Antilopen Gang deckt auf: „J.Lo ist gar nicht Jay Z“

Antilopen Gang deckt auf: „J.Lo ist gar nicht Jay Z“

Der Marburger Ableger der Partei DIE PARTEI macht es sich neben dem Merchandising-Stand im KFZ gerade gemütlich. Sie wollen auf Stimmenfang gehen und „Wirr ist das Volk“-Sticker an den Mann und die Frau bringen. Währenddessen warten die beiden Redakteurinnen Judith und Katha an der Bar. Irgendwann kommt Satscho, der Tourmanager vorbei. Man müsse sich noch ein bisschen gedulden, die Jungs seien noch am Essen, erzählt er. Kein Problem, denken sich die beiden und decken sich noch schnell mit Bionade und Bier ein. Pünktlich um 19 Uhr geht es dann hinab in die Katakombden des KFZ. Hinein in einen kleinen Raum, in dem jeder Quadratzentimeter mit Stühlen vollgestellt ist. Auf einer Eckbank nehmen die beiden Antilopen Koljah und Panik Panzer schließlich Platz. Danger Dan fehlt leider, weil er krank ist.

PHILIPP: Ihr findet ja ziemlich viel scheiße. Euer Album heißt „Aversion“ und in einem Interview mit rap.de habt ihr auch mal gesagt: „Wir erzeugen Abscheu in der ganzen Welt.“ Gibt’s auch irgendwas, das ihr so richtig geil findet? Also außer euch selbst?

Panik Panzer: Nächste Frage!
Koljah: Meine Freundin. Und die anderen beiden Antilopen auch.
Panik Panzer (geht in sich): Ruhe find‘ ich geil. Schlafen und zuhause im Bett eine Serie gucken.

Oh! Welche Serie kannste denn empfehlen?

Paniker Panzer: Ich hab‘ grad angefangen Better Call Saul zu gucken. Das ist dieser Spin-Off von Breaking Bad, was glaub‘ ich ziemlich gut wird. Und Fargo kann ich auch empfehlen

Wir finden übrigens ihr seid ziemlich lustig.

Panik Panzer: Hey, danke! (Gelächter)

Könnt ihr uns einen Witz erzählen?

Koljah: Scheiße, jetzt fallen mir nur solche ein…
Paniker Panzer (unterbricht Koljah): Also das ist ja auch Quatsch. Man ist ja nicht witzig, weil man Witze erzählt. Das sieht man ja an Fips Asmussen zum Beispiel. Aber na gut, der ist ein schlechtes Beispiel.
Koljah: Also ich könnte jetzt schon einen erzählen.

Wir wollten ja auch gar nicht sagen, dass ihr nur witzig seid, weil ihr Witze erzählt. Wir dachten nur, es wär‘ cool, wenn ihr uns einen Witz erzählt.

Koljah: Ich kann mir irgendwie nur geschmacklose Witze merken. Und die meisten davon will ich jetzt nicht erzählen. Aber okay, ich erzähl‘ jetzt einen, der vergleichsweise harmlos ist: Da ist ein zukünftiger Familienvater, dessen Frau hochschwanger im Kreissaal liegt. Als die Geburt losgeht, denkt der Vater, er steht das nicht durch und wartet total aufgeregt im Flur. Irgendwann geht dann die Tür auf und der Arzt kommt mit dem kleinen Neugeborenen in der Hand. Dann nimmt er das Kind und haut es voll gegen die Tür. Mehrfach. Da schreit dann der Mann: „Nein! Was tun sie da?“ Und dann sagt der Arzt: „April, April! Es war schon tot!“
Panik Panzer: Ja, das tut mir jetzt leid. (Gelächter) Aber wie kommt ihr denn darauf, dass wir witzig sind?

Wir sind ordentliche Journalistinnen und haben uns auf dieses Interview vorbereitet. Und naja, da haben wir echt viel gelacht, als wir andere Interviews mit euch gelesen haben…

Panik Panzer: Ach, in den Interviews! Aber unsere Musik ist ja bierernst.

