum 11. September 1989 öffnete Ungarn die Grenze zu Österreich. Michail Gorbatschow bestätigte später übrigens, dass die Ungarn diesen Schritt taten, ohne um Erlaubnis aus Moskau zu bitten.

»Das Paket ist angekommen«

Im Lager am Balaton kamen an diesem Tag die örtlichen Ungarn mit Lichtern und Getränken vorbei. Sie alle, Deutsche und Ungarn, veranstalteten eine riesige Party, während die ersten Trabbis und Wartburgs schon Richtung Grenze starteten. Meine Mutter fuhr etwas später. Als sie in Wien ankam, führte sie ihr erster Weg in eine Telefonzelle. Dort rief sie eine Kontaktperson an und sagte: »Das Paket ist angekommen.« Das Paket war ihr Geheimcode dafür, dass sie es geschafft hatte.

Nach einer weiteren Station in Freilassing, Bayern, fuhr meine Mutter dann endlich in den Norden Deutschlands zu meinem Vater. Ein paar Wochen nach Ankunft gewann sie auf einer Kirmes eine Hauptreis. Eine Reise nach Spanien, die sie im November 1989 antreten. Wir Kinder der Zukunft wissen aus den Geschichtsbüchern, was in diesem Monat passierte. Meine Mutter sah es im Fernsehen. Die Menschen vor dem Brandenburger Tor, die bald ebenso frei sein sollten wie meine Mutter.

Über das, was passiert ist, reden wir nicht oft. Immer wieder muss ich mich dazu zwingen, es anzusprechen. Dabei ist sie so nah, die authentische Erzählung der deutschen Geschichte. Ich habe deswegen einen Plan: Wenn in zwei Jahren die Mauer 30 gefallen ist, will ich die Fluchtroute meiner Mutter nachreisen. Will versuchen zu erfahren, was sie damals erfuhr. Geschichte lebt schließlich von ihrer Erzählung. Oder etwa nicht?

FOTO: CC Andreas Krüger auf flickr.com, unverändert

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin von 2014 - 2017.