Natürlich ist sie das! Wir weinen auch regelmäßig, weil wir uns vor allem in unserer Rolle als Studierende mehrfach beleidigt fühlen.

Die Runde nickt einvernehmlich. Es wurde gesagt, was gesagt werden musste. Koljah trinkt einen weiteren Schluck Cola und Judith stellt die nächste Frage.

Beschäftigen wir uns mal mit eurem Bandnamen. Eure Erklärungen zu seiner Entstehung sind ja immer sehr kreativ. Habt ihr auch für uns eine kreative Version, wie’s zum Namen Antilopen Gang kam?

Panik Panzer: Ja. Aber was heißt kreative Version? Ihr wollt ja sicherlich die Wahrheit hören, nachdem ihr so viel Schund gelesen habt! Die Wahrheit ist nämlich, dass wir eifersüchtig waren auf Jay Z, weil wir Jennifer Lopez so gut finden.
Koljah: Was hat denn Jay Z mit Jennifer Lopez zu tun?
Panik Panzer: Scheiße! J.Lo ist gar nicht Jay Z? Ist egal, wir lassen es so stehen.
Koljah (lacht): „J.Lo ist gar nicht Jay Z“ (Gelächter)
Panik Panzer: Aber mit wem war J.Lo noch mal liiert? Auch mit irgendeinem Rapper.
Koljah: Die war mal mit Puff Daddy zusammen.
Panik Panzer: Okay, das passt ja auch zur Gründungsgeschichte. Wir waren einfersüchtig auf Puff Daddy, weil der mit J.Lo zusammen war und wir haben diese Eifersucht umgekehrt in einen Hass auf J.Lo, weil wir lieber die Frau als den Mann hassen wollten. Warum kann ich jetzt nicht genauer sagen. Und dann haben wir uns Antilopez, wegen Jennifer Lopez genannt. Und irgendwann war es dann aber nur noch Antilopen, weil das irgendwie so nah lag.

Und weil ihr mehrere wart, kam dann irgendwann noch das Gang dazu…

Panik Panzer und Koljah: Genau.
Panik Panzer: Aber wollt ihr auch die Wahrheit von dem Gang hören? Die wahre Wahrheit? Die ist aber langweilig.

Doch, doch. Erzählt mal!

Panik Panzer: Die wahre Wahrheit ist: Wir wollten uns nur Antilopen nennen, aber Antilopen.de hab ich damals als Web-Adresse nicht bekommen und dann hab‘ ich eben antilopengang.de reserviert und dann ist das Gang irgendwie, obwohl es nicht geplant war, mit in den Namen eingeflossen.

Nun ist aber ja auch nicht alles Eitel Sonnenschein in eurem Antilopenleben. Euer Track „Beate Zschäpe hört U2“ wäre fast verboten worden und ihr habt auch im Zuge eines Interviews mit der Zeitung Neues Deutschland so einiges an Shitstorm geerntet. Da schrieb zum Beispiel das Magazin Melodie und Rhythmus: „Sie plappern lediglich die plattesten Parolen einer neoliberalen Subkultur nach, die sich ‚antideutsch‘ nennt, in Wirklichkeit aber die historisch schlimmsten Tugenden der deutschen Mittelschicht zeitgemäß aufbereitet“. Bockt euch solche Kritik?

Koljah: Erst mal ist es ja so: Es gibt ja keine schlechte Promo. An so einem Artikel merkt man aber auch, dass wir irgendwie ’ne Relevanz haben und sich die Leute dazu gezwungen fühlen, sich damit auseinanderzusetzen, was wir so machen. Und das ist erstmal gut. Manchmal kann man sowas lustig finden, dieser Artikel ist ja wirklich herrlich absurd und ’ne absolute Frechheit. (Gelächter) Aber manchmal geht’s uns allen auch so, dass wir uns ärgern, weil wir uns eigentlich sagen: Wir sagen nicht viel zu sowas. Irgendwann haben wir dann aber doch ’n Statement auf Facebook verfasst, weil wir auch irgendwann ein bisschen genervt davon waren, dass Leute meinten: Was n‘ hier los? Und auch schon Veranstalter ankamen und Konzerte verlegen wollten. Dann nervt sowas, weil es anfängt einen zu beeinträchtigen. Aber sonst find‘ ich das generell eher lustig. Genau wie YouTube-Kommentare. Das sollte man nicht so nah an sich ran kommen lassen und sich eher freuen, dass man im Gespräch ist. Ist auf jeden Fall besser als ignoriert zu werden.
Panik Panzer: Ich würd‘ aber eigentlich lieber von anderen Rappern gedisst werden. Oder von Punk-Bands.

Von welchen denn am liebsten?

Panik Panzer: Ich hab‘ da keine Präferenzen. Einfach von anderen Musikern. Wenn uns eine Indie-Band zum Beispiel dissen würde, fände ich das gut.
Koljah: Ja, von Punk-Bands wär‘ echt ganz cool. Wir hatten ja letztens ’n kleinen öffentlichen Beef mit Terrorgruppe. Das ging auch von Terrorgruppe aus. War aber glaube ich ironisch gemeint. Naja, ist immerhin ein Anfang. Aber so ein richtig echter Diss? Das wär‘ mal was.

In Marburg gibt es jedes Jahr erneut die Diskussion, ob die Burschenschaften auf dem Marktplatz den Marktfrühschoppen veranstalten sollen. Unter den Mitfeiernden tummeln sich auch offen Rechtsextreme. Wie beispielsweise die Burschenschaft Germania. Was sagt ihr, haben Menschen mit menschenverachtendem Gedankengut ein Recht auf Meinungsfreiheit?

Koljah: Ich hab‘ tatsächlich Erfahrungen mit dem Marktfrühschoppen in Marburg, weil ich da schon dreimal gespielt und an den Protesten teilgenommen habe. Früher, als noch niemand was von der Musik, die wir Antilopen gemacht haben, mitbekommen hat. Ich hab damals mit Tai Phun zusammen gearbeitet und wir wurden 2004, 2005 und 2006 von so einem großen Studentenhaus eingeladen.

Dem Bettenhaus.

Koljah: Ja, kann sein. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Namen. Sah auf jeden Fall ein bisschen aus wie ein Krankenhaus. Ich weiß noch, dass das der allererste Auftritt war, für den ich Geld bekommen habe, was über die Fahrtkosten hinausging. Und dann haben die uns immer wieder geholt. Am Vortag vom Marktfrühshoppen sind wir immer aufgetreten und am nächsten Morgen sind wir hin, haben die Bierbänke besetzt und Parolen gerufen. Und klar, das sind ganz unsympathische Zeitgenossen da und ganz furchtbare Leute. Aber andererseits funktioniert Meinungsfreiheit so, dass solange irgendwas nicht gegen das Grundgesetz verstößt, er das sagen darf. Aber wir haben wiederum auch das Recht dort zu demonstrieren und uns dagegen zu positionieren. So funktioniert Demokratie. Aber klar ist, dass irgendwelche Hetzreden nicht stattfinden sollten. Leider war ich seit langem nicht mehr in Marburg dabei. Aber hier geht’s auch immer so anstrengend den Berg hoch.

Feiert ihr euch eigentlich dafür, dass euch das Feuilleton so feiert?

Koljah lacht.
Panik Panzer: Tut es das? Schon, ne? Aber es geht ja auch noch stärker. Ich find‘ nicht, dass wir jetzt so Feuilleton-Rapper sind. Ich find Grim 104 von Zugezogen Maskulin ist ein Feuilleton-Rapper. Der wurde wirklich überall in den Himmel gelobt. Bei uns hat sich das noch in den Grenzen gehalten.
Koljah: Joa, wir waren schon in diesen Medien vertreten. Manchmal interpretieren die Sachen aber auch sehr komisch oder lesen da so rein, was sie drin sehen wollen. Das ist nicht immer so gehaltvoll, was da passiert. Aber ja, wir feiern uns generell dafür, wenn jemand über uns redet.
Panik Panzer: Wir feiern uns immer wenn wir irgendwo statt finden. Und trommeln uns auf der Brust.

Wie würdet ihr euren Großeltern denn euer Album „Aversion“ erklären?

Koljah: Der Track Enkeltrick ist ja selbsterklärend für Großeltern.
Panik Panzer: Glücklicherweise sind Großeltern ja meistens so alt, dass sie nicht mehr viel verstehen. Dann sagt man einfach: Wir haben Musik gemacht. Das ist von den Schwarzen geklaute Musik. Die machen wir jetzt auch. Die ist ganz schön. Hör‘ dir das doch mal an.
Koljah: Man muss sich auch keine Sorgen machen, dass Großeltern irgendwelche Textzeilen bitter aufstoßen, weil das für die sowieso viel zu schnell gesprochen ist.
Panik Panzer: Wenn man wollte, könnte man ein ganzes Album gegen Großeltern machen. Die würden es nur nicht raffen, weil sie es nicht verstehen. Aber denen das dann bei ’nem Stück Kuchen und ’ner Tasse Kaffee vorzuspielen, wär‘ eigentlich mal ein Projekt.
Koljah: Die Idee gefällt mir.

Und welche Line ist so geil, dass ihr sie euch tätowieren lassen würdet?

Koljah: „Nichts mehr mit Koljah“
Panik Panzer (lacht): „Bundesjugendspiele sind für Hurensöhne“. Die kam aus vollem Herzen, aber die ist nicht so tätowierungswürdig. Leider!

Dafür brauch man ja auch ziemlich viel Platz, oder?

Koljah: Ja, das müsste etwas kürzer sein.
Panik Panzer (überlegt): Ja, aber da könnte man ja auch ein lustiges Bild drunter machen. Irgendwie von.

… so einem Bild von einer Teilnehmerurkunde?

Panik Panzer: Ja, genau. So ’ne Ziellinie oder eine Siegerurkunde. (lacht) Ey, ich lass‘ mir ne Sieger-Urkunde tätowieren! Das ist doch ne ganz gute Idee. Man muss sein Versagen ja auch mit Stolz zeigen.
Koljah: Wir haben eigentlich gerade auch ’ne ganz ähnliche Diskussion geführt, weil wir überlegt haben, welche Sprüche oder Zeilen man auf T-Shirts drucken kann. Wir haben ein T-Shirt dabei, ganz neu für diese Tour, da steht drauf: „Deutsch-Rap muss sterben, damit wir leben können“. Das würde ich mir allerdings nicht tätowieren wollen. Ich muss nicht unbedingt „Deutsch-Rap“ auf meine Haut schreiben. Es stand dann aber auch zur Debatte: „Allergie, Aversion, Anti-Alles-Aktion“. Das ist vielleicht schon eher. Wobei dann lieber nur „Anti-Alles-Aktion“. Das würde gehen. (Panik Panzer nickt zustimmend) So hieß unsere Crew früher. Wir haben uns ja auch schon alle das Antilopen-Logo tätowiert. Aber das würde vielleicht noch dazu passen. Da könnte man halt noch irgendwas Antilopen-mäßiges nehmen.
Panik Panzer: Ich glaube, ich würde mir auch einfach nichts aus unserem Album tätowieren lassen, sondern dann doch lieber noch mal ein bisschen Casper anhören. (Koljah lacht) Das ist auch gar nicht als Diss gemeint, sondern er hat ja wirklich viele Zeilen, die was hergeben für so eine Tätowierung. Koljah: Aber es ist auch ein bisschen egal, weil die Casper oder auch Broiler-Fans sowieso sehr lange Sachen benutzen. Auch gern in so einer Schnörkelschrift. Früher hieß das immer „Arioso“ bei Word (lacht) Kennt ihr die noch? Das ist diese schnörkelige Schriftart, bei der sieht irgendwie alles gut und wichtig aus. Da könnte man auch irgendeinen Blödsinn tätowieren und es sähe hochtrabend aus. Ich habe mal ein Foto gesehen, ich glaube, dass das ein Broilers-Fan war, der hatte tatsächlich den kompletten Rücken damit tätowiert.
Panik Panzer: Das sieht man ja öfters, dass Fans sich eine komplette Strophe auf den Oberarm tätowieren lassen.
Koljah: Da sollte man vielleicht echt nicht die Antilopen Gang nehmen.
Panik Panzer: Ich würde mir vielleicht eher mein eigenes Gesicht tätowieren lassen.

So sähe das in "Arioso" aus.
So sähe das in „Arioso“ aus.

Vielleicht auf den Hinterkopf? Mit ’ner Glatze?

Panik Panzer: Ohja, genau so!
Koljah: Ey, ich würde mir auch sein Gesicht tätowieren lassen.

Wir sind ja ein Unimagazin. Deswegen müssen und wollen wir diese Frage auch noch stellen. Außerdem sind wir sind ja auch Geisteswissenschaftlerinnen. Kürzlich hat ein Göttinger Politikwissenschaftler geschrieben: „Aversion“ ist vielleicht so etwas wie die musikalische Formulierung von Kritischer Theorie für das Jahr 2015.“ Auf Facebook habt ihr dazu gesagt: „Die Uni hat Swag“. War’s das an Kommentaren dazu? Oder habt ihr zu dieser Kategorisierung auch noch mehr zu sagen?

Koljah: Was soll man dazu sagen? Ich meine das ist ja relativ bezeichnend. Ihr habt eben das Zitat vorgelesen, dass wir die „neoliberale Subkultur seien“. Und dann hat dieser Herr Samuel Salzborn aus Göttingen in uns die kritische Theorie der Neuzeit entdeckt. Das zeigt halt, wie verschieden man das interpretieren kann, was wir so machen. Und ich glaube beide Parteien lesen dann ganz gerne, das was sie lesen wollen in unseren Texten. Natürlich freut einen das mehr, wenn es so etwas wie ein Lob ist. Und ich finde kritische Theorie auch voll gut. Ich fühle mich auch ehrlich gesagt echt geschmeichelt, wenn ich so etwas höre. Aber trotzdem denkt man sich dann auch: Okay, wie der jetzt teilweise unsere Sachen interpretiert, darauf wären wir selbst nicht gekommen. Da waren wir dann teilweise selbst überrascht. Das kann man sich dann natürlich ganz gut aneignen, wenn da jemand einen roten Faden sieht. In dem Artikel definiert er anfangs ja auch die kritische Theorie – anhand von verschiedenen Merkmalen. Und diese Merkmale findet er dann auch in unseren Texten. Und ich könnte jetzt sagen: „Ja, klingt alles schlüssig“. Und könnte behaupten, so ist das. Aber so war es eigentlich nie, denn wir gehen nicht so daran, dass wir Sachen so genau planen.
Panik Panzer: Ich glaube, dass genau das das Ding ist. Das man teilweise Sachen unbewusst macht, die ganz richtig sind. Ich kann mich gerade auf keine konkrete Stelle beziehen aus dem Text. Aber ich weiß, dass als ich den Text zum ersten Mal gelesen habe, hier und da Sachen entdeckt habe, wo ich dachte: „Ja, stimmt“. Es war vielleicht nicht zu 100 Prozent vorher so intendiert, aber so wie er es interpretiert, ist es schlüssig.
Koljah: Und er ist sicherlich näher dran als die Autoren von der Melodie und Rhythmus. Da fühle ich mich auch definitiv wohler mit! Es gibt ja auch Textstellen, wenn Danger Dan von Warenförmlichkeit Warenförmigkeit spricht. Das sind Begriffe, die man eher mit kritischer Theorie identifiziert. Da fühle ich mich auch wohler – bezogen auf diese Theorie-Tradition. Da sehe ich mich eher verortet, auch wenn mir davon vieles zu kompliziert ist, um mich damit auseinanderzusetzen. Das haut aber eher hin. Auch wenn wir da natürlich Lorbeeren ernten.
Panik Panzer: Fick die Uni.

Apropos Fick die Uni. Wir sind definitiv faule, dafür aber auch clevere Studentinnen. Wir haben uns überlegt, dass ihr euch einfach selbst die letzte Frage stellt. Und wir tun dann so, als ob die uns eingefallen wäre.

Panik Panzer: Oh, da brauche ich kurze Bedenkzeit.
Koljah: Mir fällt eine Frage ein, aber da ist die Antwort sehr simpel.
Panik Panzer: Dann stell‘ sie doch mal…
Koljah: Seid ihr die Kings? (Panik Panzer lacht) Mhhm. Aber sonst.
Panik Panzer: Wo seht ihr euch in 10 Jahren?!

Ist das echt eine Frage, die ihr gerne beantworten würdet?

Koljah: Nee, aber ich muss sagen, dass das eine nahe liegende Frage ist. Aber so oft wurde sie uns noch nicht gestellt.
Panik Panzer: Ist ja auch sehr schwierig. Aber dann kann man seinen Größenwahn offen legen und keiner nimmt einen mehr ernst.
Koljah: Wo siehst du dich denn in zehn Jahren? Ganz oben?
Panik Panzer: Joa. (schaut nach oben, macht Handbewegungen in Richtung Decke). Wir haben das ein oder andere erfolgreiche Album veröffentlicht, haben viele erfolgreiche Tourneen gespielt…

(Zu Panik Panzer) Und du hast ein Tattoo? Mit einer Siegerurkunde?

Panik Panzer: Ja, auch das. Auf jeden Fall. Ich habe bestimmt noch ein paar mehr bescheuerte Tattoos. Ich neige dazu, mir schlechte Tattoo-Motive auszuwählen. Ich glaube, hoffe und wünsche mir, dass wir in 10 Jahren immer noch Musik machen als Antilopen Gang. Vielleicht, wenn alles glatt läuft, leben wir nach wie vor von der Musik. Aber wenn nicht, werde ich sicherlich in diesem Bereich weiterhin tätig sein. Egal ob ich Artworks mache für andere Leute oder Manager werde… (Beide lachen) Nee, Manager werde ich definitiv nicht. Aber irgendwie werde ich wohl weiterhin im Musik-Business verwurzelt sein. Bestenfalls als Musiker.
Koljah: Ich glaube auch, dass die Chancen nicht so klein sind, dass die Antilopen Gang weiterhin unter diesem Namen existiert, aber möglicherweise wieder in anderer Form. Beispielsweise wie früher, dass wir Solo oder Zweier-Konstellationen machen, weil uns das zu dritt auf Dauer zu anstrengend ist. Ansonsten hoffe ich, dass ich in zehn Jahren eine Haartransplantation gemacht habe und sehr volles Haar haben werde. Und dann werde ich auf jeden Fall noch eine Möhrensalat-Diät durchziehen. Also in zehn Jahren bin ich dann schlanker als jetzt. Ich werde viel Möhrensalat essen. Das ist auch gut für die Gesichtsfarbe.

Vielleicht habt ihr bis dahin ja auch ein Buch geschrieben?

Koljah: Das könnte gut sein.
Panik Panzer: Das ist ja noch in Planung! Aber der Einzige, der das tatsächlich mal so enthusiastisch verfolgt hat, war Danger Dan. Aber vielleicht bringen wir das ja noch raus.
Koljah: Ich muss an dieser Stelle noch sagen, da er ja nicht anwesend ist, dass ich glaube, dass kein Buch von der Antilopen Gang erscheinen wird.
Panik Panzer: Och, ich finde, das ist nicht komplett unrealistisch.
Koljah: Aber ich kann mir vorstellen, dass ich mal ein Buch schreibe. Aber ich habe kein Bock ein Buch mit euch zu schreiben. (Panik Panzer lacht)
Panik Panzer: Ja, dann ist das wohl abgehakt. Das ist dann wohl der Egoist in dir.
Koljah: Nee, ich kann nur alleine schreiben.
Panik Panzer: Das Problem ist bei der Antilopen Gang, die funktioniert tatsächlich nur – Danger Dan sagt das momentan in jedem Interview und es nervt mich total dieses Wort zu hören, dass wir uns gegenseitig ein „Korrektiv“ sind. Aber es ist tatsächlich so, denn wir funktionieren wunderbar, wenn wir gegenseitig unsere Defizite ausgleichen. Wenn Danger Dan wirklich dieses Buch schreibt – darauf wollte ich eigentlich hinaus – dann wird es einerseits geil, weil es total kreativ ist. Aber andererseits wird es wahrscheinlich nicht so schön zu lesen sein. Ich glaube, wenn ich dann die erste Korrektur vornehme und ein bisschen was umstelle und streiche, dann ist es schon geiler. Und wenn danach Koljah nochmal dran geht, dann wird es ein geiles Buch!
Koljah: Aber dann ist es ja kein Buch von der Antilopen Gang, sondern eines von Danger Dan, was durch zwei Lektoren-Hände gegangen ist.
Panik Panzer: Ja, aber ich würde ja auch was dazu schreiben und weglassen.
Koljah: Aber das geht nicht.
Panik Panzer: Okay. Einigen wir uns darauf, dass das Buch nicht rauskommt. (Beide lachen)
Koljah: Aber danke für die Frage!

Tick Tack. Die Zeit ist um. Ist eben ein Unterschied, ob man im einem langweiligen Seminar zur Geschichte der Europäischen Union sitzt, oder mit der Antilopen Gang schnackt, denken sich die beiden Redakteurinnen. Es wird sich verabschiedet und Koljah und Panik Panzer organisieren sich für das nächste Interview weiteres Bier und Limonade. Später an diesem Abend wird das Publikum schließlich inmitten eines ausverkauften Konzertes tanzen und pogen. Einige, darunter die beiden Redakteurinnen, werden sich außerdem freuen, dass ihnen in Marburg auch mal wieder was anderes als einer dieser zwar schönen, aber doch oft ähnlichen Electro-Parties geboten wurde. Und die Antilopen werden auf Facebook schreiben: Marburg, das war geil mit euch!

Wer übrigens kein Ticket bekommen oder einfach Bock auf ein Déjà-Vu (Hah!) hat, kann sich dank dem geilsten Semesterticket der Welt die Antilopen noch am 19. Februar 2015 in Heidelberg oder am 12. März 2015 in Göttingen anschauen.

img_2364VORGEGLÜHT Mit David Häussler, alias „form“, 30 Jahre alt und bald fertig mit seinem Studium der Publizistik, Film- und Politikwissenschaft, stimmte sich das Antilopen-Publikum am Abend im KFZ mit Texten ein, die unter anderem von Antifaschismus, Recht auf Stadt und Gutmenschentum handeln. „Gutmenschentum“ ist sowieso Programm bei form. Unter anderem ist der nämlich auch Herausgeber des „FICKO-Magazins“, das sich nichts weniger auf die Fahne geschrieben hat als über gute und gegen schlechte Dinge zu berichten. Tracks von ihm, den wir ganz geil finden? Mainz wird Wiesbaden und Das Boot ist voll

FOTOS: Luis Penner

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(Ehemalige) PHILIPP-Autorin, hat Politikwissenschaft in Marburg studiert, lebt und studiert aber mittlerweile in Halle (Saale) den M.Sc. International Area Studies. Kennt wohl mittlerweile (fast) jede Doku über die Arktis und hat beim Feiern meist einen Apfel in der Jute. Und: Vermisst Marburg.